American Football kannte in den letzten 20 Jahren nur Wachstum. Das könnte durch Corona abrupt enden. Denn die Gesetzeslage verbietet den Sportbegeisterten das Spielen aktuell noch. Ändert sich das nicht, droht ein Schaden.

15.07.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Fußballer feierten vor einigen Wochen, als plötzlich Kontaktsport wieder für bis zu 30 Personen möglich war. Das eröffnete den wegen der Corona-Krise geplagten Kickern ganz neue Möglichkeiten. Der Verband genehmigte daraufhin Testspiele wieder. Ein Fußballspiel mit elf gegen elf Spielern fällt schließlich in die maximale Teilnehmerzahl. Und auch der Saisonstart ist absehbar. In der ersten Septemberhälfte soll der Ball wieder rollen.

Ganz anders geht es derzeit American Football zu. Die US-Sportart, die sich in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut, ist vom Ligabetrieb noch weit entfernt. Denn während ein Fußballspiel mit maximal 30 Teilnehmern realisierbar ist, benötigt man im American Football schon mindestens doppelte Spielerzahlen, um ein Spiel über die Bühne zu bringen.

Das liegt an den Kadergrößen. Zwar stehen elf Spieler auf dem Feld. Aber: „30 bis 50 Spieler in einem Kader sind die Regel. Momentan schränken uns die Regeln ein, sowohl im Training als auch bei Spielen“, sagt Andreas Heinen, Pressesprecher des American Football und Cheerleading Verbandes (AFCV) Nordrhein Westfalen mit Sitz in Marl.

Nach Spielzügen steht eine komplett andere Mannschaft auf dem Platz

Wo im Fußball je nach Wettbewerb drei bis fünf Auswechslungen üblich sind, wird im American Football nach Spielzügen oft komplett getauscht. Ob in Ballbesitz oder nicht, stehen unterschiedliche Mannschaftsteile, die Offensive Line oder die Defensive Line, auf dem Feld. Das bläht die Mannschaften auf. Und mit der 30er-Regel kommt man da nicht weit.

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Die Saison, die normalerweise im April beginnt und im Oktober zu Ende ist, hat der AFCV erst ausgesetzt und Ende Juni endgültig abgesagt. „Wir haben die Tür so lange wie möglich offen zu halten versucht“, sagt Heinen, „das Jahr ist nun so weit fortgeschritten, dass der reguläre Spielbetrieb nicht mehr stattfinden kann und wir nicht die Möglichkeit haben, Auf- und Abstieg auszuspielen.“ 2020 sind alle Ligen abgesagt. In NRW gibt es rund 80 Vereine, auf die 13.500 Mitglieder entfallen.

Am 1. August braucht der Verband Lockerungen - sonst droht Absage

Für sie soll es nun eine Ersatzsaison auf freiwilliger Basis geben. Angedacht sind sinnvolle Ligenzusammenlegungen oder nur die Austragung einer Hinrunde. Ohne Konsequenzen, wenn Vereine auf eine Teilnahme verzichtet. Allerdings gibt es eine Deadline. Sollte die Kontaktsport-Beschränkung am 1. August weiterhin bei 30 Personen liegen, ist auch die Ersatzsaison hinfällig, erklärt Pressesprecher Heinen.

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Die Bochum Rebels sind einer dieser Vereine, die auf eine Saison ohnehin verzichten werden. Der Verein spielt in der Landesliga, normalerweise wäre zum jetzigen Zeitpunkt bereits die Hälfte der Saison gespielt. Die Rebels haben einen eigenen Hygieneplan erstellt, der über die Vorgaben der Behörden hinausgeht. „Wir haben viele Ärzte unter den Spielern, auch einen Virologen, der sich mit Covid-19 beschäftigt, in der Mannschaft - da ist der Blick ein etwas anderer“, sagt Headcoach Phil Wennker.

Trainingsbeteiligung sinkt bei den Bochumern

Deswegen gehe der Verein sehr vorsichtig mit der Pandemie um. „Das ist ein Hobby. Da gehen andere Sachen vor“, sagt Wennker. Mit voller Mannschaftsstärke können die Bochumer nicht trainieren.

Die Trainingsbeteiligung ist Wennker zufolge auch deutlich gesunken. Normalerweise seien 75 bis 80 Prozent des Kaders anwesend. Jetzt liegt der Wert bei geschätzt 50 Prozent, teilt Wennker mit. Er hat Verständnis. Vorwiegend stand Athletiktraining in den vergangenen Wochen im Vordergrund - jetzt darf auch wieder in Gruppen trainiert werden. Aber bei 30 Spielern ist Schluss.

Alles laufe nach einem Verteilerschlüssel. „Wer wann wie und mit wem trainiert“, sei Wennker zufolge klar nachvollziehbar. Für die Rebels war deshalb einleuchtend: Sie spielen nicht mehr in dieser Saison.

American Football lebt vom mannschaftlichen Zusammenhalt

Die Münster Mammuts, die in der viertklassigen Oberliga NRW zu Hause sind, werden am Ersatzspielbetrieb dagegen teilnehmen. „Wir haben an der Umfrage teilgenommen und abgestimmt, dass wir definitiv spielen wollen, wenn alle Gegebenheiten passen“, sagt Headcoach Sascha Krotil.

