SV Berghofens neue Trainerin über Jürgen Klopp, Lina Magull und das Platzen eines Traums

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Als Laura Marienfeld ihre aktive Karriere beendete, zerbrach „eine große Welt“. Nun wird sie die erste Cheftrainerin beim SVB und verrät unter anderem, welche Rolle der BVB in ihrem Leben spielt.

von Patrick Radtke

Dortmund, Berghofen

, 25.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Ära von Thomas Sulewski ist beim SV Berghofen mit Saisonende vorbei. In der neuen Spielzeit steht Laura Marienfeld, die aktuell noch die weibliche U17 des VfL Bochum coacht, an der Seitenlinie. Im Interview gibt sie Einblicke in ihre eigene Spielerinnen-Karriere, in ihre Trainerhandschrift und ihr Interesse an dem Fußball in einem anderen europäischen Land.

Laura Marienfeld, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum neuen Job in Berghofen ab der neuen Saison. Wie kam denn der Kontakt mit dem Verein zustande?

Im Endeffekt ist es so, dass wir im Verband ganz gut verdrahtet sind. Für mich stand schon fest, dass ich im Sommer eine neue Herausforderung suche möchte. Und ich wusste, dass Berghofen sich neu aufstellen möchte und die schon lange daran arbeiten, Schritte nach vorne zu machen, sich weiterzuentwickeln. Über eine Spielerin von Berghofen sind wir in Kontakt gekommen und haben Nummern ausgetauscht. Dann ist Stephan Gebling, Sportliche Leiter des Vereins, auf mich zugekommen. Wir haben viel telefoniert, uns oft getroffen und viel gesprochen.

Gespräche die Früchte trugen. Nun werden Sie die erste Trainerin, die der SV Berghofen in der Vereinsgeschichte für die Damenmannschaft engagiert. Ist das ein besonderer Druck, den sie deshalb verspüren?

Ich glaube, dass der Erwartungsdruck an mich schon hoch ist. Ich werde mein Bestes tun, ihm gerecht zu werden. Aber am Druck selbst ändert sich nichts. Ich glaube, es wäre das Gleiche wenn vor mir eine Frau hier tätig gewesen wäre. Für den Verein ist es eine schöne Sache, für mich aber egal.

Laura Marienfeld übernimmt den SV Berghofen zur neuen Saison.

Laura Marienfeld übernimmt den SV Berghofen zur neuen Saison. © privat

Frauen sind im Trainergeschäft immer noch selten. Zwei bekannte Beispiele, die zeigen, dass es aber auch im Männerfußball funktionieren kann sind Imke Wübbenhorst und Inka Grings. Verfolgen Sie den Weg der beiden und wäre das auch ein Weg, den Sie gehen wollen?

Ich finde es sehr interessant. Ich habe selbst immer gerne bei den Jungs gespielt, so lange es ging. Es hat sicherlich auch ein gewissen Reiz als Trainerin eine Herrenmannschaft zu trainieren. Aber wenn die Chance wie jetzt besteht, eine gute Frauenmannschaft zu übernehmen, finde ich das super.

Gibt es einen Wunschverein, den sie irgendwann einmal trainieren wollen?

Ich fände es super, mal was im Ausland zu machen, sich zum Beispiel dem englischen Fußball zu widmen. Das würde mich absolut reizen. Ansonsten versuche ich aber, mich erstmal selbst an der Basis weiterzuentwickeln und mich weiterzubringen. Ziele gibt es immer aber es müssen realistische sein.

Sie sind erst 25 Jahre alt. Wenn Sie in Berghofen anfangen, sind sie 26. Das ist jung für eine Trainerin in der Regionalliga. Glauben Sie, dass Ihr Alter – ein Teil der Spielerinnen ist älter als sie – eine Rolle spielen wird?

