Bodyguard für den Quarterback

American Football

Der 52. Super Bowl, das Finale der National Football League, zieht auch zwei Borker in der Nacht von Sonntag auf Montag vor die Mattscheibe. Uwe Sander und Niclas Kaminski sind Teil eines Aufschwungs in Deutschland, obwohl sie nicht mehr aktiv sind.

Bork

von Von Sebastian Reith, Patrick Schröer und David Döring

, 03.02.2018, 10:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Uwe Sander (r.), hier in einem Spiel gegen die Falcons aus Köln, spielte ein Jahr für die Dortmund Giants. Er musste dabei Quarterback Sascha Koch (2.v.r.) schützen. „Mit 125 Kilogramm war ich noch ein Leichtgewicht bei uns“, sagt Sander im Interview.

Uwe Sander (r.), hier in einem Spiel gegen die Falcons aus Köln, spielte ein Jahr für die Dortmund Giants. Er musste dabei Quarterback Sascha Koch (2.v.r.) schützen. „Mit 125 Kilogramm war ich noch ein Leichtgewicht bei uns“, sagt Sander im Interview. © Jungmann

Uwe Sander schleppt mit 1,78 Meter Körpergröße 125 Kilogramm Gewicht mit sich rum. Während bei Ernährungswissenschaftlern und Ärzten die Alarmglocken schrillen, freute sich der Trainer der Dortmund Giants vor drei Jahren beim Probetraining über einen Offensive Guard in seinem Team.

Inzwischen spielen Uwe Sander (25) aus Bork und sein befreundeter Borker Niclas Kaminski (25) kein American Football mehr. Nach einem einjährigen Intermezzo bei den Giants war wieder Schluss – zu groß war für beide der Aufwand, Job und den Sport, den beide für sich entdeckt hatten, unter einen Hut zu bekommen. Und dann waren da immer noch die langen Fahrten.

Sander und Kaminski hatten bei den Giants in der Saison 2015 komplett unterschiedliche Aufgaben. Sander stand in der sogenannten O-Line, einer Linie aus fünf Spielern, die den Quarterback schützen. Der Quarterback ist als Spielgestalter Kopf der Offense. Kaminski kam erst ins Spiel, wenn die Giants keinen Ballbesitz mehr hatten. Er war Teil genau der Defensivlinie, die versucht, den Quarterback zu erstürmen. „Ich fand es anfangs auch immer verwirrend, dass sie Defensive heißen. Es sind die, die am meisten angreifen und versuchen, durchzukommen“, sagt Kaminski, der als sogenannter Nose Guard in der Linie zentral spielte. Hier treffen die größten, schwersten und stärksten Spieler aufeinander. Sander macht keinen Hehl daraus, dass Körpermasse von Vorteil ist. „Wir sind Bodyguards, die lieben dicken Jungs“, witzelt Sander, „mit 125 Kilogramm war ich noch ein Leichtgewicht bei uns.“

Schwierig vorzustellen ist, dass die Offensive und Defensive zwei Teams in der Mannschaft bilden. „Im Training kommt es auch genau so rüber. Das eine Team hatte weiße, das andere blaue Trainings-T-Shirts“, erklärt Kaminski.

Angefangen hatte alles mit lockerem Interesse an dem US-Sport. 13 Jahre lang war Uwe Sander Handballer beim PSV Bork – bis ihn ein Kreuzbandriss stoppte. Als er wieder anfing, machte die Achillessehne ihm zu schaffen. 2012 hängte er die Schuhe dann an den Nagel. „Ich war damals schon im Fitnessstudio aktiv und generell einer der breiteren, dickeren Leute“, sagt Sander. Und in seinem Freundeskreis? „Es heißt immer, ich hätte die Figur eines Footballers. Ich habe angefangen, es im Fernsehen zu sehen und mich damit auch identifiziert“, sagt Sander. Ihm gefiel, dass American Football für fast jeden Sporttyp eine Position bereithält: dünne, schnelle Sprinter und auch kräftige Kerle, die die Angriffe abwehren.

2015 meldeten sich Sander und Kaminski gemeinsam in Dortmund an. „Und nur Pumpen war mir irgendwann auch zu langweilig. Ich wollte wieder eine Mannschaft um mich herum haben. 2015 haben wir uns dann getraut und sind zum Training gefahren“, sagt Sander.

US-Sport wächst
Ähnlich war der Werdegang bei Niclas Kaminski. Kaminski spielte Handball in Brambauer, landete über Uwe Sander auch beim Handball in Bork. „Ich sehe bei American Football auch Parallelen zum Handball“, sagt Kaminski. Lange blieb er letztlich nicht bei den Giants. Gestört habe ihn wenig Einsatzzeit. „Gespielt hat, wer es kann. Und so haben auch Spieler gespielt, die nicht beim Training waren“, sagt Kaminski.

