Damit geflüchtete Menschen in Deutschland in offiziellen Ligen eingesetzt werden dürfen, ist vorher ein echter bürokratischer Akt notwendig. Drei Protagonisten schildern ihre Erfahrungen.

Lünen-Süd

, 11.07.2019, 11:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

Werner Nolte kommt uns mit einem ganzen Stapel aus teils zusammengehefteten, teils losen Zetteln entgegen. „Das ist alles für einen unter Zwölfjährigen“, sagt er. Der Jugendgeschäftsführer des VfB Lünen kümmert sich bei den Südern um die Beschaffung von Spielerlaubnissen von Jugendspielern, die aus den Krisenregionen im Nahen Osten in Richtung Lünen geflüchtet sind.

Geflüchtete Spieler müssen speziell im Jugendbereich einige Dokumente mehr vorlegen können, als ein in Deutschland geborener Kicker. Speziell nicht volljährige Spieler ab zwölf Jahren müssen neben dem Aufenthaltstitel, der Kopie ihres Passes und der Anmeldung noch eine Kopie ihrer Aufenthaltsgenehmigung vorweisen können. In so einem Fall muss Nolte die Papiere zunächst beim Staffelleiter der jeweiligen Liga vorlegen. „Gott sei Dank haben wir Staffelleiter in der Nähe, zu denen man mal auf dem kurzen Dienstweg kann“, sagt er. Zwei Stunden Arbeitsaufwand pro Jugendspieler hat er trotzdem, sagt Nolte.

Dieses Paket mit teilweise mehrseitigen Formularen geht bei einem volljährigen Spieler dann an den Westdeutschen Fußballverband (WDFV) - per Post, versteht sich. Denn das Online-Portal zur Anmeldung neuer Spieler steht nur für deutsche Akteure zur Verfügung. Laut Nolte kann er auf diese Art und Weise einen Spieler heute für morgen spielberechtigt machen.

Dieser Aufwand ist nötig, um eine Spielberechtigung für einen Geflüchteten zu bekommen

Diese Papiere gehören alle zu einem einzigen Spielerlaubnis-Antrag, den Werner Nolte stellt. © Timo Janisch

Nicht so bei Menschen, die aus den Krisenregionen dieser Erde ihren Weg nach Lünen gefunden haben. Sind die Formulare beim WDFV angekommen, verschwinden sie dort erstmal für 30 Tage von den Schreibtischen. Anschließend wird entschieden, ob die eingereichten Formulare den Anforderungen entsprechen.

Besonders kompliziert wird es für Nolte und Andreas Grundmann - der VfB-Geschäftsführer kümmert sich dort um die Anmeldung von Seniorenspielern -, wenn ein Akteur während seiner Flucht bereits in einem anderen Staat in einer offiziellen Liga aufgelaufen ist. Dann geht der Antrag zur Erteilung einer Spielerlaubnis an den entsprechenden nationalen Fußballverband, der bestätigen muss, dass der Spieler dort nicht mehr gemeldet ist. Vorher sind die Flüchtlinge, die beim VfB Lünen eine neue sportliche Heimat suchen, nicht mal in Freundschaftsspielen einsetzbar.

Werner Nolte: „Einfach nicht nachvollziehbar“

Nichtsdestotrotz haben Nolte und Grundmann in den vergangenen drei Jahren rund 100 Geflüchteten eine Spielerlaubnis besorgt. Haben sie Verständnis für die strengen Regeln der FIFA? „Bei europäischen Leuten ja, bei Flüchtlingen nein. Die kommen nicht aus sportlichen Gründen hierüber, sondern aus ganz anderen Gründen. Das ist einfach nicht nachvollziehbar“, sagt Werner Nolte. Ursprünglich hatte die FIFA solche Regeln festgelegt, um Transfers junger, vielversprechender Talente durch ganz Europa zu verhindern.

Grundmann schimpft vor allem auf eine Broschüre des Deutschen Fußball Bundes (DFB). „Selbstverständlich können Flüchtlinge ihr Team auch

am Spieltag verstärken“, heißt es in dem 28 Seiten langen PDF-Dokument mit dem Titel „Willkommen im Verein! Fußball mit Flüchtlingen“. „Es geht um Amateursport, darum sich zu bewegen. Die Kinder wollen hier im Verein Fußball spielen und denen wird es nicht so schnell ermöglicht“, sagt er.

Andreas Grundmann: „Schwachsinn“

Besonders ärgert es Grundmann, wenn manche Dokumente die Unterschrift der Eltern von jugendlichen Spielern erfordern. „Schwachsinn“, nennt er das. Schließlich flüchten viele Jugendliche ohne ihre Angehörigen nach Europa. „Wie soll ich dann an die Unterschrift der Eltern kommen?“, so Grundmann.

Er hat für die rein syrische Mannschaft, die der VfB Lünen angemeldet hat, drei Monate gebraucht, bis er alle nötigen Dokumente vorliegen hatte. Fehlt eine einzige Information, hat der Antrag keine Chance. „Sonst macht es sich der Westdeutsche Fußballverband ganz einfach und schickt den ganzen Antrag zurück“, sagt Grundmann.

Mahmoud Alosman hat eine Spielberechtigung

Einer der Spieler, dessen Spielerlaubnis Grundmann organisiert hat, ist Mahmoud Alosman. Über den Irak startete er 2013 seine Flucht vor dem Krieg. Ursprünglich kommt er aus einer kleineren Stadt im syrischen Grenzgebiet zur Türkei. Heute schnürt er für den VfB Lünen die Fußballschuhe.

Von den Hindernissen in Sachen Spielerlaubnis hat er natürlich gehört. „Für uns Flüchtlinge dauert das ein bisschen“, sagt Alosman, denen seine eigene Wartezeit aber nicht sonderlich zu stören schien. Das ist nicht immer so. Auch Erwachsene würden irgendwann mit den Hufen scharren“, erklärt Grundmann.

Für Alosman stellt der Fußball einen wichtigen Bestandteil seiner Integration da. „In Syrien habe ich selten gespielt“, sagt er. Im Irak trat er erstmals in einer richtigen Mannschaft gegen den Ball. „Wenn jemand in seiner Heimat nicht gut gespielt hat, kann er hier auch nicht gut spielen. Dann muss er lernen“, sagt Alosman, dessen Mannschaft bis zu drei Mal die Woche trainiere.

Auf dem Platz wird nur deutsch gesprochen

Am Fußball fasziniert ihn die Wirkung des Zusammenhalts: „Man kann zusammen alles machen, aber wenn man alleine spielt, kann man nichts machen. Deswegen muss man immer zusammenarbeiten.“ Um sich verständigen zu können, nutzen die Spieler der dritten Mannschaft, die hauptsächlich aus Flüchtlingen besteht, keine Abkürzung über ihre Muttersprachen. „Nur deutsch“, wird auf dem Platz gesprochen, macht Alosman klar.

Gegen Ende unseres Gespräch kommt er wieder auf das Thema Spielerlaubnis zurück. Wenn ein Spieler in Deutschland auf dem Platz steht, könnte das sogar Folgen für seine Familie in der Heimat haben. Die dortigen Behörden bekommen nämlich Nachricht davon, wenn ein Geflüchteter seinen Spielerpass beantragt. In seiner Heimatregion sei das kein Problem, aber woanders „kommt das Regime in deine Familie und fragt: Wieso ist dein Sohn Flüchtling in Deutschland und nicht Soldat“, so Alosman.

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