Nein, ich glaube nicht. Ich habe mit mehreren Spielerinnen schon gesprochen und bin absolut positiv aufgenommen worden. Jede Spielerin freut sich darauf, dass frischer Wind reinkommt. Natürlich kann es vorkommen, dass ältere Spielerinnen oder auch Zuschauer erst einmal denken, dass ich jung bin. Aber entscheidend ist, was auf dem Platz passiert. Wenn die Leistung stimmt, spielt das Alter keine Rolle.

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Wie schafft man es, sich als junge Trainerin Autorität zu verschaffen?

Am Ende des Tages sind Ergebnisse immer entscheidend. Aber eigentlich fängt es schon früher an. Ich glaube ich gehöre auf dem Platz zu den Trainerinnen, die kein Problem damit haben Respekt zu bekommen. Wir werden im Training eine klare Linie fahren. Jede weiß genau, wo sie dran ist.

Das klingt nach einer Schleiferin wie Felix Magath.

Nein, die Mannschaft wünscht sich das auch! Es muss eine gute Mischung sein. Wenn ich ein Vorbild finden müsste, dann wäre das für mich Jürgen Klopp. Mit dem versuche ich mich etwas zu identifizieren. Ich bin schon jemand, der laut ist, der auch mal aggressiv ist. Der in dem Moment, in dem es auf dem Platz geht, keine Sekunde an etwas anderes verschwendet. Aber abseits des Platzes versuche ich auch etwas Kumpeltyp zu sein, ohne die Linien zu sehr verschwimmen zu lassen. Ein gutes Handling und eine klare Linie. Ich bin ein Typ, der zu 100 Prozent das lebt, was er macht. Wenn ich da nicht 100 Prozent hinterstehe, ergibt es keinen Sinn. Es geht um absolute Leidenschaft.

Genau diese Leidenschaft hat Sie auch schon immer im Fußball begleitet.

Ja. Meine Familie kommt ursprünglich aus Dortmund, meine Oma wohnt noch hier. Mein Interesse an den Fußball kommt von der Seite meines Papas, er ist gebürtiger Dortmunder und war beim BVB. Mein Bruder und ich, wir sind in den Fußball hineingeboren worden.

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Sie selbst waren ein hoffnungsvolles Talent, mussten ihre Karriere aber früh beenden...

Ja, ich habe damals in der U17 beim FSV Gütersloh gespielt und war auch schon im Kader der Zweitligamannschaft. Ich sollte den Sprung machen. Aber dann wurde ich operiert und bin nie wieder richtig fit geworden.

Das alles nur wegen einer ausgekugelten Schulter und Bandscheibenvorfällen. Das ist tragisch. Hatten Sie die Profi-Karriere damals im Kopf?

Ja, definitiv. Ich war auch auf einem Teilzeitinternat des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen in der Sportschule Kaiserau. Zu dem Zeitpunkt ist schon eine kleine Welt zusammengebrochen. Nein, wohl eher eine große. Es war mein Leben.

Wie haben sie diesen Schlag verkraftet?

Ich hatte einfach großes Glück, dass ich beim FLVW ein Praktikum und einen Trainer-Lehrgang machen konnte. Die haben mich aufgegangen. Die Option Trainerin sein zu dürfen, hat mich ein Stück weit gerettet. Darüber bin ich sehr glücklich.

Eine ihrer ehemaligen Mitspielerinnen, Lina Magull, ist heute in der Nationalmannschaft angekommen.

Wir haben zusammen in Gütersloh gespielt und sind immer noch befreundet. Es ist für mich eine der besten Fußballerinnen, die wir in Deutschland haben. Aber die Erfahrung mit dem Karriereende hat mich als Persönlichkeit geprägt. Man lernt Dinge anders zu schätzen. Mein Leben wäre heute nicht so wie es jetzt ist, wenn ich damals Profispielerin geworden wäre. Es hat alles Vor- und Nachteile. Ich schätze auch, was ich nun habe.

Kommen wir zurück zur anstehenden Aufgabe. Sie wechseln von der U17 des VfL Bochum nach Berghofen. Warum geben Sie die Zeit bei einem Profiklub auf?

