Darum zeigt der Lüner SV auswärts ein anderes Gesicht als bei Heimspielen

Fußball-Westfalenliga

Der Lüner SV hat große Probleme, auf fremden Plätzen Punkte zu sammeln. Am Sonntag folgte in Neheim die fünfte Auswärtspleite der Saison. Zuhause läuft es hingegen bestens. Woran liegt das?

Lünen

, 12.03.2019, 10:18 Uhr / Lesedauer: 3 min
Zuhause ist der Lüner SV, hier mit Yasin Acar, eine Macht. Auswärts sieht das deutlich anders aus.

Zuhause ist der Lüner SV, hier mit Yasin Acar, eine Macht. Auswärts sieht das deutlich anders aus. © Foto: Günther Goldstein

Kennen Sie den Film Fight Club? Das ist ein US-amerikanischer Thriller von Regisseur David Fincher, in dem der Protagonist Tyler Durden an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet – eine psychische Erkrankung, bei der sich die Psyche des Erkrankten in mehrere Teilpersönlichkeiten aufspaltet. Sie fragen sich, was hat das nun mit dem Lokalsport in Lünen zutun? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten Blick eine Menge.

Wechselhafte Resultate

Fußball-Westfalenligist Lüner SV könnte – natürlich nur rein bildlich gesehen – mit seinen wechselhaften Resultaten perfekt die Rolle des Tyler Durden einnehmen. Der LSV weist seit der vergangenen Saison auch zwei „Teilpersönlichkeiten“ vor. Einmal die Persönlichkeit auf heimischem Geläuf in Schwansbell und einmal die Auswärtspersönlichkeit auf fremden Plätzen. Die Unterschiede zwischen beiden „Persönlichkeiten“, also den Leistungen und Resultaten, ist riesig. Während der LSV in der Heimtabelle auf Platz vier steht und zu den Spitzenteams zählt, sind die Lüner in der Fremde harmlos, stehen nur auf Rang zwölf. Erst am vergangenen Sonntag kassierte der LSV eine 2:4-Auswärtsniederlage beim SC Neheim. Einen Spieltag zuvor setzte sich der LSV zuhause noch gegen Westfalia Wickede mit 3:1 durch. Im Schnitt holen die Lüner auswärts nur 0,9 Punkte. Zuhause sind es dagegen 2,1 Zähler. Im Vorjahr sahen die Zahlen ähnlich aus (1,9 Punkte zuhause, 0,8 Zähler auswärts). Woran liegt das?

Frage der Mentalität

„Das muss eine Mentalitätsfrage, ein Kopfproblem sein. Ich habe das Gefühl, dass die Jungs auswärts ein bisschen unkonzentrierter und mutloser sind“, sagt LSV-Trainer Mario Plechaty. Die lange Auswärtsfahrt nach Neheim hatte der Coach am Sonntag genutzt, um seine Mannschaft noch einmal intensiv zu pushen. „Es gibt nichts Schlimmeres, als bei diesem Wetter so lange zu fahren und dann mit null Punkten zurückzukommen“, so Plechaty. Gebracht haben die Worte im Endeffekt aber nur wenig.

Verschlafener Beginn

Die Anfangsphase verschlief der LSV komplett, geriet daher bereits nach zwölf Minuten mit 0:2 in Rückstand. Der LSV bewies am Sonntag zwar Moral, glich sogar noch einmal zum 2:2 aus, doch auch der Gastgeber aus Neheim traf noch einmal doppelt – zum 4:2-Sieg.

Marcel Ramsey, der zum zwischenzeitlichen 1:2-Anschlusstreffer für die Lüner traf, ist auch verwundert. „Das ist echt schon krass. Wenn man nur die Heimtabelle betrachtet, spielen wir um den Aufstieg. Guckt man auf die Auswärtstabelle, dann sind wir mitten im Abstiegskampf. Um das Positive herauszuziehen: Wir fühlen uns zuhause mit dem gesamten Umfeld im Rücken und in unserem Stadion sehr wohl und es ist extrem schwer, uns dort Punkte zu klauen“, sagt Ramsey.

„Ohne Struktur und Taktik nach vorne“

Auch Matthias Drees, Kapitän der Lüner, sucht nach Antworten. „Wir treten auswärts ganz anders auf, weniger selbstbewusst, was sich auf unser ganzes Spiel auswirkt. Wir trauen uns weniger zu, was oft dazu führt, dass wir viel mit langen Bällen beziehungsweise ohne Struktur und Taktik nach vorne spielen und so die Bälle viel zu leicht hergeben“, sagt der Kapitän.

Wenn die Spieler keine genau Erklärung finden, kann dann ein Psychologe helfen? Thorsten Loch ist Sportpsychologe aus Hennef und gehört zum Team von „Die Sportpsychologen“. Dass Mannschaften in der Fremde häufiger schwächeln, ist für Loch keine Seltenheit. Der Mensch habe die Möglichkeit, eine Situation dreifach zu bewerten. Entweder als neutral, als Bedrohung oder als Herausforderung. Im Falle des LSV könne die Bewertung also umspringen. Während das Team die Heimspiele wohl eher als Herausforderung ansieht, könnte sich die Bewertung der Auswärtsspiele aufgrund der veränderten Umstände zu einer Bedrohung entwickeln.

Geteilte Aufmerksamkeit

„Die Aufmerksamkeit der Spieler wird auswärts durch beispielsweise Zuschauer oder Gästekabinen geteilt. Das ist für die Spieler problematisch, weil sie sich nicht zu 100 Prozent auf zwei Dinge konzentrieren können. Zuhause spielt hingegen eine gewisse Routine mit, man ist voll bei sich“, sagt Loch.

Und wie kann man dem entgegenwirken? Einerseits über Einzelgespräche, andererseits über eine psychologische Methode, die Loch anführt. In der Kabine könne der Coach seinen Spielern Zettel geben. Auf diesen solle der Spieler dann seinen Namen und seine Position schreiben. Der Zettel gehe in der Kabine reihum und die Mitspieler schreiben positive Attribute auf. „Das ist positives Feedback und stärkt das Selbstvertrauen“, sagt Loch.

Übrigens: Protagonist Tyler Durden richtet gegen Ende des Films eine Feuerwaffe gegen sich selbst, schießt sich in den Kopf und „tötet“ damit eine seiner Teilpersönlichkeiten. Nicht falsch verstehen: Der LSV soll und wird nicht auf diese Weise vorgehen. Dass die Spieler aber mal mit ihrem Innenleben und ihrer Psyche auf Tuchfühlung gehen könnten, ist ob der unerklärlichen Leistungsschwankungen definitiv erstrebenswert – auch für die Zukunft des Lüner SV.

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