Westfalia Hernes Knappmann erklärt, warum Bövinghausen vor Türkspor landet

mlzFußball in Dortmund

Immer mehr Akteure verlassen den Oberligisten Westfalia Herne in Richtung Dortmund - zum TuS Bövinghausen oder zu Türkspor Dortmund. Coach Christian Knappmann kann manche Wechsel nicht begreifen.

Dortmund

, 28.05.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Ruhrgebiet ist er längst zu einer Ikone aufgestiegen. Kahlköpfig, groß, laut und an der Seitenlinie beinahe angsteinflößend: Die Rede ist von Christian Knappmann, Coach des Fußball-Oberligisten SC Westfalia Herne. Der 39-Jährige, den im Pott alle nur „Knappi“ nennen, wird neben seiner Fachkenntnis - er besitzt die A-Lizenz - vor allem für seine direkte, meinungsstarke Art geschätzt.

Knappmann gilt als Typ, als echtes Original, das sich gerne auch mal mit Zuschauern, Schiedsrichtern oder gegnerischen Trainern anlegt. Der Herner ist eben ein echter Charakterkopf, jemand, der polarisiert und mit jeder Faser gewinnen will.

Fünf Jahre bei Westfalia Herne

In diesem Jahr coacht „Knappi“ seit fünf Jahren die Herner Westfalia, ist in dieser Zeit mit Herne unter anderem von der Westfalenliga in die Oberliga aufgestiegen. Seinen eigenen Vertrag hat er kürzlich bis 2023 verlängert. „Knappi“ hat Ziele mit den finanziell angeschlagenen Hernern, die im vergangenen Jahr den Antrag auf ein Insolvenzverfahren stellten.

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Knappmann bleibt Herne in dieser komplizierten Phase also treu, verfeinert den eingeschlagenen Weg, den die Westfalia geht und möchte irgendwann noch einmal höher mit dem Verein hinaus. Einige seiner Ex-Spieler haben sich hingegen von Herne abgewendet. Ihr neues Ziel war - zuletzt immer häufiger - Dortmund. Explizit gemeint sind damit zwei Vereine, die genauso polarisieren wie Knappmann selbst: der TuS Bövinghausen und Türkspor Dortmund.

Sieben Ex-Herner beim TuS

Kurz zur Erklärung: Beim TuS Bövinghausen spielen demnächst sieben ehemalige Herner Akteure. Dino Dzaferoski, Philipp Rösler, Maurice Haar, Dejan Petrovic, Marko Onucka und Sebastian Mützel kicken bereits seit der Saison 2019/20 für den TuS. Zur neuen Saison stößt noch Keeper Ricardo Seifried zur Mannschaft von Trainer Dimitrios Kalpakidis. In Pascal Königs kehrt dagegen ein ehemaliger Herner, der diese Saison beim TuS aktiv war, zur Westfalia zurück.

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Türkspor Dortmund, das in den vergangenen Wochen, eine Reihe hochkarätiger Spieler vorgestellt hat, hat sich mittlerweile ebenfalls bei Herne bedient - allerdings nur zweifach. Kapitän Maurice Temme kommt, dazu agiert der ehemalige Sportdirektor der Herner, Timo Eibold, künftig bei Türkspor.

Doch wie steht Knappmann dazu? Kann der A-Lizenz-Inhaber die Wechselgründe in die Landesliga nachvollziehen? Teils, teils.

„Ein enges Verhältnis zum TuS Bövinghausen

„Zum TuS Bövinghausen habe ich ein ganz enges Verhältnis. Wir haben 2017/18 ja auch unsere Oberliga-Saison auf deren Platz ausrichten dürfen. Mit Ajan (Dzaferoski, Vorsitzender des TuS Bövinghausen, Anm. d. Red.) bin ich eng befreundet. Jungs, die ein gehobenes Oberliga-Niveau haben oder hatten und jetzt aus beruflichen Gründen fußballerisch kürzertreten möchten, kann ich dann schon verstehen, wenn sie nach Bövinghausen wechseln. Bei Ajan weiß man, dass alles seriös läuft und dass die Kohle pünktlich kommt“, sagt Knappmann und nennt dabei Spieler wie Marko Onucka oder Sebastian Mützel, die aus beruflichen Gründen weniger Aufwand betreiben möchten. In Herne werde nämlich während der Saison in der Regel fünf bis sechs Mal in der Woche trainiert.

