Wenige Trainingsmöglichkeiten, kaum Turniere und Züchter, die lieber Springpferde ziehen. Als Vielseitigkeitsreiter hat man es nicht leicht. Welche Zukunft hat die „Königsdisziplin“?

Selm, Olfen, Werne, Herbern

, 03.04.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Hengst Salvatore seinen Reiter Marc Dahlkamp vor vier Jahren zum Europameistertitel trug, hatte der Cappenberger Tierarzt einen seiner größten - vielleicht sogar den größten - Erfolg seiner Karriere gefeiert und seinem Reitverein einen EM-Titel der ländlichen Reiter beschert. Dahlkamp ist Vielseitigkeitsreiter. Und wenn man es so nennen will, eine bedrohte Spezies in der Reitsportszene.

Der Deutsche Reit-Verband ist alarmiert

Vor ein paar Wochen schlug der Vielseitigkeits-Ausschuss der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) nämlich Alarm. „Die Zahl der Bewerbungen für eine Grund- oder Höherqualifikation als Richter, Parcourschef oder Technische Delegierte (TD) geht in den letzten Jahren immer mehr zurück“, schrieb das höchste Fach-Gremium im Deutschen Reitverband da im Verbands-Newsletter nieder. Kurz: Es gibt weniger Fachpersonal, das Vielseitigkeitsprüfungen oder -turniere organisiert.

Aber wie dramatisch ist die Situation? „Es ist nicht so, dass wir in den nächsten fünf Jahren den Laden dichtmachen müssen“, sagt Ausschuss-Chef Burkhard Beck-Broichsitter auf Nachfrage, ohne genau zu beziffern, wie viel Fachpersonal fehlt. Aber Sorgen macht sich der Verbandsfunktionär und passionierte Reiter dennoch. „Wir haben Nachwuchsprobleme. In den unteren Klassen E und A tummeln sich noch einige Kinder, aber wahnsinnig viel kommt nicht nach oben zu den Altersklassen der Junioren und Jungen Reitern“, erklärt er.

Vielseitigkeitsreiten ist in der Ausbildung nicht mehr etabliert

Der Reitsport als solches kämpft sowieso um Nachwuchs. Den inzwischen überschaubaren Kreis der Vielseitigkeitsreiter trifft es dann besonders hart. Die Gründe liegen für Beck-Broichsitter auf der Hand: In der Ausbildung der Reiter komme der Geländeritt, eine der drei Teildisziplinen eines Vielseitigkeitswettbewerbs, zu kurz und vor allem seien es die Eltern, die sich aus Angst vor schweren Stürzen sträuben, ihren Nachwuchs in den Parcours mit Naturhindernissen zu schicken.

Marc Dahlkamp und Salvatore wurden bereits Mannschaftseuropameister.

Marc Dahlkamp und Salvatore wurden bereits Mannschaftseuropameister. © Archiv

„Es gibt nicht mehr so viele, die sich trauen, Gelände zu reiten“, meint Beck-Broichsitter und entgegnet, dass inzwischen vielerorts deformierbare Hindernisse eingesetzt würden. Diese geben nach, wenn es zum Kontakt mit dem Pferd kommt, und verhindern Überschläge, sogenannte Rotationsstürze, die mit schweren Verletzungen für Mensch und Tier oder sogar tödlich enden können.

Spektakulär: Anna Alberts vom FuRV Timmel stürzte mit ihrem Pferd Bella Lottchen bei der L-Geländeprüfung am Wassergraben. Pferd und Reiter rappelten sich schnell wieder auf.

Spektakulär: Anna Alberts vom FuRV Timmel stürzte mit ihrem Pferd Bella Lottchen bei der L-Geländeprüfung am Wassergraben. Pferd und Reiter rappelten sich schnell wieder auf. © Dominik Gumprich

Faktoren, die der Reitverband nicht beeinflussen kann

Doch viele Entwicklungen liegen gar nicht in Beck-Broichsitters Macht. Etwa, dass der finanzielle Gewinn für die Reitvereine bei ihren Turnieren wesentlich größer ist, wenn sie beispielsweise ein Stilspringen mehr anbieten statt eines Geländerittes. Die Abfertigungszahlen sind bei den Springprüfungen höher und der Flächenbedarf niedriger wie auch die personellen Anforderungen.

