Werden viele Vereine in Lünen bald fusionieren? „Wir müssen weg vom Vereinsdenken“

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Qualität als auch Quantität im Jugendfußball sind in Lünen sehr ungleich verteilt. Aber warum ist das so? Festzuhalten ist: Den einen einfachen Grund für die aktuelle Lage gibt es nicht.

von Florian Dellbrügge

Lünen

, 12.11.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zu Teil eins der Recherche zum Lüner Jugendfußball von Florian Dellbrügge kommen Sie hier.

Geduld und gewisses organisatorisches Talent zahlen sich derzeit bei Blau-Weiß Alstedde aus. Hier leiten Alexander Specht und Manuel Rebiger die Jugend. Nicht nur bei den Senioren zeigt sich BWA aktuell äußerst erfolgreich, auch die Juniorenmannschaften des Klubs eilen in den letzten Jahren zu Erfolgen. Dabei haben Specht und Rebiger aber ihren romantischen Ansatz teilweise verloren.

Rebiger erklärt: „Diesen klassischen, romantischen Dorfverein gibt es nicht mehr. Dass alle Kinder aus Alstedde auch hier spielen, das ist nicht so. Wir haben in Alstedde eine Grundschule. Wenn wir uns nur darauf verlassen würden, dass die Jahrgänge von dort dann alle hier spielen, dann hätten wir auch kaum Mannschaften.“

Erfolg macht eben sexy

Und was macht der Klub vom Heikenberg dagegen? „Man muss seinen Horizont da erweitern. Und dann hier in Lünen mal gucken und vielleicht auch aktiv auf andere zugehen. Das wird dann oft so aufgefasst, als dass wir von anderen Vereinen abwerben würden. Man kann aber auch sagen, dass wir in den letzten Jahren oft schneller waren als andere Klubs. Eben auch, weil wir die Leute aus Alstedde in Alstedde halten wollen.“

Specht ergänzt dazu: „Im A- und B-Jugend-Bereich locken wir mit sportlichem Erfolg. Da wollen die Leute dann einfach auch bei uns spielen. Da müssen wir der Familie Wiegers ein Riesenkompliment machen, die hier schon seit etlichen Jahren in den beiden Altersklassen super Arbeit machen. Und ansonsten läuft auch viel über Mundpropaganda. Die Leute merken, dass es hier gut läuft und wollen dann dabei sein.“

Auch in Alstedde haben die Jugendteams in den letzten Jahren teilweise in der Bezirksliga gespielt. Und das ist für die talentierten Spieler in der Stadt selbstverständlich ein Anreiz, sich dort anzuschließen. Erfolg macht eben sexy.

Augen auf den Ball: Für die Kinder und Jugendliche dreht sich fast alles um das runde Leder.

Augen auf den Ball: Für die Kinder und Jugendliche dreht sich fast alles um das runde Leder. © Jürgen Weitzel

Viel Wert auf die Arbeit ihrer Trainer legen alle Gesprächspartner. Bernd Völkering, Jugendleiter des TuS Westfalia Wethmar, sagt darauf angesprochen: „Wir wollen die Trainingsinhalte hochhalten. Durch ausgebildete Trainer haben wir eine hohe Qualität in der Trainingsarbeit. Und davon profitieren dann natürlich vor allem die Kinder und am Ende davon auch wir als Verein.“

Auch Hüseyin Tekin, Sportlicher Leiter der SG Gahmen, sieht das so: „Wir haben schon vier Leute, die wir gerne zum Trainerlehrgang schicken würden. Wir wollen dann in Zukunft eigentlich auch nur Leute mit Lizenz auf unsere Kinder loslassen, damit die Ausbildung bestmöglich ist.“

E-Sport im Leben der Jugendlichen

Das klingt alles überzeugend und toll. Aber warum ist es dann so, dass Vereine Mannschaften zurückziehen müssen? Dazu sagt Maik Schugat vom BV Lünen: „Es wird immer schwieriger, die Jugendlichen zum Sport zu bewegen, E-Sport ist in vielen Altersbereichen anscheinend interessanter. Aber auch die Unterstützung der Eltern fehlt teilweise, anstatt die Kinder zu den Vereinen zu schicken, lassen sie die Jugend vor den Konsolen verweilen. Und dann wird es mitunter schwierig, Mannschaften zu stellen.“

Der Jugendgeschäftsführer des BV05 hat auch zur Zukunft des Jugendfußballs eher kritische Gedankengänge und sagt: „Wir müssen die Jugendlichen wieder in die Vereine bekommen. Ab der C-Jugend haben wir echt Probleme und müssen immer wieder bei null anfangen. Das ist zwar möglich, aber so ist es natürlich auch schwer, sich weiterzuentwickeln. Dennoch werden wir das immer wieder versuchen.“

Da kann ihm Marcus Klenner vom SV Preußen zustimmen. „Jungs und Mädchen haben andere Interessen mittlerweile. Ich glaube, in spätestens zwei Jahren haben wir nicht mehr genug Teams um eine Stadtmeisterschaft zu spielen. Ab der C-Jugend wird es echt schwer“, so der Jugendleiter aus Horstmar.

