Darum wechselten diese sechs LSV-Spieler zur SG Gahmen: Probleme mit der Nationalität?

mlzSG Gahmen

Sechs Spieler wechseln vom Lüner SV zur SG Gahmen. Haben sie sich aufgrund ihres Migrationshintergrunds nicht mehr willkommen gefühlt, wie die SGG sagt? Der LSV hält das für Quatsch.

Lünen, Lünen-Süd, Gahmen

, 13.06.2019, 16:33 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Fußballer der SG Gahmen hatten am vergangenen Samstag ihre Neuzugänge bekannt gegeben – so weit, so harmlos. Überraschend war nicht so sehr, dass ein A-Liga-Aufsteiger gleich elf neue Spieler auf einen Schlag präsentiert. Auch, dass sechs dieser Neuzugänge von einem einzigen Verein stammen, kommt durchaus mal vor in den Kreisligen. Es sind vielmehr die angeführten Gründe für die Wechsel von sechs Spielern vom Lüner SV zur SG Gahmen, die aufhorchen ließen.

Wie kommt es also, dass sechs Spieler mit Potenzial von einem Bezirksliga-Aufsteiger bzw. Westfalenligisten, im Falle von Hakan Uzun, zu einem A-Liga-Aufsteiger wechseln? Tolga Demir, Geschäftsführer der Gahmener, wollte zunächst nicht so richtig auf den Punkt kommen. „Es kam uns zu Ohren, dass sie wechselwillig waren“, sagte er. „Beim Lüner SV kam die Stimmung rüber, als wären sie nur in zweiter Reihe.“ Demir nannte das Spitzenspiel um die Meisterschaft beim VfB Lünen als Beispiel: „Du bist die ganze Saison dabei und am Ende heißt es: ‚Setzt euch mal hin. Ihr müsst Platz für die Besseren machen.‘ Meiner Meinung nach war das im VfB-Spiel sogar eher zum Nachteil.“

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Auf den schwerwiegendsten Wechselgrund kam Demir jedoch erst danach zu sprechen. „Es ist das Problem Migrationshintergrund“, sagt Demir. „Die Jungs haben immer wieder gemerkt, dass beim LSV, wie soll man sagen, ein bisschen aufgeräumt werden soll.“

„Wir wollen viele deutsche Spieler in die Mannschaft einbinden“

Im Frühjahr war der neue Sportliche Leiter des Lüner SV vorgestellt worden. Christian Hampel, der schon früher lange beim LSV gespielt und gecoacht hat, hatte während einer Pressekonferenz immer wieder betont, dass er Wert auf eine neue DNA im Team lege. „Wir brauchen einen starken Mix aus Mentalitätsspielern und guten Kickern. Wir wollen auch viele deutsche Spieler in die Mannschaft einbinden“, sagte der neue Sportliche Leiter damals gegenüber dieser Zeitung.

Das führte wohl dazu, dass sich einige Akteure nicht mehr willkommen fühlten beim Lüner SV. „Ich selbst war bis zum Sommer in der LSV-Jugend involviert“, erzählt Demir. „Das hat sich bis in den Jugendbereich durchgezogen. Diese Aussage hat vielen Eltern nicht gepasst. Auch bei den Jungs hat es am Ende keinen Spaß mehr gemacht.“

Hampel: „Halte das für Blödsinn“

Hampel selbst kann diese Gründe für die Wechsel überhaupt nicht nachvollziehen: „Wenn diese Spieler das als Grund anführen, halte ich das für Blödsinn. Wenn gute Fußballer im jungen Alter, mit Entwicklungspotenzial und Möglichkeiten in der Bezirks- oder Westfalenliga zu spielen, wechseln, dann ist damit eigentlich alles gesagt“, so der 49-Jährige. „Diese Aussagen waren keineswegs bezogen auf türkische Spieler. Es ging mir da um die richtige Mischung und alle haben mir damals Recht gegeben.“

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Kadir Kaya, Trainer des Bezirksliga-Aufsteigers, weist diese Vorwürfe ebenfalls scharf zurück: „Das ist Quatsch, was Tolga Demir da von sich gibt. Das ist Polemik, mehr nicht. Jeder, der diesen Verein und Christian Hampel kennt, weiß wie wir gestrickt sind. Diese Aussagen waren rein auf die sportliche Schiene bezogen“, sagt Kaya. Es gebe verschiedene Spielertypen, auch abhängig von der Herkunft. Da gebe es Emotionalere und Diszipliniertere, meint Kaya. Und weiter: „Eine gute Mischung ist es, auf die es ankommt. Christian verlagert da nur etwas den Fokus auf andere Werte.“

