Wie der Klub den Sportplatz Triftenteich retten will - das große Interview

FC Lünen 74

LÜNEN 35 Jahre gibt es den Klub, aber solch eine große Krise gab es noch nie beim FC Lünen 74. Der jüngste Lüner Kicker-Club fühlt sich verraten und verkauft – von Politik und Verwaltung. RN-Sportredakteur Bernd Janning sprach mit dem Vorsitzenden Christian Skaletz und dem dritten Vorsitzenden Hein Krüger. Hier lesen Sie das komplette Interview.

von Von Bernd Janning

, 24.10.2009, 00:43 Uhr / Lesedauer: 6 min

Wir glauben nicht an diesen ganzen Wahnsinn, dass der Triftenteich zu vermarkten ist. Das ist von der Lage her ein guter Sportplatz, der nur saniert werden müsste. Glauben denn die städtebaulichen Experten wirklich, hier könnten Einfamilienhäuser entstehen, zwischen der stark befahrenen Bahnlinie und der ebenfalls stark befahrenen Bebelstraße, auf der noch mehr Verkehr rollt, wenn in Horstmar ein Vollanschluss zur Autobahn entsteht?

Wir hatten gegen die Kündigung des Nutzungsvertrages durch die Stadt geklagt, also den Vertrag, der uns erlaubte, auf dem Triftenteich zu spielen. Diese Kündigung seitens der Stadt war rechtens. Denn dieser Vertrag ist innerhalb eines Jahres kündbar. Jeder Verein in Lünen hat solch einen Vertrag. Jeder sollte diesen genau prüfen, auch den Stadtsportverband einschalten. Die Rücknahme der Klage gegen die Kündigung hat uns dann unser Rechtsanwalt geraten. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Funktionär in einem Sportverein mich soviel mit Rechtsanwälten beraten muss. An dieser Stelle macht ehrenamtliches Engagement nicht mehr sehr viel Spaß.

Das ist nicht ganz richtig. Bei den Entschädigungsverhandlungen geht es um vier verschiedene Dinge. Zuerst natürlich um das Vereinsheim, dann um den Erbaurechtsvertrag, weiter um das von uns gebaute Flutlicht (Anm. d. Red.: mit Bezuschussung durch die Stadt) sowie um die von uns angelegte Kleinrasenfläche (ebenfalls von der Stadt bezuschusst).

Das haben wir 1982 gebaut, damals haben wir uns hierfür mit 80 000 DM langfristig verschuldet. Bis auf 14 000 DM haben wir dies bis heute zurückgezahlt. Das war ein Kraftakt.

Nach dem Brand waren die Politiker Thomas Gössing, Rolf Möller, Uwe Walter, Karl-Heinz Schulze, der Fachwart Fußball im Stadtsportverband, und von der Sportverwaltung Burkhard Körbl, da. „Wollt ihr wieder aufbauen?“, wurden wir gefragt. Wir waren uns erst nicht sicher. Das Angebot von der Versicherung war erst so spärlich wie das heute von der Stadt Lünen. Wir haben dann einen Rechtsanwalt eingeschaltet, sind zu unserem Recht und Geld gekommen. Aber keiner hat damals gesagt: „Baut nicht wieder auf!“

Die Entschädigung der Versicherung und die Arbeit unserer Mitglieder haben ein neues Vereinsheim entstehen lassen mit einem Wert von circa 200 000 Euro. Am neuen Haus gehört uns jetzt alles, jede Schraube!

Die Stadt hatte uns versprochen, den Platz auf Vordermann zu bringen. Wir haben daran geglaubt. Dann kam vor drei Jahren die Diskussion auf, der Platz werde dicht gemacht.

Warum bekommt der eine einen Kunstrasen, der andere keinen? Wie gerecht ist das, dass LSV oder VfB hier im Vorteil sind? Es geht hier nicht um Neid. Jeder Verein hat Kunstrasen verdient.

Der Fußball selbst hat es versäumt, für klare Verhältnisse zu sorgen. ,An uns geht der Kelch vorbei‘, hat doch anfangs jeder gedacht.

Für uns ist es schwer, mit Dieter Kasprowiak als Vertreter der Stadt zu verhandeln, wo dieser doch auch den Lüner SV vertritt. Man bedenke, der Triftenteich hat die gleiche Extremlage – also viel Gefälle – wie der Aschenplatz in Schwansbell. Auf der einen Seite ist Schräglage ein Argument für Kunstrasen, auf der anderen Seite ist ein Platz mit Schräglage nicht renovierungswürdig und wird geschlossen. Wir beim FC Lünen hätten auch gerne so einen Freundeskreis in Verwaltung und Politik.

Bis vor vier Wochen war nur von zwei Plätzen die Rede. Jetzt gibt es einen dritten mit Kunstrasen. Und den kriegt der LSV. Wer soll da keine Gedanken bei haben?

Irgendwie hat der Fußball im Stadtsportverband nicht alle unter einen Hut gebracht. Da liegt eine Schuld, aber auch die Sportverwaltung mit Herrn Körbl an der Spitze hat Kunstrasenplätze nicht unbedingt gefördert. Mit dem Hinweis auf die spätere Entsorgung des Kunstrasens weigerte sich Burkhard Körbl, für solchen zu sorgen. Dabei hätten die kontaminierten Plätze in Horstmar und Beckinghausen längst schon Kunstrasen haben können, wären diese nicht damals herkömmlich – also Asche weg, Asche drauf – überarbeitet worden. Wer heute keinen Kunstrasen kriegt, ist nicht mehr konkurrenzfähig.

Und wenn, wie beim BV Lünen, Steine gefährlich aus der Asche gucken, die Verletzungsgefahr groß ist – ist doch klar, dass da ein Kunstrasen hin muss.

