Vom TV Brechten in die große weite Welt - „Unser Anne“ Richter feiert besonderes Jubiläum

Leichtathletik

Am 21. Februar vor 50 Jahren wurde die Dortmunder Ausnahmesprinterin erstmals Deutsche Hallenmeisterin – es war der Auftakt zu einer außergewöhnlichen Karriere.

Dortmund

, 21.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Von Sportlerin des Jahres zu Sportlerin des Jahres: Annegret Richter überreichte bei Dortmunds Sportlergala den Preis an Beachvolleyballerin Svenja Müller.

Von Sportlerin des Jahres zu Sportlerin des Jahres: Annegret Richter überreichte bei Dortmunds Sportlergala den Preis an Beachvolleyballerin Svenja Müller. © Stephan Schuetze

Der 21. Februar ist für Annegret Richter ein besonderes Datum. An diesem Tag erkämpfte sie vor 50 Jahren in Berlin als Hallenmeisterin über 50 Meter ihren ersten nationalen Meistertitel.

Es war der Auftakt für eine glanzvolle Karriere mit 28 deutschen Meisterschaften, drei Gold- und zwei Silbermedaillen bei Europa-Meisterschaften – und als Höhepunkt je zwei olympische Gold- und Silbertaler. Eine einmalige Bilanz für Dortmunds erfolgreichste Sportlerin.

Erstmals internationales Flair in Frankreich

Alles begann auf dem Sportplatz „Am scharfen Eck“. Dort trainierte die kleine Annegret Irrgang zweimal in der Woche mit ihren Vereinskameraden vom TV Brechten. „Wir waren eine kleine Gruppe bei Siegfried Benthaus, und von ernsthaftem Training unter Leistungsgesichtspunkten konnte man nicht sprechen“, erinnert sich die Olympiasiegerin.

Montreal, 25. Juli 1976: Annegret Richter (vorne re.) sprintet über 100 Meter zur olympischen Goldmedaille.

Montreal, 25. Juli 1976: Annegret Richter (vorne re.) sprintet über 100 Meter zur olympischen Goldmedaille. © imago sportfotodienst

Immerhin lief sie 1966 als 16-Jährige die 100 Meter auf einer Aschenbahn in handgestoppten 12,2 Sekunden. So konnte sie Pfingsten 1966 mit einer Dortmunder Stadtauswahl bei einem Vergleichskampf in Amiens erstmals internationales Flair schnuppern.

„Die feierliche Eröffnung mit Nationalhymnen, Startkommando in französischer Sprache, das war für mich sehr spannend“, sagt sie. Auch nicht im Entferntesten ahnte sie damals, welche Erfolgsgeschichte damit begann.

„Natürlich hat man als junger Mensch Hoffnungen. Aber so weit konnte ich nicht einmal träumen“, beschreibt Annegret Richter ihre damaligen Vorstellungen von ihrer sportlichen Zukunft und ergänzt: „Etwas konkreter wurde es da schon 1968, als ich zum ersten Mal mit 11,9 Sekunden die ,12´ unterbot und zur deutschen Mannschaft für die EU-Juniorenspiele in Leipzig gehörte. Leider fielen diese Spiele für uns wegen des Einmarsches der Staaten des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei aus.“

Acht bis zehn Mal die Woche Training

In den ersten Jahren war die Leichtathletik für die Brechtenerin, die bald zum damaligen OSC Thier wechselte, noch ein echtes Hobby, und ihr persönliches Leben veränderte sich dadurch nicht. Noch konnte sie Schule und Training gut miteinander vereinbaren.

Als sie 1970 Angestellte des Hoesch-Konzerns wurde, konnte sie viermal in der Woche trainieren, das reichte schon zu mehreren internationalen Medaillen. Aber als die Sprinterin ihre Trainingsintensität auf acht bis zehnmal pro Woche steigerte, wurde es schwieriger, Sport und Beruf zu verbinden.