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Weniger Verständnis zeigt Knappmann bei den Wechseln von Maurice Haar und Philipp Rösler, die zum TuS gewechselt sind und kürzlich ihre Verträge verlängert haben. „Das sind Jungs, die noch genug Oberliga-Jahre vor sich gehabt hätten. Mit beispielsweise 23 Jahren in die Landesliga zu wechseln, halte ich nicht für herausfordernd. Den Schachzug von Ajan finde ich aber richtig. Wenn du aus der Landesliga aufsteigen willst, dann musst du Hochkaräter verpflichten, die eine gewisse Qualität sichern. Für mich als Sportler hat das aber keinen Sinn gemacht“, wird Knappmann in gewohnter Art und Weise deutlich.

Die verschenkte Personalie Ricardo Seifried

Für noch verschenkter hält „Knappi“ die Personalie Ricardo Seifried. Der 22-jährige Keeper wechselt ebenfalls von der Westfalia zum TuS, war bei Herne Stammkeeper. „Ricardo hat in der Liga überhaupt nichts verloren. Er ist ein absoluter Glücksgriff für Bövinghausen und wird hinten heraus den Unterschied machen, warum Bövinghausen aufsteigt und nicht Türkspor“, sagt Knappmann, der darüber hinaus klar macht, dass er Seifried gerne behalten hätte, der Verein ihm aber das Gehalt nicht hätte zahlen können, was er verdienen müsse.

„Wir dürfen nie wieder rote Zahlen schreiben. Deswegen müssen wir ihm die Möglichkeit geben zu wechseln. Bei ihm tut es mir aber richtig weh“, so der Herner Coach.

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In eine ganz ähnliche Richtung äußert sich Knappmann auch zu Maurice Temme, der bekanntlich zu Türkspor wechselt. „Auch seinen Wechsel zu Türkspor halte ich für totalen Schwachsinn. Er hat mit dieser Qualität in der Liga nichts verloren. Er hatte eine Top-Amateurfußballlaufbahn vor sich, wenn ich sehe, was der Junge in seiner Jugend auch investiert hat“, sagt Knappmann über seinen ehemaligen Kapitän.

Spannendes Projekte

Obwohl Bövinghausen und Türkspor derzeit „nur“ in der Landesliga spielen, findet Christian Knappmann die Projekte spannend. Türkspor könne er allerdings noch nicht so richtig einschätzen. „Die Transfers sind für Landesliga-Verhältnisse super. Da kann man schon neidisch rüberblicken. Und auch, dass Kevin Großkreutz, Tim Eibold und Reza Hassani dort arbeiten, zeigt, dass es inhaltlich keine Kirmesveranstaltung ist, sondern ganz hohes Niveau“, so Knappmann, der Bövinghausen aktuell aber noch ein Stückchen weiter vorne sieht. Das liege vor allem am Vereinsumfeld.

„Bövinghausen hat zwei, drei Jahre Vorsprung“

„Ich glaube, dass Türkspor da noch nicht so strukturiert wie Bövinghausen ist. Bövinghausen hat da zwei bis drei Jahre Vorsprung. Nichtsdestotrotz treffen in der Landesliga nächste Saison Goliath gegen Goliath aufeinander. Für den Dortmunder Amateurfußball ist das ein Leckerbissen, für den gesamten Amateursport ein Ausrufezeichen“, sagt Knappmann, der sich - je nach Möglichkeit - die Partien auch privat anschauen wolle.

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Und was macht Herne selbst? Welchen Weg möchte der Oberligist auch im Zuge der Verlängerung Knappmanns einschlagen? Seit zwei, drei Jahren setze der Klub vermehrt auf junge Spieler. „Ich erwarte eine extrem hohe Intensität von den Jungs. Sie müssen oft da sein. Junge Spieler sind heiß und wollen den nächsten Step machen“, sagt Knappmann. Kürzlich hat der Verein beispielsweise die Verpflichtungen dreier U19-Akteure des DSC Arminia Bielefeld aus der Bundesliga-West bekanntgegeben. Jung, gallig und talentiert eben.

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Und welches Ziel hat Knappmann mit Herne? „Dass die Regionalliga unser Traum ist, ist ja kein Geheimnis. Ich persönlich möchte als Trainer auch nach oben, werde mich nächstes Jahr für den Fußballlehrer bewerben“, sagt Knappmann. Der Herner bleibt direkt - und ambitioniert. „Knappi“ eben.

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