Reale Probleme für die Klubs. Doch die Problematik ist mit dem Verweis auf die Konsolen und Computer längst nicht genug abgearbeitet. Denn der Blick auf die Freizeitgestaltung von Jugendlichen sagt auch aus, dass die heutige Generation Heranwachsender zwar durchaus gerne „zockt“, aber auch andere Sachen dem Vereinsleben vorzieht.

Viel Arbeit wartet auf Lünens Vereine

Eine Statista-Umfrage zum Thema Freizeitgestaltung aus dem Jahr 2016 zeigt, dass sich 67 Prozent der Befragten gerne mit ihren Freunden treffen und abhängen. Mehrfachantworten waren möglich, dennoch gaben lediglich 25 Prozent der Jugendlichen an, in ihrer Freizeit gerne Sport zu treiben. 12 Prozent antworteten mit Gaming. Die Tendenz ist hier steigend - unter anderem auch bedingt durch den E-Sport.

Große Konkurrenz erhalten Sportvereine vor allem auch vom Internet (31 Prozent), dem Musikhören (51 Prozent) oder dem klassischen Fernsehen (29 Prozent).

Zocken auf der Konsole, statt auf dem richtigen Grün: Eine Tendenz, die sich bemerkbar macht (Symbolbild).

Zocken auf der Konsole, statt auf dem richtigen Grün: Eine Tendenz, die sich bemerkbar macht (Symbolbild). © picture alliance/dpa

Es läuft nicht überall rund im Jugendfußball in Lünen. Fehlende Möglichkeiten, strukturelle Schwächen und die mangelnde Motivation von Jugendlichen aus dem Haus zu gehen, werfen einige Vereine oftmals zurück. Neue, große Wohngebiete, gute Organisation und teilweise Glück verhelfen anderen Vereinen hingegen zu guten Zeiten. Was aber hat die Zukunft parat?

Viel Arbeit wartet auf die Vereine. Dazu gehört dann auch das Verstehen des eigenen Vereins und die Rolle, welche der Klub innehat. Der Vorsitzende des Kreis-Jugendausschusses Dortmund, Andreas Edelstein, sagte den Ruhr Nachrichten dazu bereits im März: „Ungefähr 80 Prozent der Vereine machen es leider falsch, in dem sie den Anstoß sonntags um 15 Uhr (also die Spiele der 1. Mannschaft) zum absoluten Mittelpunkt machen.“

Weg vom Vereinsdenken und hin zu Fusionen?

Detlev Eppmann, Vorsitzender der Jugend-Fußballfachschaft im Stadtsportverband Lünen, hat sich Gedanken über die Zukunft gemacht und schlägt vor: „Für die bestmögliche Ausbildung in Lünen müssen wir weg vom Vereinsdenken. Dann müssen wir in den Altersklassen starke Standorte haben, wo die besten Spieler dann auch alle gemeinsam spielen. Dann kann man wirkliche Ziele erreichen.“

Jugend-Vorsitzender des Fußballkreises Dortmund: Andreas Edelstein.

Jugend-Vorsitzender des Fußballkreises Dortmund: Andreas Edelstein.

Doch Eppmann schränkt dann auch direkt ein: „Aber da müssen die Egos der Vereine hinten anstehen. Das heißt, die besten Spieler müssen eben auch wirklich dann in die beste Mannschaft gegeben werden. Aber dass wir da alle an einem Strang ziehen, das werde ich wohl eher nicht mehr erleben.“

Bei Alsteddes Manuel Rebiger stößt die Idee Eppmanns auf Gegenliebe. „Wenn man langfristig denkt, glaube ich, dass es Fusionen geben wird. Der Gedanke ist natürlich schwer und ein heikles Thema. Aber ich glaube, dass es Lünen besser stehen würde, aus zwei halben Jugend-Abteilungen dann eine starke zu machen.“

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