FC Nordkirchens Neuzugang Benjamin Siegert hat Spektakuläres in seiner Vita stehen: Unter anderem erzielte der ehemalige U21-Nationalspieler das schnellste Tor im Deutschen Profifußball.

Nordkirchen

, 15.07.2019 / Lesedauer: 6 min

Mit langsamen Schritten geht Benjamin Siegert am Sonntag vom Nordkirchener Naturrasen. Er lächelt. Auf dem Arm trägt er Sohn Jasper, der ein Bayern-Trikot anhat. Siegert, den der FC Nordkirchen bekam, weil Landesligist SC Münster 08 seine Mannschaft zurückgezogen hat, ist ein Familienmensch.

Spektakulär war der Transfer, den der FCN am Donnerstag vergangene Woche im Rahmen des Testspiels gegen den BV Lünen öffentlich gemacht hatte. Über 300 Profispiele hat Benjamin Siegert auf dem Buckel. Da wirken die an die 60 Regionalligaeinsätze, die er auch noch absolviert hat, fast wie ein Beiwerk. Schon allein mit diesen wäre der 38-jährige Ex-Profi im Nordkirchener Kader mit Abstand der Spieler mit der meisten Erfahrung. Es ist ein echter Coup, den der FC Nordkirchen vier Wochen vor dem Saisonstart gelandet hat - und trotz des Alters eine Verstärkung für den Titelkampf.

Benjamin Siegert freut sich auf die Herausforderung

„Man hat sehr intensive Gespräche geführt über Wochen und am Ende habe ich mich für Nordkirchen entschieden und gegen andere Vereine“, sagt Siegert am Sonntag routiniert in die Kamera, „ich freue mich auf die nächste und neue Herausforderung hier in Nordkirchen.“

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Benjamin Siegert im ersten Interview

Siegert ist nach zwei Einsätzen noch mitten in der Findungsphase bei seinem neuen Klub. „Jetzt ist es für mich wichtig, mit den Jungs auf Augenhöhe zu kommen, mit ihnen zu sprechen und alle Leute im Umfeld kennen zu lernen. Ein bisschen Abstand ist noch da, weil wir noch ganz am Anfang sind, aber ich gehe davon aus, dass es in den kommenden Wochen anders wird“, sagt Siegert, der erst im rechten Mittelfeld, dann nach der Umstellung von der Dreier- auf eine Viererkette hinten spielte.

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Das Bayern-Trikot bei Sohn Jasper ist kein Zufall. Siegert ist wie Nordkirchens Trainer Issam Jaber Bayern-Fan. Siegert hatte Hasan Salihamidžić damals als Vorbild. „Den konntest du hinstellen, wo du wolltest. Er hat überall überzeugt“, sagt Siegert, der sich auch mit der aggressiven und kämpferischen Art identifiziert. Im DFB-Pokal spielte er sogar einmal gegen die Bayern. 2014 war das im Erstrundenmatch mit Preußen Münster. „Das saugt man auf und erzählt das irgendwann den Enkelkindern“, sagt Siegert.

Benjamin Siegert wächst in West-Berlin auf

Siegert verbringt seine Kindheit im geteilten Berlin. 1981 wird er geboren, lebt danach in West-Berlin, kickt beim Mariendorfer SV 06, dem FC Hertha 03 Zehlendorf, und Tennis Borussia Berlin. Der Kalte Krieg, die Berliner Mauer, der Konflikt zwischen Ost und West - das alles ist für Siegert als Kind weit weg und doch irgendwie Alltag. „Für mich war das nicht begreifbar“, sagt er heute, erinnert sich an Reisen in den Ostsektor, an Grenzkontrollen und stark bewaffnetes Grenzpersonal.