Der Trainer der Mammuts hält die Corona-Krise zwischenmenschlich für eine Herausforderung. „Wir durften nicht trainieren. Es war schwer, in Kontakt zu bleiben. Im Football ist das Mannschaftsgefüge noch deutlich höher anzusiedeln als in anderen Sportarten. Davon lebt Football“, sagt Krotil. Ein Zoom-Treffen ist eben nicht exakt das Gleiche wie ein echtes Training.

Dortmund Giants: Freundschaftsspiele, keine Ersatzsaison

Die Dortmund Giants, bei denen nach dem Landesligaabstieg und Trainerwechsel nun Tobias Gerland als Headcoach das Sagen hat, haben sich für eine dritte zur Wahl stehende Variante entschieden: Keine Ersatzsaison. An Freundschaftsspielen würden die Giants gerne teilnehmen. Das altbekannte Problem: „Kontaktsport mit 30 Spielern treiben zu dürfen geht am Amercian Football vorbei“, sagt Headcoach Gerland.

Er schätzt, dass 90 Menschen, die an dem Spiel beteiligt sein dürfen, das Minimum für ein Footballspiel ist. „Alles andere ist den Mannschaften und der Sportart nicht würdig“, sagt Gerland.

Ist der Boom von American Football vorbei?

Bisher kannte American Football in Deutschland nur eins: Wachstum. Die Zahl der Aktiven in NRW hat sich in den letzten 20 Jahren vervierfacht. Das Gleiche gilt für die Zahl der Vereine. Viele Neugründungen bereichern die Sportlandschaft und lassen das Ligensystem wachsen - angetrieben durch das Vorbild in Amerika, das auch in Deutschland immer mehr Fans bei Übertragungen gewinnt. Versetzt Corona dem Boom im Amateursport nun einen empfindlichen Dämpfer?

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Verbandspressesprecher Heinen: „Ich glaube mittelfristig nicht, dass wir einen Schaden wegen der Pandemie kriegen - vorausgesetzt, man bekommt das Infektionsgeschehen in den Griff. Der Super-Gau für uns wäre, wenn die Pandemie fortbesteht und Kontaktsport verboten ist.“

Einen Aderlass beobachtet Heinen aber auch in seinem Verein, den Troisdorf Jets, denen fünf Spieler verloren gingen. Heinen nennt das eine Corona-Depression. „Sie haben den Sprung zurück ins Training verpasst.“ Doch Troisdorf ist mit 40 Jahren Bestehen ein alteingesessener Verein in der American-Football-Szene.

Kleine, junge Vereine trifft es womöglich härter als die großen

Vor allem für die kleinen Vereine, die gerade erst entstanden sind, befürchtet Heinen gravierende Auswirkungen. Die Strukturen in frisch gegründeten Vereinen sind noch nicht so gefestigt. „Wenn ein Verein wie die Dorsten Reapers dann kurz davor stand, nach drei Jahren Arbeit zum ersten Mal ein Team zu melden, kann das einen Riesendämpfer bedeuten“, so Heinen. Bedrohte Vereine in NRW sind dem Pressesprecher noch nicht bekannt.

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In Bochum sieht man sich gut vorbereitet. „Jede Sportart wird einen Knacks bekommen. Da sehe ich uns sogar besser vorbereitet als die Bundesliga, die eine Saison ohne Zuschauer spielen muss und davon lebt“, sagt Phil Wennker. Er sei überrascht gewesen, wie verständnisvoll und verantwortlich die Spielerschaft mit der Pandemie umgegangen sei. Finanziell sieht er die Rebels „gut aufgestellt“.

Wenige Abgänge, aber auch keine Akquise mehr

Auch Münster meldet Abgänge. „Einige Sportler sind uns verloren gegangen, aber die Auswirkungen werden sich erst dann wirklich zeigen, wenn wir in die Saisonvorbereitung für das nächste Jahr gehen“, sagt Krotil. Wenige Abgänge also - aber weh tut der abgerissene Zustrom auf der Zugangsseite. Die Spielerakquise kam im Sommer so gut wie zum Erliegen. „Wir hatten schon Tryouts mit über 100 Leuten. Der Zulauf ist jetzt geringer. Deshalb machen wir uns schon jetzt Gedanken für 2021“, so Krotil.

Eine Besonderheit in Münster: Beim Derby gegen den anderen American-Football-Verein der Stadt, die Blackhawks, gab es in der Vergangenheit Zuschauerrekorde. 4.500 Fans sahen das Derby - damit sind Einnahmen auch ein Wirtschaftsfaktor. Krotil rechnet finanziell mit noch nicht abschätzbaren Folgen: „Wir haben einen Sponsoren-Pool, der uns auch weiterhin unterstützt. Aber man weiß nie, wie es den Unternehmen in einem halben Jahr oder einem Jahr wirtschaftlich geht.“

Boom könnte American Football über das Tief hinweghelfen

Die Auswirkungen sieht auch er für American Football nicht dramatischer als für andere Sportarten. „Ich kann mir sogar vorstellen, dass wir noch gut wegkommen, weil der Boom da ist“, sagt Krotil.

Wenn alles gut geht, will der Verband 2021 die Ligen in der Struktur starten, wie sie 2020 schon in den Startlöchern stand. Doch was, wenn Kontaktsport mit zwei 50-Mann-Kadern nicht erlaubt wird? „Das Worst-Case-Szenario“, gesteht Verbandspressesprecher Andreas Heinen, „haben wir noch nicht. Noch überwiegt die Hoffnung.“

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