Bei GS Cappenberg II informiert der Trainer vor dem Spiel den Unparteiischen, dass Spieler Bastian Tobinski den Pfiff nicht hören wird. Der 30-Jährige hat einen besonderen Weg hinter sich.

Cappenberg

, 02.01.2020, 15:35 Uhr / Lesedauer: 6 min

Die Welt von Bastian Tobinski ist genau so bunt wie bei jedem anderen. Aber sie ist nicht genau so laut. Der 30-Jährige ist hörgeschädigt. Beim Fußball-Kreisligisten Grün-Schwarz Cappenberg hat Tobinski, der auf dem Platz keine akustischen Signale aufnehmen kann, eine sportliche Heimat gefunden - wenn auch erst im zweiten Anlauf. Eine bemerkenswerte Geschichte über Paralleluniversen, medizinische Entwicklung und wie Sport mit einem offenen Umgang Schwierigkeiten begegnen kann.

Christoph Tobinski spricht langsam und deutlich, fast überakzentuiert in die Richtung seines Sohnes, wenn er mit ihm spricht. Sonst wird es für Bastian Tobinski schwierig, seinen Vater zu verstehen. „Du muss-test es an-nehmen, ... das Schick-sal“, sagt Christoph Tobinski zu seinem Sohn. Bastian Tobinski lächelt verlegen und nickt zustimmend mit einem Schulterzucken. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Von Geburt an hört Bastian Tobinski nichts

Dass Bastian Tobinski von Geburt an nichts hörte, dafür war vermutlich ein Virus während der Schwangerschaft verantwortlich, sodass sich das Innenohr auf beiden Seiten nicht richtig entwickelte. Er kam gehörlos zur Welt. Seine Mutter merkte schnell, dass etwas nicht stimmte.

Bastian Tobinski (r.) im Topspiel gegen Billmerich. Das Spiel verlor Cappenberg knapp mit 1:2. Gerade für den ehrgeizigen Tobinski war es eine bittere Niederlage.

Bastian Tobinski (r.) im Topspiel gegen Billmerich. Das Spiel verlor Cappenberg knapp mit 1:2. Gerade für den ehrgeizigen Tobinski war es eine bittere Niederlage. © Jura Weitzel

Bastian Tobinski ist nicht taubstumm, denn er hört ja etwas und kann mittlerweile sprechen. Er gilt auch nicht als schwerhörig, weil Tobinski nicht hörend sozialisiert ist. Politisch korrekte würde man bei Bastian Tobinski von einer Hörschädigung sprechen. Und das Wort „Behinderung“ ist verpönt. Obwohl er einen Grad der Behinderung von 100 hat, sieht sich Tobinski nicht als behindert an. Er ist nicht behindert, er kann halt nur nicht hören.

Wer nichts hört, der hat es schwer

Doch der Maximalwert auf der Skala für Behinderungsgrade zeigt auch, wie schwer es Bastian Tobinski fallen muss, ein Leben zu führen, das andere als normal ansehen. Eine Hörschädigung ist nicht vergleichbar mit einem Verlust des Sehvermögens. Verbale Kommunikation ist bei blinden Menschen immer noch möglich. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben fällt ihnen deutlich leichter. „Das fehlende Gehör schließt von Menschen aus, was auf die Psyche geht“, sagt Vater Christoph Tobinski.

Er spricht sogar von zwei Welten, zwischen denen sein Sohn pendelt. „Er ist bei uns der Außenseiter und wir bei den Gehörlosen. Er ist es im Arbeitsleben und in der sonstigen Gesellschaft. Man spielt da eine andere Rolle“, sagt sein Vater. „Mit seiner Identität hat es viel zu tun. Er hat natürlich angefangen zu zweifeln, wenn er feststellt: Ich bin anders. Dieser Gedanke kommt irgendwann und das hat genagt“, sagt sein Vater.

Bastian Tobinskis Welt ist die der Gehörlosen

Deswegen sei die Welt seines Sohnes eigentlich die der Gehörlosen. „Die Kommunikation ist deutlich beeinträchtigt, aber eben nur mit uns Hörenden“, sagt Christoph Tobinski. Bastian Tobinski beherrscht die Gebärdensprache. „Seine komplette Freizeit verbringt er mit Hörgeschädigten“, sagt Christoph Tobinski. Auch Bastians Freundin ist hörgeschädigt. „Beziehungen zwischen Hörenden und Hörgeschädigten sind ganz, ganz selten“, weiß sein Vater. Der Fußball in Cappenberg bildet da eine seltene Ausnahme.

Bastian Tobinski in der Kabine in Cappenberg. Hier hat er eine sportliche Heimat gefunden.