„Um ein intensives Training im Hinblick auf Olympia 1972 in München durchführen zu können, erhielt ich einen Arbeitsplatz bei der Stadt Dortmund, die mir angemessene Zeit für mein Training ermöglichte“, ist sie ihrer Heimatstadt heute noch dankbar.

Dortmunds Sportlerin des Jahres und Briefmarken-Modell

Im Sommer 1971 gewann die Dortmunderin bei der EM in Helsinki mit dem deutschen 4x100-Meter-Quartett Gold. Im olympischen Staffelfinale 1972 in München brachte sie das DLV-Quartett mit einem furiosen Lauf durch die Zielkurve auf Griffnähe zur führenden DDR-Mannschaft, sodass Schlussläuferin Heide Rosendahl (heute Ecker) das westdeutsche Staffelgold vollenden konnte.

  • Annegret Richter, geboren als Annegret Irrgang am 13. Oktober 1950 in Dortmund, gehörte in den 70er-Jahren zu den weltbesten Sprinterinnen. Ihre größten Erfolge hatte sie bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal. Dort gewann sie Gold über 100 Meter, wobei sie ihre große Rivalin Renate Stecher bezwang, und zweimal Silber (im 200-Meter-Lauf, knapp hinter Bärbel Wöckel aus der DDR, und in der 4-mal-100-Meter-Staffel).
  • Wenige Wochen vor Olympia hatte Staffelkollegin Inge Helten mit 11,04 Sekunden einen Weltrekord über 100 Meter aufgestellt, den Richter im olympischen Halbfinale auf 11,01 verbesserte.
  • Richter ist verheiratet mit mit dem ehemaligen Hürdensprinter und LGO-Trainer Manfred Richter, sie ist Mutter zweier erwachsener Kinder und lebt nach wie vor in ihrer Heimatstadt Dortmund.

Höhepunkt ihrer Erfolgsbilanz waren die Olympischen Spiele in Montreal, die für sie nach dem 100-Meter-Weltrekord (11,01) im Halbfinale das umjubelte Gold brachte, dazu nach einer hauchdünnen Niederlage noch Silber über 200 Meter. Nun stand sie endgültig im Rampenlicht.

„Ich wurde oft erkannt, um Autogramme gebeten, habe Fan-Post gekommen und wurde Dortmunds Sportlerin des Jahres.

Darüber hinaus habe ich viele Ehrungen erfahren, zum Beispiel die Stadtplakette der Stadt Dortmund, den Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis, das Silberne Lorbeerblatt und das Bundesverdienstkreuz“, berichtet Richter, und das war nicht alles: „Ich war Fahnenträgerin beim Ausmarsch der Nationen 1976 und habe das als außergewöhnliche Ehre empfunden. Außerdem bin ich auf Briefmarken der Bundespost von Ecuador und Guinea abgebildet.“

Max Schmeling, Fritz Walter, Uwe Seeler, Helmut Schmidt

Es war eine spannende Zeit, „und ich habe in dieser Zeit viele Menschen kennengelernt, denen ich ohne den Sport nie begegnet wäre wie Max Schmeling, Fritz Walter, Uwe Seeler und den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt“. Trotz ihrer Erfolge und sie den Verlockungen durch finanzstarke Klubs und blieb als bodenständige Dortmunderin „unser Anne“.

Die heimische Leichtathletik verfolgt Richter nach wie vor, denn: „Die Leichtathletik spielt in Dortmund eine wichtige Rolle. Die Körnig-Halle ist eine der wenigen Hallen, die ganzjährig unseren Athleten zur Verfügung steht. Allerdings leiden die Leichtathleten darunter, dass das Stadion Rote Erde als zentrale Trainingsstätte durch andere Veranstaltungen ausfällt. Da wird die zusätzliche Anlage in Hacheney, die im Frühjahr eröffnet werden soll, den Druck etwas mindern“.

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