Anders hätte es vielleicht ausgesehen, wenn er bereits früher angefangen hätte. Wie Sascha Koch. Fußball hat er früher als Kind mal ausprobiert. Das klappte bei den Minikickern des BV Brambauer aber nur mit mäßigem Erfolg. „Dafür hatte ich einfach zwei linke Füße“, sagt Sascha Koch. Auch Wasserball und Tennis packten den 24-jährigen Dortmunder, der über 20 Jahre in Brambauer gewohnt hat, nie so richtig. Im Teenageralter hörte er daher mit beiden Sportarten auf. Vor acht Jahren hat Koch dann etwas Neues, etwas Verrücktes ausprobiert. Er besuchte ein Training bei den Dortmunder Giants. „Beim American Football reizt mich der Zusammenhalt im Team, den ich so in keiner anderen Sportart erlebt habe. Wenn man einmal hier ist, dann lässt man nicht mehr los“, sagt Koch.

In Deutschland ist der Sport einem siebenklassigen Ligensystem organisiert, unter zwei Bundesligen kommen zwei zweite Ligen und dann auch schon die Ligen der Landesverbände. Die Giants spielen derzeit in der Regionalliga, der dritthöchsten Liga. In NRW ist vor allem im Rheinland die Dichte an Teams hoch. Neben Dortmund gibt es in näherer Umgebung auch Teams in Hamm, Herne, Recklinghausen, Gelsenkirchen und in Münster sogar zwei konkurrierende Klubs, die Blackhawks und Mammuts.

Und American Football wird immer populärer. „Das ist ganz klar den Übertragungen im Free-TV geschuldet. Da ist ein riesiges mediales Ereignis draus geworden. Dazu haben sie eine unglaublich große Reichweite gekriegt, was sehr, sehr gut ist für unseren Sport“, so Koch. Der Zulauf wächst auch im Jugendbereich. Die Giants haben im Jugendbereich eine U13, U16 und U19 im Spielbetrieb.

Dortmund ist kein Einzelfall. Deutschlandweit ist ein Aufwärtstrend erkennbar. Noch vor zehn Jahren waren knapp über 30.000 Mitglieder beim American-Football-Verband Deutschland organisiert. Zehn Jahre später sind es doppelt so viele. In der Bestandserhebung 2017 des Deutschen Olympischen Sportbundes hat American Football erstmals über 60.000 Mitglieder. Die Sportart wächst rasant – um im Schnitt 7 Prozent pro Jahr.

Kaminski und Sander waren Teil des Aufschwungs. „Das Training ist, wie es im Spiel auch ist. Man muss halt Gas geben, sonst wird man umgeworfen oder nach hinten getrieben. Und das ist nicht die Idee“, sagt Kaminski über das harte Training. „Du musst diesen Willen aufbringen, alles zu geben. Wenn sich da 260 Kilogramm gegenüberstehen, geht es automatisch zur Sache“, sagt Sander, räumt aber auch mit einem Vorurteil auf: „Es ist sehr viel Technik. Man muss an der Line sehr beweglich sein, tief stehen und versuchen, den Gegner auszuhebeln.“ In den Spielen müssen die Spieler dann auf den Punkt konzentriert sein. „Ein Spielzug geht nur ein paar Sekunden. Sobald der Ball in Bewegung ist, muss man alles geben“, sagt Kaminski.

Der Super Bowl in der Nacht auf Montag ist für beide Ex-Spieler ein Event, obwohl sie mittlerweile jeden Sonntagabend American Football im Fernsehen gucken. Klassisch amerikanisch bereiten sie Chicken Wings zu, laden Freunde ein. „Es wird zelebriert“, sagt Kaminski. Beide haben Montag Urlaub eingereicht. „Das Spiel geht bis 5 Uhr“, sagt Sander. Seine New England Patriots mit Superstar Tom Brady stehen für Sander schon als Sieger fest. Kaminski ist da doch anderer Meinung: „Der Super Bowl ist noch mal anders. Bei den Panthers sah es damals auch gut aus und es hat nicht gereicht.“

Aktiv sind beide Borker mittlerweile nicht mehr. Nach nur einem Jahr entschied sich auch Sander dafür, den Helm wieder an den Nagel zu hängen. Er hatte nach einem Zusammenprall Schulterprobleme. Und auch die Arbeitszeiten passten nicht. „Du hast bis 22 Uhr trainiert und baust dann den Platz ab, gehst duschen und fährst nach Hause. Und um 6 Uhr musst du am nächsten Tag wieder losfahren“, sagt Sander. Die Begeisterung für den Sport ist geblieben.

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