Ex-Profi Benjamin Siegert im Portrait: BVB-Pokalschreck und 7 Minuten Bundesliga

„Im Pokal kann man Großes schaffen. Die Euphorie bei unterklassigen Mannschaften ist ganz anders“, sagt Siegert. © Sebastian Reith

Er ist noch keine 18 Jahre alt, als er 2000 einen Profivertrag beim VfL Wolfsburg unterschreibt. 12. Mai 2001: Mit einer 3:0-Führung im Rücken wechselt Wolfsburgs Trainer Wolfgang Wolf Benjamin Siegert nach 83 Minuten ein. Die sieben Bundesliga-Minuten bleiben Siegerts einzige im Oberhaus. „Es schafft nicht jeder. Ich bin stolz darauf, einmal in der Bundesliga gespielt zu haben“, sagt er. Auf den Einsatz wird er noch heute oft angesprochen. „Ich sage jedoch immer gleich, dass es nur ein Spiel war. Aber das nimmt dir keiner.“

Akpoborie trainiert nur einmal, spielt dann - und trifft auch noch

Charles Akonnor und Jonathan Akpoborie nennt Siegert, wenn man ihn auf besonders gute Mitspieler anspricht. „Akpoborie war der einzige Spieler, der nur einmal trainieren musste, dann gespielt hat - und dann auch noch getroffen hat“, scherzt Siegert.

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Benjamin Siegert - die besten Bilder seiner Karriere

Benjamin Siegert hat eine bewegte Profikarriere hinter sich, bevor er zum FC Nordkirchen gekommen ist. Hier zeigen wir seine besten Bilder.
16.07.2019
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Seine Karriere als Profifußballer begann Benjamin Siegert beim VfL Wolfsburg, wo er 2000 von Tennis Borussia Berlin hinwechselte. In vier Jahren beim VfL spielte Siegert hauptsächlich in der zweiten Mannschaft in der Oberliga Niedersachsen. Aber auch der einzige Bundesligaeinsatz seiner Karriere – sieben Minuten gegen Eintracht Frankfurt – am 12. Mai 2001 gelang ihm bei den Wolfsburgern. © dpa
Der gebürtige Berliner Benjamin Siegert (Nummer 2) gehörte damals zu den Talenten des deutschen Fußballs – hier auf dem Gruppenbild der U21-Nationalmannschaft in einer Reihe mit Jermaine Jones (hockend, l.) oder dem späteren Bayern-Torhüter Tom Starke. © imago
Zweite Profistation war Eintracht Braunschweig. Die Braunschweiger spielten damals in der Regionalliga. Nach nur einem Jahr stieg er mit Braunschweig aber in die 2. Bundesliga auf. 102 Spiele absolvierte er für die Braunschweiger, davon 63 in der 2. Bundesliga. Insgesamt trug Siegert drei Saisons das Braunschweiger Trikot. © dpa
Legendär auch das Spiel gegen Borussia Dortmund im DFB-Pokal. Am 22. August 2005 haute der Underdog den BVB mit 2:1 in Runde eins aus dem Wettbewerb. © dpa
Und das, obwohl Stars wie Roman Weidenfeller, Dede, Christoph Metzelder, Jan Koller und Ebi Smolarek damals für den BVB aufliefen. In Runde zwei scheiterte Braunschweig dann an Freiburg (1:4). © dpa
Schon zu Braunschweiger Zeiten war Siegert für allerlei Späße zu haben. Hier läuft er mit blau-gelb gefärbten Haaren auf, den Vereinsfarben der Braunschweiger. © imago
2007 wechselte Benjamin Siegert nach dem Abstieg mit Braunschweig zum SV Wehen Wiesbaden. Beim Zweitligisten erreichte Siegert seine beste Quote: 16 Scorerpunkte in 59 Begegnungen. © dpa
Hier jubelt Siegert in der Allianz Arena in München über den Ausgleich für Wehen Wiesbaden gegen den TSV 1860 München. Einen Rekord stellte Siegert in einem anderen Spiel auf. Gegen Greuther Fürth traf er nach nur acht Sekunden – es ist das schnellste Tor des deutschen Profifußballs. © dpa
Von schweren Verletzungen blieb der heute 38-Jährige immer verschont. Knochenbrüche, die ihn lange außer Gefecht setzten oder einen Kreuzbandriss, die Horrorverletzung der Fußballer, erlitt er in seiner Profikarriere nicht. Diese Verletzung zählte schon zu Siegerts schwereren: ein Innenbandanriss im Knie, passiert im Spiel gegen Freiburg.© imago
2009 folgte Siegerts Wechsel zum VfL Osnabrück – eine Liga tiefer, in Liga 3. Doch nicht lange. Nach dem Aufstieg spielte er wieder in der 2. Bundesliga Fußball. Aber nur eine Saison. Denn am Saisonende verlor Osnabrück als Drittletzter die Relegation gegen Dresden bitter in der Verlängerung. Es waren Siegerts letzte Zweitligaspiele. © dpa
In Osnabrück holte Siegert aber auch seinen einzigen Titel: Er wurde Drittligameister mit dem VfL. Zigtausende feierten in der Stadt Siegert und seine Mitspieler. © dpa
Im gleichen Jahr des Aufstiegs gelang auch ein sensationeller Durchmarsch im DFB-Pokal. Erste Runde Rostock, zweite Runde Hamburg, wo Siegert auch traf. Den HSV bezwang Osnabrück im Elfmeterschießen. © imago
Dann kam der BVB – bereits Siegerts drittes DFB-Pokalspiel gegen die Schwarzgelben. Mit seinem Tor zum 3:1 ebnete er den Weg zum 3:2-Erfolg. Mats Hummels und Neven Subotic bildeten da schon die erfolgreiche Innenverteidigung der Dortmunder Meistermannschaft, die eine Saison später sensationell die Schale holte. © imago
Nach Siegerts Abschied aus Osnabrück blieb er in der 3. Liga. Sein neuer Klub: Preußen Münster, wo er Publikumsliebling wurde. Dabei war Siegert kein Youngster mehr. Kurz nach seinem Wechsel wurde er 30 Jahre alt. © imago
Für keinen anderen Verein stand Siegert aber häufiger auf dem Feld. Insgesamt 137 Partien bestritt er für die Preußen. Zehn Tore und 14 Torvorlagen waren seine starke Bilanz. In Münster wurde der Mittelfeldspieler sesshaft. © dpa
Im Alter von 34 noch einmal ein Wechsel nach Lotte, wo er 26 Regionalligaeinsätze erhielt. Das Aus bei den Sportfreunden kam eher unschön. Beide Seiten konnten sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen. Siegert ließ seine Profikarriere bei Oberligist Tennis Borussia Berlin, seinem Jugendverein, ausklingen und spielte zuletzt für den SC Münster in der Landesliga. Noch vor der Staffeleinteilung zog Nullacht seine Mannschaft zurück. © imago
Am Donnerstag und Sonntag spielte Benjamin Siegert bereits für seinen neuen Klub, den FC Nordkirchen.© Sebastian Reith