Wäre in Lünen vor Jahren langsam mit dem Kunstrasen angefangen worden, wäre es ruhig abgegangen. Alle drei, vier Jahre ein Platz, dann wären diese Diskussionen alle nicht da.

Auch wir kriegten den Kunstrasen geregelt. Wir haben einen ausgeglichenen Etat, einige Rücklagen und in der Vergangenheit bewiesen, dass wir für kurzfristigen sportlichen Erfolg nicht bereit waren, mehr Geld auszugeben als wir eingenommen haben. Im übrigen macht es nachdenklich, dass die finanzielle Solidität eines Vereins bei der Vergabe von Förderung durch die Sportverwaltung kaum eine Rolle zu spielen scheint.

Wäre es schlimm, als jüngster Verein als erster Kunstrasen zu bekommen? Fast 20 Jahre haben wir das Brinkhoffs-No-1-Turnier für erste Mannschaften ausgerichtet. Die Einnahmen aus diesen zehn Tagen haben unseren Jahresetat gesund gemacht. Doch dann sind die Teams nicht mehr gekommen, wollten bei Regen nicht mehr auf unserem einzigartigen Gemisch aus Asche und Rasen spielen.

Fusionieren, nein das wir wollen nicht. Wir versuchen alles, um eigenständig zu bleiben.

Über 50 Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung, das ist nicht nur für uns eine Wahnsinnszahl. Die waren nicht bereit, sich von irgendjemand eine Fusion einreden zu lassen, nur weil das praktisch ist. Weder der Vorsitzende des Stadtsportverbandes noch der Bürgermeister können sagen: ‚Die fusionieren!‘ Hier geht es doch nicht nur um den reinen Sport, um Fußball. Der Triftenteich ist für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mehr als eine Organisationeinheit, sondern Treffpunkt von Menschen, die Gemeinschaft leben.

Wir haben hier auch viel Schweiß gelassen. Wir haben Geld aufgenommen. Das hat uns schwer belastet. Ich weiß nicht, ob gleichzeitig andere auf Kosten der Stadt noch heute duschen. Wir haben das Flutlicht gebaut, immer etwas getan, um die Anlage auf Vordermann zu bringen. Wir versuchen alles. Aber wenn jetzt der LSV oder der VfB Kunstrasen erhalten, sind wir nicht konkurrenzfähig.

Nicht der Bürgermeister bestimmt, ob wir fusionieren oder uns auflösen. Das bestimmen nur unser Mitglieder. Der Stadtrat muss den Beschluss der Platzschließung rückgängig machen. Dann steht der FC 74 ganz weit oben mit der Schaffung eines Kunstrasen. Objektiv sind wir der Verein mit der schlechtesten Anlage, dem am längsten etwas versprochen wurde. Wir sind finanziell ein sehr gesunder Verein. Jeder, der heute, keinen Kunstrasen kriegt, ist in zwei Jahren pleite.

Wir waren mehrmals beim Bürgermeister, hatten aber eher das Gefühl, dass dort die Zeit verplempert wurde. Es gab für uns keine Lösungsvorgaben. Dagegen zeigte Horst Müller-Baß, der neue Dezernent, Verständnis. Da lief alles in einer besseren Atmosphäre ab.

Warum sollte der FC 74 am Triftenteich nicht wie das kleine gallische Dorf um Asterix und Obelix sein? Skaletz: Bekommen wir für alles eine Entschädigung, muss auch eine Baugenehmigung dabei sein, damit wir als gleich berechtigter Partner, und nicht als Bittsteller, auf einem anderen Platz unserer Wahl, vielleicht auf der Dammwiese beim VfB, zumindest Umkleidekabinen und Duschen bauen können. Sonst ist die Stadt der Totengräber des FC. Wir passen auf, sind ein gebrannten Kind. Wir mussten nach dem Brand lange um die Versicherungssumme kämpfen, mussten dann innerhalb von drei Jahren alles wieder aufbauen. Hätten wir in Containern weitergemacht, hätte man uns schon da schnell verjagen können.

Der FC Lünen ist zu retten. Über die Auflösung entscheiden wir selbst. Ob der Platz zu retten ist, entscheidet die Stadt. Wir haben den Erbbauvertag mit der Stadt durch den Wiederaufbau erfüllt. Die Nichterfüllung des Erbbauvertrages hätte uns die Stadt dies sicher nicht nachgesehen. Genau dieses Grundstück, wo unser Haus steht, das kann die Stadt ja aus dem Bebauungsplan herausnehmen. Was sagt dann der Investor? Oder soll der Triftenteich auch Jahre so brach liegen wie der Schützenhof? Da kann ich doch zum Schluss nur feststellen, dass ihnen am liebsten der Erhalt des Triftenteichs, ausgebaut mit Kunstrasen wäre.

Ja, der Triftenteich ist der richtige Ort für einen Fußballplatz. Alle Diskussionen und Entscheidungen sind doch nur entstanden, weil gespart werden muss, in dem so genannten Mutter-Papier ein die Zahl der Jugendmannschaften addiert wurde, danach die Schließung der Plätze bestimmt wurde. Nirgendwo wurde bedacht, dass ein Verein nicht nur Fußball ist, sondern dass in den Vereinen etwas lebt, Seele hat, die Leute mit Herzblut an ihren Farben hängen. Bei all den Planungen wurden auch die jüngsten Entwicklungen übersehen. Wir haben immer mehr aktive Altherren, die Mädchen- und Frauen-Fußball boomt, wie passen Vereinssport und Nachmittagsunterricht an den Schulen zusammen?

Ich glaube, die Bedienung des Bürgermeisters wird unseren Mitgliedern nicht leicht fallen.

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