Das Sportgericht bestrafte den Recklinghäuser Klub nach der Massenschlägerei in Vinnum drastisch mit Geldstrafe und Auflagen. Wird der SV Herta durch Gewalt auffällig, droht der Ausschluss.

Vinnum

, 16.12.2019, 22:22 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das erste Urteil nach der Massenschlägerei vom 15. September in Vinnum ist gesprochen. Der SV Herta Recklinghausen ist am Montagabend vom Kreissportgericht zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Das Urteil ist rechtskräftig. Zudem werden weitere Verfahren auf den Verein zukommen.

Am Ende ließ das Sportgericht die Bombe platzen: 4.000 Euro Geldstrafe, die Hälfte zur Bewährung für den SV Herta. Zudem gab es diverse Bewährungsauflagen – bei Verstoß gegen zwei Auflagen droht sogar der Ausschluss.

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Bereits vor der Beweisaufnahme kündigte der vorsitzender Sportrichter Thomas Michalczak an, die Verfahren gegen vier Fußballer des SV Herta Recklinghausen gesondert zu eröffnen.

SV Herta Recklinghausen erhält strenge Auflagen

Die Auflagen: Der SV Herta muss bis Ende 2020 bei allen Pflichtheimspielen drei gekennzeichnete Ordner dem Schiedsrichter vorstellen und muss bei allen Auswärtsspielen einen Fanbeauftragten einsetzen, der im Bedarfsfall erzieherisch auf Zuschauer einwirken kann.

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Zu den 2.000 Euro Geldstrafe, die sofort fällig werden, kommen noch 500 Euro an eine gemeinnützige Vereinigung für Gewaltopfer oder Westfalia Vinnum. Erhält ein Hertaner innerhalb von zwölf Monaten eine dreimonatige Sperre, die etwa bei Kopfstößen, Tätlichkeiten oder Bedrohung fällig wird, oder versucht ein Hertaner einen Spielabbruch, wird dem Klub der vollständige Ausschluss angedroht.

Sportgericht bleibt deutlich über den geforderten Strafen

Was überraschte: Das Sportgericht blieb damit deutlich über dem geforderten Strafmaß. Michalczak begründete: „Wir glauben, dass es wichtig ist, ein Zeichen zu setzen, weil es im Kreis Recklinghausen nicht annähernd so einen Fall gab. Einige Geschädigte befinden sich teilweise jetzt noch im Reha-Bereich. Das ist mit nichts und gar nichts zu entschuldigen. Wir halten die Auflagen für eine faire Chance und die Strafe für schuld- und tatangemessen. Der Verein hat es selbst in der Hand.“

Die Vertreter von Westfalia Vinnum hatten in den abschließenden Anträgen lediglich eine Geldstrafe von 1.000 Euro gefordert – und blieben damit deutlich unter der möglichen Maximalsumme von 7.500 Euro. „Es kann nicht sein, dass ein Verein das zulässt, ohne zu reagieren“, sagte Kunibert Gerij.

Matthey folgte Westfalia Vinnums Antrag

Kreisvorsitzender Hans-Otto Matthey folgte dem Antrag. „Wir kennen die Strukturen. Ein Vereinsleben in unserem Sinne findet bei Herta nicht statt. Wir verstehen, dass Verantwortlichkeit nicht so gesehen wird, wie wir sie sehen“, sagte Matthey.

Michael Gassner, beratendes Mitglied des Vorstandes des SV Herta, beantragte „für alle, die das Verfahren in Demut über sich ergehen lassen müssen“ eine Geldstrafe, die den Verein in seiner Existenz nicht gefährdet, und forderte auch die Spieler, die sich an der Eskalation beteiligt haben, nachträglich zu bestrafen – das ist ohnehin Standard im Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen.

Sportgericht ließ sich den Tathergang genau schildern

Für Sportrichter Michalczak und die drei Beisitzer der Kammer stellten sich die Täter- und Opferfrage nie. In der Mensa der Recklinghäuser Wolfgang-Borchert-Gesamtschule fragten sie deshalb gezielt nach Gründen, Motiven und Tathergängen – auch um zu verstehen, ob es Planung der Gewaltszenen gegeben habe.

Sportrichter Thomas Michalczak (r.) begründete das Urteil ausführlich.

Sportrichter Thomas Michalczak (r.) begründete das Urteil ausführlich. © Pascal Albert

Dabei kamen schockierende Details der Massenschlägerei mit acht Verletzten an die Öffentlichkeit. Kunibert Gerij, Vinnums Vereinschef, zeigte direkt zu Beginn ein Foto eines Geschädigten. „Sie kamen von allen Seiten auf uns zu. Ich kann nicht sagen, wo es losging. Sie kamen mit einer solchen Macht auf uns zu“, beschrieb Gerij.

Es gab Jagdszenen in Vinnum

Matthias Gießler, stellvertretender Vorsitzender von Westfalia Vinnum, fügte hinzu: „Es gab Jagdszenen in verschiedenen Bereichen des Platzes und Trauben, die sich hin- und herbewegt haben.“ Ein Auslöseereignis habe es nicht gegeben. „Die Aggressionen waren ohne Anlass. Es war ein normales Spiel ohne besondere Härte“, so Gießler, der eine Rechtsanwaltskanzlei in Olfen hat. „Hatten Sie das Gefühl, es steckte ein Plan dahinter?“, fragte Michalczak. Nicken beim Vinnumer Vertreter.

Ahmad Omayrat vertrat seinen Verein SV Herta Recklinghausen als Vorsitzender.

Ahmad Omayrat vertrat seinen Verein SV Herta Recklinghausen als Vorsitzender. © Pascal Albert

Ahmad Omayrat und Ziad Omayrat, die beiden Vorsitzenden des SV Herta, verteidigten sich: „Wir waren beide an dem Tag nicht da. Wir vertreten die Zweite und haben mit der Ersten fast nichts zu tun. Solche Bilder sind traurig, mit Fußball haben sie nichts zu tun. Bei vielen haben wir nachgefragt, wie das passiert ist. Kein Spieler sagt: Ich war das!“, sagte Ziad Omayrat und kündigte seinen Rücktritt an.

Zakaria Chamdin soll bitterlich geweint haben

Michael Gassner sagte, dass Teammanager Zakaria Chamdin am Tag nach der Schlägerei Unterlagen bei ihm abgab. „Er war emotional sehr aufgebracht, hat sich völlig bedeckt gehalten. Ich habe ihn gekitzelt und gefragt: Was ist da überhaupt passiert? Er wollte sich nicht äußern. Er sagte nur: ‚Die haben uns alles kaputt gemacht‘, sagte Gassner. Michalczak fragte nach, wer mit „die“ gemeint sei. „Die Mannschaft“, bestätigte Gassner. „Zakaria Chamdin hat neben mir an der Haustür gestanden und Rotz und Wasser geheult.“

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Am Ende hörte das Sportgericht gar nicht alle neun benannten Vinnumer Zeugen, weil es keine neuen Erkenntnisse erwartete. Die Westfalia erhielt 50 Euro Strafe wegen fehlender Ordner, die der Klub hätte stellen müssen, als Zuschauer bei einem Vorfall kurz vor dem Abpfiff auf das Feld gelaufen waren. Michalczak schloss den Abend mit mahnenden Worten: „Wir hoffen dass sich alle darauf besinnen: Es geht um ein Hobby, es geht um Fußball!“

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