Aber auch Typen wie Stefan Effenberg begegnet er in Wolfsburg. „Als junger Spieler kommt eines Tages Stefan Effenberg zu dir und sagt, dass du seine Tasche in die Kabine tragen sollst.“ Benjamin Siegert trägt die Tasche. Auch, als Claudia Effenberg vor dem Vereinsgelände wartet und Siegert auffordert, ihrem Mann auszurichten, dass er sich beeilen soll, spielt Siegert den Boten. Also geht er zurück in die Kabine und richtete Effenberg aus, dass seine Frau auf ihn wartet. „Er hat nur abgewunken. Daraufhin habe ich seine Frau draußen angelogen: Jaja, er beeilt sich“, erzählt Siegert und lacht.

Der große Durchbruch bleibt aus - Sieger geht in die Regionalliga

In den vier Jahren beim VfL Wolfsburg gelingt Siegert nicht der große Durchbruch zum Bundesligaspieler. „Es waren 33 Spieler im Kader. Als junger Spieler konnte ich nicht so angreifen“, sagt Siegert, dem auch Reife fehlte, wie er heute andeutet. Mit dem Profivertrag in der Tasche ist Siegert erstmal zufrieden. Den nächsten Schritt verpasst er damals. Drei Jahre nach seinem Bundesliga-Debüt wechselt er zu Eintracht Braunschweig. Mit dem Regionalligisten steigt Siegert als Stammkraft in die 2. Bundesliga auf und zwei Jahre später wieder ab. Die ersten Zweitligaminuten hat er aber auf dem Konto.