Bastian Tobinski in der Kabine in Cappenberg. Hier hat er eine sportliche Heimat gefunden. © Sebastian Reith

Bastian Tobinski hat als Kind nicht gelernt, wie Wörter richtig ausgesprochen und betont werden. Wenn er, der erst später Lautsprache gelernt hat, etwas sagt, verstehen es Hörende nur sehr schlecht. Und da Schreiben, Sprechen und Hören im Gehirn miteinander verknüpft sind, schreibt Bastian Tobinski auch nicht fehlerfrei.

Ein gutes Buch ist zu kompliziert für Bastian Tobinski

„Wie will man sich die Sprache so aufbauen, dass man sie grammatikalisch einwandfrei kann?“, fragt Christoph Tobinski und erklärt, dass die Schriftsprache nicht umzusetzen sei für seinen Sohn. „Er könnte auch keinen Roman mit abstrakten Begriffen und Handlungen lesen. Aber er kann die Tageszeitung lesen, weil er sich Schlüsselbegriffe rausholt“, sagt Christoph Tobinski. Bei Schriftverkehr helfen seine Eltern.

Im Alter von sieben Jahren ließ sich Bastian Tobinski einer Operation unterziehen. Er bekam ein Cochlea-Implantat (CI), eine Hörprothese, die Geräusche in Form von Elektrostimulation an den Hörnerv weiterleitet. Um die rund 80.000 DM teure Operation bewilligt zu bekommen, musste der Patient damals gewisse Voraussetzungen erfüllen - ein langwieriger Prozess für die Familie.

Cochlea-Implantat ist eine Chance für Bastian Tobinski

„Die Krankenkassen haben lange rumgezickt. Ein Psychologe hätte es uns fast vereitelt, weil er der Meinung war, dass wir zu viel von dem Cochlea-Implantat erwarten. Es hat viel Schriftverkehr erfordert“, sagt Christoph Tobinski. Klar war aber auch: „Die Hörgeräteentwicklung war bei Bastian nicht ausreichend, um auch Sprache zu entwickeln.“ Das Implantat war also eine Chance, weiter raus aus der Isolation zu kommen.

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Als Kind ging Bastian Tobinski auf eine Schule für Hörgeschädigte in Münster, auf der die Gehörlosen und die Schwerhörigen früher klassisch getrennt waren. Bastian Tobinski nahm als einer der ersten Gehörlosen am Unterricht der Schwerhörigen teil. Die Schwerhörigen konnten anders als er aber keine Gebärden, da sie lautsprachlichen Unterricht bekamen. „Und so saß er völlig zwischen den Stühlen. Mittlerweile weiß man, dass ein Mix aus Gebärden und Lautsprache das Beste ist“, sagt sein Vater. Für seinen Sohn war es ein sehr harter Weg.

Bastian Tobinski arbeitet als Garten- und Landschaftsbauer

Bastian Tobinski hat einen Hauptschulabschluss abgelegt, hat eine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer absolviert und sich zum Vorarbeiter hochgearbeitet. Kundenkontakt ist nicht immer ganz einfach. Trotzdem sind sich Vater und Sohn einig, dass es gut läuft, auch weil der Arbeitgeber sozial eingestellt ist.

Bastian Tobinski besitzt auch den Führerschein und ist mobil. Die Einschränkungen beim etwas getrübten Gleichgewichtssinn kompensiert er. Wieder mussten die Eltern helfen, damit ihr Sohn ein Gutachten erhält, dass ihn für verkehrssicher genug einstuft. „Der fährt auf einem Bein Ski. Wie soll er denn eine Gleichgewichtsstörung haben?“, sagt Vater Christoph. Das Martinshorn hört er nicht, aber Bastian Tobinski hat es in der Regel längst gesehen.

Beim PSV Bork kam Bastian Tobinski nicht klar

Auch im Fußball war es nicht immer einfach. Tobinski spielte einst beim PSV Bork Fußball, sei hier aber nicht gut klargekommen, als er aus dem Jugendbereich zu den Senioren aufrückte. „Es machte keinen Spaß“, sagte Bastian Tobinski.

Später, nach einem Wechsel nach Cappenberg: das gleiche. Dabei war die Leistung nicht schlecht. Von der zweiten Mannschaft der Cappenberger spielte er sich sogar in den Kader der ersten. Doch auf dem Platz stand er selten. „Ich war sehr traurig. Ich habe alles gegeben“, sagt Bastian Tobinski. „Das Risiko, dass taktische Absprachen zu kompliziert für ihn sind, waren gegeben“, begründet Vater Christoph Tobinski.

Bastian Tobinski ist Deutscher Meister mit dem GTSV Essen

In Essen lief es für Bastian Tobinski deutlich besser. Beim Gehörlosen-TSV Essen war er unter Sportlern mit gleichen Problemen. Der Verein war auch mit Tobinski seit 2011 sechs Mal Deutscher Meister. Tobinski spielte sogar in der Champions League, die es für Gehörlosensportvereine und -mannschaften gibt.

