Olfens Nachbar TuS Haltern setzt auf Strategiewechsel nach Bilbao-Vorbild

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Ein hoher Anteil an Halterner Spielern soll künftig aus der eigenen Jugend des Regionalligsten kommen. Dafür würde er sogar einen Abstieg in Kauf nehmen. Das Vorbild heißt Athletic Bilbao.

Haltern

, 04.05.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fußball-Bezirksligist SuS Olfen setzt seit Jahren auf die Jugend. In naher Zukunft sollen die Leistungsteams von der C- bis zur A-Jugend allesamt überkreislich spielen. Die B-Jugend klopft schon jetzt in der Landesliga an - Jahrgänge, die der SuS Olfen in den nächsten Jahren in die Seniorenmannschaften integrieren möchte. Doch in der direkten Nachbarschaft, beim TuS Haltern, laufen unterdessen auch große Pläne.

Der Regionalligist, den man in Olfen immer beäugt und nach Spielerwechseln im Jugendbereich auch schon einmal offen kritisiert hat, hat sich ab der kommenden Saison für einen Strategiewechsel bei der Ausrichtung des Vereins entschieden. Vorbild ist der auch in Corona-Zeiten wirtschaftlich gesunde und sportlich erfolgreiche spanische Europacup-Teilnehmer und Erstligist Athletic Bilbao, der ausschließlich auf Spieler aus der eigenen Jugend und dem Baskenland setzt. Der 111 Jahre alte Klub nutzt ein ausgeklügeltes Scouting-System, das mittlerweile sogar weltweit nach guten Nachwuchsfußballern mit baskischen Vorfahren fahndet.

Sozialer, gerechter und nachhaltiger

„Wir sind der festen Überzeugung, dass es in den nächsten Jahren nicht nur um höher, weiter und schneller, sondern auch um sozialer, gerechter und nachhaltiger geht. Und deshalb gehen wir mit unserer neuen Sport- und Gemeinwohl-Strategie lieber auf Talent- statt Investorensuche und entscheiden uns für ein Konzept, welches den sportlichen Bedürfnissen der Halterner Bevölkerung, den demographischen Veränderungen und den infrastrukturellen Voraussetzungen der Seestadt Rechnung trägt“, sagt Raphael Brinkert, langjähriger Jugendspieler und heutiger Marketingchef des TuS Haltern am See.

Mit dem Aufstieg in die Regionalliga West und den Punktspiel-Siegen gegen Alemannia Aachen, den Sportfreunden Lotte oder dem Unentschieden gegen Rot-Weiß Essen konnte der Heimatverein von Weltmeister Benedikt Höwedes, Sergio Pinto und den Metzelder-Brüdern in dieser Saison durchaus sportliche Ausrufezeichen setzen.

Mehr eigene Jugendspieler

Gleichzeitig mussten die Seestädter aufgrund fehlender infrastruktureller Voraussetzungen auf der städtischen Anlage fast jedes zweite „Heimspiel“ in Nachbarstädten austragen. Auch personell rekrutierte sich der Regionalligist – wie viele andere Teams in den obersten Amateurklassen auch – vermehrt aus der Jugendabteilungen der Profiteams aus dem Ruhrgebiet statt aus der eigenen Talentschmiede.

Der TuS Haltern will wie Athletic Bilbao künftig auf Talente aus der Region setzen.

Der TuS Haltern will wie Athletic Bilbao künftig auf Talente aus der Region setzen. © Grafik Sauerland

Damit soll nun Schluss sein: Ab der kommenden Saison haben sich die Verantwortlichen zu dem radikalen Weg entschieden, dass alle Senioren-Mannschaften des TuS Haltern am See eine Mindest-Quote von Spielern aus der Seestadt erfüllen müssen. Das Konzept startet zur Saison 20/21 mit einem Haltern-Anteil von 50 Prozent und steigert sich zur Saison 21/22 sogar auf 75 Prozent. So sollen in Zukunft Spieler, die in Haltern am See geboren oder aufgewachsen sind, in Haltern am See wohnen oder aus der eigenen Talentschmiede kommen, den Großteil der Senioren-Mannschaften ausmachen.

Ausstieg aus dem Hamsterrad

„Corona stellt eine Zäsur für den Profi- und Amateurfußball da. Bereits im letzten Jahr haben wir deutlich gemacht, dass dem Wahn bei Gehältern, Sicherheitsmaßnahmen und Verbands-Auflagen im ambitionierten Amateurfußball Einhalt geboten werden muss, wenn wir nicht wöchentlich über Insolvenzen im Vereinssport reden wollen. Aus diesem Hamsterrad steigen wir nun freiwillig aus und konzentrieren uns auf das, was uns groß gemacht hat: Die besten Spieler und Talente aus der schönsten Seestadt der Welt, Haltern am See“, so TuS-Sportdirektor Sascha Kopschina, der den Schwerpunkt seiner künftigen Arbeit insbesondere in der strategischen Neuausrichtung, der Verzahnung von Senioren- und Talentschmiede sowie dem Auf- und Ausbau von Kooperationen mit anderen Sportvereinen in der Seestadt sieht.

Höwedes steigt in Strategie-Stab ein

Über personelle und sportliche Konsequenzen aus der Neuausrichtung sowie Veränderungen im Kader will der Verein in Kürze berichten. Neu im erweiterten Strategie-Stab ist der ehemalige Jugendspieler und Fußball-Weltmeister Benedikt Höwedes, der in seiner Heimatstadt weilt und langfristig an den Verein gebunden werden soll.

„Es geht uns nicht um eine Liga-, sondern um eine Heimatzugehörigkeit. Wenn die Konsequenz aus dem Strategiewechsel ist, dass wir in den kommenden Jahren bevorzugt in Steine statt Beine investieren, um bestmögliche Voraussetzungen für die Senioren- und Jugendteams des Vereins zu schaffen, dann nehmen wir dafür auch schweren Herzens einen sportlichen Abstieg in Kauf“, sagte Brinkert.

Es sei grotesk, wenn in der Saison des sportlich größten Erfolgs der Vereinsgeschichte die härtesten Gegner nicht Alemannia Aachen oder Rot-Weiß Essen waren, sondern mangels Überdachung der Regen auf dem Kunstrasenplatz oder die fehlende Flutlichtanlage auf dem Hauptplatz. „Das wollen und werden wir schnellstmöglich anpacken und ändern“, so Brinkert.

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