14 Spieler mit türkischen Hintergrund, sechs Deutsche und zwei Kroaten

Mit Blick auf das Aufgebot der vergangenen Spielzeit fällt auf, dass das Team des Lüner SV II fast ausschließlich aus Spielern mit Migrationshintergrund bestand. Wie kam es dazu? „Das ergibt sich zufällig“, erklärt Kaya. „Als Verein und Trainer denken wir Null über die Herkunft nach, sondern vielmehr darüber, wo man welchen Spieler gebrauchen kann. Am Ende hat man dann zum Beispiel 14 Spieler mit türkischen Hintergrund, sechs Deutsche und zwei Kroaten. Und klar ist auch, dass, wenn einer kommt, er gleich seine Clique mitbringt. Das sieht man ja jetzt auch bei den Spielern, die zur SG Gahmen gehen.“

Stellt es denn möglicherweise nicht auch ein Problem in Hinblick auf Integrationsbemühungen dar, wenn sich Spieler mit Migrationshintergrund überwiegend in einem Verein beziehungsweise in einer Mannschaft wiederfinden wie zuletzt beim Lüner SV II und nun bei der SG Gahmen? Kaya macht darauf aufmerksam, dass man das Ganze auch in Relation betrachten müsse. In unserer Region würden ohnehin viele Menschen leben, die einen Migrationshintergrund haben, sagt Kaya. „Im Fußball ist der Anteil wahrscheinlich noch einmal höher“, so der LSVer.

Lüner Identität ist wichtiger

„Das ist natürlich dünnes Eis“, beantwortet Gahmens Demir die Frage. „Wir legen Wert darauf, dass unsere Spieler aus dem Lüner Raum kommen.“ Die Identität als Lüner, so viel wird in dem Gespräch mit dem Gahmener Geschäftsführer deutlich, scheint wichtiger zu sein als die deutsche oder türkische Identität. Eine Rolle spielt es indirekt dennoch: Fast alle Gahmener Spieler sind türkisch-stämmig. Mit einer Ausnahme haben davon aber alle den deutschen Pass, fühlen sich hier beheimatet. „Das hier ist unsere Heimat“, betont auch Demir. Doch es bleibe schwierig: „Hier sind wir die Türken, in der Türkei sind wir die Deutschen.“

Das Ganze sei auch kein neues Thema, so Demir. Er erzählt vom Beispiel eines Torwarts im Jugendbereich vor einigen Jahren, der bei einer Wechselabsicht gefragt wurde, ob er wirklich zu einem bestimmten Verein wechseln wolle. Da seien ja nur Ausländer drin. „Das kommt jetzt nur vermehrt ans Tageslicht“, sagt Demir. Solche Vorbehalte erschweren auch eine Durchmischung.

In Gahmen selbst sei man „für alle Spieler offen“, so Demir. „Es gab auch viele Gespräche mit deutschen Spielern, für die die Platzverhältnisse dann aber über alles standen. Sie wollen nicht mehr auf Asche spielen“, sagt der Geschäftsführer.

Im letzten Jahr habe es ohne Probleme zum Beispiel auch zwei kurdische Spieler in den Reihen der SGG gegeben. „Denn wir versuchen die Politik vom Fußballplatz fernzuhalten“, so Demir. Nicht immer gelinge das. In der zurückliegenden Spielzeit zum Beispiel ist der kurdisch verwurzelte FC Roj II nicht bei der SG Gahmen angetreten. „Das habe ich nicht verstanden. Noch im Hinspiel hat es ja gut geklappt“, sagt Demir.

Finanzielle Anreize?

Demir will auch klarstellen, dass das Gefühl, nicht mehr willkommen zu sein, nicht der einzige Grund für den Wechsel der LSVer nach Gahmen ist. „Bei Gahmen denken alle noch an Kreisliga B oder C. Klar wir haben den Ascheplatz, aber wir sind mittlerweile in der Kreisliga A. So gesehen ändert sich nichts für die Spieler.“

Gibt es denn auch finanzielle Anreize, an die Kaubrügge zu wechseln? Demir: „Wir arbeiten genauso diszipliniert mit dem Geld wie andere Vereine auch. Es mag sein das der ein oder andere auch wegen dieses Themas beim LSV unzufrieden war. Wir hauen hier aber nicht einfach die Gelder raus. Wir haben gute Sponsoren, die uns unterstützen.“

Der erste Vorsitzende Ibrahim Ünal und der zweite Geschäftsführer Musa Sagculu nennt er als Beispiele. Da gehe es aber eher um grundlegende Sachen, wie Trikots, Bälle oder der Organisation von Veranstaltungen wie die Aufstiegsfeier, betont Demir. Mit wenigen Mitgliedern bekomm man das nur schwer gestemmt.

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