Wird die Fußball-Saison abgebrochen, wäre das nicht das erste Mal

Fußball

Ein vorzeitiges Saisonende wegen des Coronavirus wäre das nicht der erste Abbruch einer Spielzeit im deutschen Fußball. Die Saison 1944/45 hätte aber nie angepfiffen werden dürfen.

von Dirk Buschmann

Lünen

, 02.04.2020, 17:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Nach Ende des zweiten Weltkriegs 1945 war von der Dortmunder Innenstadt rund um die Kampstraße nicht mehr viel übrig. Die Saison 1944/1945 war trotz Bombardements begonnen worden.

Nach Ende des zweiten Weltkriegs 1945 war von der Dortmunder Innenstadt rund um die Kampstraße nicht mehr viel übrig. Die Saison 1944/1945 war trotz Bombardements begonnen worden. © Stadtarchiv Dortmund

Im Schatten der Corona-Seuche ist ein kompletter Abbruch der Fußball-Saison kein Tabu-Thema mehr. Es wäre die zweite Saison in der deutschen Fußball-Geschichte, die vorzeitig abgepfiffen würde.

Doch jeder Vergleich hinkt: Jene Saison 1944/45 hätte nie starten dürfen. August 1944: Die deutschen Fronten brechen überall zusammen. Die Russen stehen an der Weichsel, der Warschauer Aufstand wird brutal unterdrückt. Die ersten Konzentrationslager werden befreit, „Majdanek“ zum weltweiten Schreckensbegriff. Am 24. August befreien die West-Alliierten Paris.

Bombenteppiche verwüsten Gelsenkirchen, Hamm und Dortmund. Der Nazi-Terror treibt die Zahl der Todesurteile in die Höhe - erst recht, seit Adolf Hitler das Attentat am 20. Juli überlebt hat.

Menschen soll Normalität vorgegaukelt werden

Dennoch wird im Reich noch die „Fußball-Spielzeit 1944/45“ angesetzt und angepfiffen. Den gequälten Menschen soll zumindest etwas Ablenkung geboten, den „Volksgenossen“ Normalität vorgegaukelt werden. Blanke Hirngespinste: An geregelten Sport ist längst nicht mehr zu denken.

Nur wenige Vereine können überhaupt noch eine Mannschaft aufstellen - alle jungen Männer sind an der Front, wenn sie nicht im Bergbau oder in der Rüstung unabkömmlich („uk gestellt“) sind. „Luftwaffen-Sportvereine“ (LSV) und „Kriegsspielgemeinschaften“ (KSG) bestehen aus lokal stationierten Soldaten. Es gibt kaum mehr Trikots, Schuhe oder Bälle. Sportplätze sind zerstört, von Flakbatterien besetzt oder zu Äckern umgepflügt. Züge fahren längst nicht mehr regelmäßig, denn Bahnhöfe und Gleise sind bevorzugte Bombenziele.

Liga unterteilt in drei Sechser-Gruppen

Ob es in Lünen zu diesem Zeitpunkt noch Fußballspiele gab, lässt sich nicht eruieren - eine Zeitung erschien damals nur noch sporadisch, wenn überhaupt. Die „Gauliga Westfalen“ wurde in drei regionale Gruppen á sechs Klubs aufgeteilt: Eine umfasste den Raum Dortmund mit Borussia Dortmund, Alemannia Dortmund, BC Bövinghausen, VfL Altenbögge, SpVgg Röhlinghausen (Wanne-Eickel) und KSG Ahlen.

Ein regulärer Spielbetrieb kommt aber nicht mehr zustande: Bövinghausen trägt kein Spiel mehr aus. Zu den tagtäglichen Bombenteppichen gesellen sich nun auch Tiefflieger-Angriffe von Jagdbombern. Ende September (die Alliierten haben zu diesem Zeitpunkt bereits Aachen eingekesselt) wird eine Saison offiziell abgebrochen, die niemals hätte angepfiffen werden dürfen.

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