Ex-Profi Benjamin Siegert im Portrait: BVB-Pokalschreck und 7 Minuten Bundesliga

Benjamin Siegert fühlt sich fit genug für die Bezirksliga und neue Aufgaben mit dem FC Nordkirchen. © Sebastian Reith

Schnellstes Tor im deutschen Profifußball

Deshalb geht Siegert, der sich zu einem passablen Zweitligaakteur entwickelt hat, zum SV Wehen Wiesbaden, wo ihm am 5. Oktober 2007 beim Auswärtsspiel bei Greuther Fürth Historisches gelingt. Bereits nach acht Sekunden trifft Siegert - bis heute das schnellste Tor im deutschen Profifußball. Siegert erinnert sich: „Wir haben damals Anstoß bekommen und haben den Ball immer weit auf die rechte Seite geschlagen. Bevor der Schiedsrichter angepfiffen hat, bin ich schon losgelaufen und hatte schon einen Meter geklaut. Dann kam der Flugball, ich habe den Ball mit der Brust angenommen, geschossen und Sascha Kirschstein auf dem falschen Fuß erwischt.“ Tor! Bei seinem Jubel rennt Siegert zur Bank - doch Trainer und Co-Trainer waren noch im Spielertunnel. Videoaufnahmen des Tores sucht er bis heute vergebens. „Ich habe es zweimal gesehen und dann nie wieder“, sagt er.

Benjamin Siegert ist ein Pokalschreck

Beim VfL Osnabrück stößt Siegert drei Jahre später mit seiner Mannschaft bis ins Viertelfinale vor. Er trifft beim Zweitrundenerfolg gegen den Hamburger SV und auch beim Achtelfinalsieg über Borussia Dortmund. Der BVB ist bis heute ein Lieblingsgegner für Siegert. 2001 kegelt er den BVB mit Wolfsburg aus dem DFB-Pokal. 2005 dann mit Eintracht Braunschweig. 2009 wiederholt er das Kunststück mit Osnabrück. Drei DFB-Pokalpartien, in denen Siegert immer spielt. Und immer fliegt Schwarzgelb raus.

Ex-Profi Benjamin Siegert im Portrait: BVB-Pokalschreck und 7 Minuten Bundesliga

© Nina Dittgen

„Im Pokal kann man Großes schaffen. Die Euphorie bei unterklassigen Mannschaften ist ganz anders“, sagt Siegert. Auch er war immer besonders motiviert in Pokalschlachten. „Wenn es eine Pokalliga gegeben hätte, wäre ich vermutlich Weltklasse“, scherzt er. Erst im Viertelfinale gegen den FC Schalke war damals Endstation für Osnabrücks Pokalhelden. „0:1. Kevin Kurányi“, weiß Siegert noch heute. Mit Osnabrück steigt Siegert im gleichen Jahr in die Zweite Liga auf.

Publikumsliebling bei Preußen Münster

Das Kapitel Osnabrück endet mit Siegerts Wechsel zu Drittligist Preußen Münster. In die Stadt verliebt sich Siegert. In die alte Heimat Berlin zieht es ihn nach einer Saison bei den Sportfreunden Lotte noch für ein kurzes Intermezzo bei Tennis Borussia. „Die Familie wohnt noch in Berlin“, sagt er. Die Wahl-Heimat ist aber Münster. „Das ist eine schöne Stadt. Berlin ist zu stressig“, sagt Siegert. Mit seiner Frau und den zwei Kindern wohnt er in Hiltrup. In Münster mutierte er zum Publikumsliebling. Die lockere Art kam an. Der vereinsinterne Sender Nullsechs.TV hat im Netz eine Interview-Zusammenfassung des Spaßvogels und Interview-Crashers hochgeladen.

Nach der Profikarriere hat Siegert dann beim SC Münster gespielt und eine Umschulung zum Automobilkaufmann begonnen. Nun also Nordkirchen. „Ich möchte gerne noch etwas spielen und später eine Trainerlaufbahn einschlagen. Aber so lange mich Knie und Kopf tragen, möchte ich spielen. Ich fühle mich sehr fit. 38 sieht man mir zwar an, aber von der Fitness her ist es noch ganz gut“, sagt er. „Er ist sehr sympathisch und charakterlich einwandfrei. Man hat es heute auch im Spiel gesehen: Er ist ein Guter und wird sich definitiv in der Mannschaft wohl fühlen. Alle sind begeistert von ihm. Mit so einem Typen können wir nur gewinnen“, sagte Co-Trainer Daniel Eroglu am Sonntag. Donnerstag geht es für Nordkirchen gegen den Westfalenligisten Lüner SV (19.15 Uhr, Am Schloßpark, Nordkirchen) - ganz sicher wieder mit Siegert.

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