Der Reiz eine Damenmannschaft zu trainieren, war definitiv da. Einfach, um auch für mich selbst zu gucken, wie ich manche Sachen, die ich nun zurückhalten muss oder die ich im Jugendbereich nicht anwenden kann, bei den Damen auf den Platz bringen kann. Ich glaube aber auch, dass das Timing gut war. Der Vorstand hat mir ein super Gefühl gegeben, dass der Verein zu mir passt und dass ich zum Verein passe.

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Welche Dinge mussten Sie denn bisher zurückhalten?

Es ist schon eine Sache des Umgangs. Die Arbeit im Jugendbereich beinhaltete eine ganz hohe Prozentzahl an Erziehungsarbeit. Ich erhoffe mir, dass ich auf einer anderen Basis arbeiten kann. Dadurch, dass ich bei Berghofen eine reifere Mannschaft habe. Ich kann taktisch tiefer arbeiten, kann mehr ausprobieren und entwickeln. Der große Vorteil ist, dass man über mehrere Saisons mit einem gewissen Grundbaustein als Kader arbeiten kann und nicht jedes Jahr eine neue Mannschaft bekommt. Ich habe diesen Kader und kann daraus etwas formen, bei dem man am Ende auch sieht, ob es funktioniert hat. Ich freue mich sehr auf den Erwachsenenbereich.

Der Sportliche Leiter Stephan Gebling sagte, die Art und Weise wie Laura Marienfeld den Fußball sieht, habe ihn stark beeindruckt. Wie sehen Sie denn den Fußball?

Das ist stark abhängig davon, was man für eine Mannschaft vorfindet. Ich stehe aber schon auf aggressiven Fußball, aggressives Pressing, Fußball, bei dem es auch zur Sache geht.

Damit sind wir wieder bei Jürgen Klopp

Ich mag einfach verschiedene Arten des Pressings. Es kommt auch darauf an, was die Mannschaft umsetzen kann. Ich mag Ballbesitzfußball aber auch das schnelle Umschalten. Da muss man schauen, was am besten für das Team geeignet ist. Wir werden sicherlich eine gewisse Handschrift reinbekommen aber wichtig ist, was die Mannschaft am stärksten macht und nicht das, was ich am liebsten sehen würde.

Gehen wir mal davon aus, die Spielerinnen können umsetzen, was Sie sich vorstellen. Was ist Ihr Ziel mit Berghofen? Der Antrag auf Liga zwei wurde ja eingereicht.

Mein persönliches Ziel ist das, welches der Verein auch hat. Das Konzept und die Philosophie passen absolut zu meiner Vorstellung von Leistungsfußball und meinen Zielen. Deswegen habe ich mich auch schnell dazu entschieden, zuzusagen. Berghofen weiß, wo sie hinwollen und ich möchte das unterstützen. Das Ziel auf langer Sicht ist definitiv aufzusteigen und sich in der zweiten Liga zu etablieren.

Dafür braucht es natürlich auch immer wieder punktuelle Verstärkungen. Sie sind bestens vernetzt. Ist nun zu erwarten, dass bald Spielerinnen über die A40 aus Bochum nach Berghofen fahren?

In erster Linie geht es darum, dass der Verein in der Philosophie auf junge Spielerinnen setzt. Ich bin auch jemand, der das als den richtigen Weg ansieht. Das befürworte ich absolut, immer in der Kombination mit etablierten und erfahrenen Spielerinnen. Die Kaderplanung treffe ich nicht alleine, ich bin da im regen Austausch mit dem Vorstand. Wir werden gucken, wie der Kader aktuell aufgestellt ist, was Sinn macht und was nicht. Wenn der Verein mich fragt, ob mir auf einer gewissen Position jemand einfällt, kenne ich sicherlich welche. Nicht nur aus Bochum, auch aus Gütersloh oder Essen. Dann wird man sehen, ob man da wen gewinnen kann. Aber der Kader so wie er jetzt ist, hat auch viel Potenzial und die Mannschaft steht zurecht da, wo sie steht.

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