„Ich hätte gerne höher Fußball gespielt und wäre gerne Profi geworden“, erzählt er von seinem großen Traum, der sich nicht erfüllte. „Es wäre vielleicht anders gelaufen“, wenn er nicht hörgeschädigt gewesen wäre. Weil der Zulauf beim GTSV Essen so groß war, meldete der Verein, in dem Bastian Tobinski Beisitzer im Vorstand ist, auch ein Kreisliga-Team bei den Hörenden. Im DFB sind Gehörlose nicht gesondert vertreten.

In Cappenberg fühlt sich Bastian Tobinski jetzt wohl

Vater Christoph Tobinski war aufgrund der schlechten Erfahrungen zunächst gar nicht begeistert, dass sein Sohn einen zweiten Anlauf in Cappenberg wagen wollte. Doch das Trainerteam um Markus Schnatmann integrierte Bastian diesmal deutlich besser. Daniel Schmucker, Co-Trainer der Mannschaft, beherrscht sogar ein wenig Gebärdensprache. „Die Kommunikation passt“, sagt Schmucker, der oft als Dolmetscher fungieren kann.

Auf dem Feld muss Bastian Tobinski dann ohne Dolmetscher und Implantat auskommen, das auf dem Fußballplatz laut Regelwerk wegen des Verletzungsrisikos verboten ist. „Er muss viel mit Augenkontakt machen“, sagt Schmucker. Für Bastian Tobinski haben die Cappenberger viel verändert und denken vorausschauend, um ihrem gehörlosen Sportler die Teilnahme zu ermöglichen.

GS Cappenberg II hat Bastian Tobinski gut integriert

Für Tobinski hat das Trainerteam die linke Außenbahn als optimal für ihn ausgemacht. Das Blickfeld geht dann nach rechts, was es für ihn einfacher macht, den Ball mit dem stärkeren rechten Fuß anzunehmen. Die Spieler müssen sich auch darauf einstellen, dass sie Tobinski keine verbalen Kommandos geben können.

Jubel auf Gebärdensprache: Bastian Tobinski und Co-Trainer Daniel Schmucker, der etwas Gebärdensprache kann, jubeln für das Foto.

Jubel auf Gebärdensprache: Bastian Tobinski und Co-Trainer Daniel Schmucker, der etwas Gebärdensprache kann, jubeln für das Foto. © Sebastian Reith

„Das war gerade am Anfang ein Problem. Deswegen müssen wir mit Zeichen kommunizieren. Wenn er mit dem Rücken zu dir steht, hast du keine Reaktion“, sagt Schmucker. „Es ist eine große Umstellung, wenn du vorausschauend handeln musst, aber hier ist jeder willkommen. Es ist ein enger Freundeskreis. Er ist komplett akzeptiert und wird wie ein ganz normaler Mensch behandelt“, sagt Schmucker. Bastian Tobinski ist so integriert, dass die Mannschaft auf Gebärdensprache jubelt: Beide Hände werden schulterbreit vor dem Kopf aufgebaut, dann werden die Handgelenke geschüttelt. Wer es nicht weiß, fühlt sich an Luca Toni erinnert.

Vor dem Spiel geben die Cappenberger zudem dem Schiedsrichter einen Hinweis. Denn Tobinski hört es nicht, wenn der Schiedsrichter pfeift. Er hat aber andere Mechanismen entwickelt, um zu bemerken, dass das Spiel unterbrochen wurde. „Basti kompensiert den fehlenden Sinn. Was er visuell mitkriegt oder durch andere Wahrnehmungen, ist intensiver“, sagt Vater Christoph.

Läuft Bastian Tobinski alleine auf das Tor zu und wird durch einen Abseitspfiff gestoppt, deuten Reaktionen von Spielern und Zuschauern für ihn darauf hin. „Ich komme mit den Trainern und den Spielern gut zurecht“, sagt Bastian Tobinski selbst. Vor Spielern speichert er die Aufstellung von der Taktiktafel ab - für den hörgeschädigten Fußballer wie eine Karte, die ihm verrät, welche Spieler sich wo in seiner Nachbarschaft aufhalten.

Die taktische Aufstellung prägt sich Bastian Tobinski ein. Er ist in der Lage, das, was er visuell aufnimmt, besser abzuspeichern.

Die taktische Aufstellung prägt sich Bastian Tobinski ein. Er ist in der Lage, das, was er visuell aufnimmt, besser abzuspeichern. © Sebastian Reith

Integration ist das eine, medizinische Entwicklung das andere. Das Ohr war lange nicht Forschungsobjekt Nummer eins. Geld fehlte, erst jetzt werde die Forschung intensiviert. Möglicherweise sind Mediziner irgendwann in der Lage, Bastian Tobinski doch noch das Hörvermögen zu schenken. Doch auch ohne kommt er durchs Leben.

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