Deswegen beobachtet Michael Dahlkamp, Bruder von Europameister Marc Dahlkamp, auch ein schwindendes Angebot für Geländeritte. „Es ist sehr aufwendig, das zu organisieren. Sie stellen im Springparcours einfach eine Zeitmessanlage hin und brauchen ein paar Richter. Im Gelände sind die Sicherheitsanforderungen dagegen größer. Es gibt Auflagen. Deswegen braucht man hier einen Technischen Delegierten“, sagt er. Und für diese Fortbildung gibt es ja bekanntlich immer weniger Bewerber.

Michael Dahlkamp mit Cacharel - mittlerweile betreibt Michael Dahlkamp nur noch Springreiten. Von der Vielseitigkeit hat er sich verabschiedet.

Michael Dahlkamp mit Cacharel - mittlerweile betreibt Michael Dahlkamp nur noch Springreiten. Von der Vielseitigkeit hat er sich verabschiedet. © Sebastian Reith

Reiten verlagert sich vom Feldweg auf die Reitanlage

Michael Dahlkamp bestätigt, dass es früher mehr Reitschüler in der Vielseitigkeit am heimischen Hof gab. „Es ist einfach ein Generationenwechsel. Früher war es selbstverständlich, dass öfter ausgeritten wurde, weil es noch nicht so viele Reitplätze gab.“ Es gab sogenannte Fuchsjagden und Meutejagden. „Und der Bogen vom Jagdreiten zum Geländereiten ist schneller gespannt“, sagt der Tierarzt.

Es hat sich in der Gesellschaft also etwas verändert. Und auch bei den Dahlkamps selbst. Wie sein Bruder noch heute, ist auch Michael Dahlkamp Vielseitigkeit geritten, bis er sich vor drei Jahren ganz auf das Springen konzentriert hat. Vielseitigkeitsreiten genießt eine lange Tradition in der Familie. Doch der Wandel hat auch hier nicht haltgemacht.

Turniere bedienen die Nachfrage der Reiter

Turnierveranstalter bieten aber nicht mehr nur des Geldes wegen immer seltener Vielseitigkeitswettbewerbe und Geländeprüfungen an. Sie bedienen auch die Nachfrage. Michael Potthink, hauptamtlicher Reitlehrer des RV Lützow, bestätigt, dass die Spezialisierung zum Springen oder zur Dressur immer früher einsetzt. „Hinzu kommt, dass viele nicht mehr die geeigneten Pferde haben, die vielseitig ausgebildet sind“, sagt Potthink und spricht damit ein ganz anderes Problem an: die Zucht.

Michael Potthink ist Reitlehrer eim RV Lützow.

Michael Potthink ist Reitlehrer eim RV Lützow. © Sebastian Reith

Denn die meisten Züchter konzentrieren sich bei ihrer Arbeit auf Spring- und Dressurpferde. „Ja, das kann man so pauschal sagen. Ein Pferd, das sicher in der Vielseitigkeit ausgebildet ist, stellt eine Rarität dar“, sagt Michael Dahlkamp. Weil die Zahl der Tiere gesunken ist, ist es der Wert umgekehrt noch nicht. Die Vermarktung, also einen Abnehmer für ein Reitpferd zu finden, sei aber im Springsport sowie in der Dressur deutlich einfacher.

Bei Ligges geht es nicht mehr in das Gelände

Auch am Gestüt von Kai Ligges aus Herbern sind Vielseitigkeitspferde nicht das Zuchtziel. Dabei kann es sich lohnen: „Für ein Vielseitigkeitspferd auf hohem Niveau gibt es auch entsprechend Geld. Nur ist die Kundschaft weniger“, sagt der Pferdewirtschaftsmeister. Der Aufwand, ein gutes Vielseitigkeitspferd auszubilden, sei jedoch viel größer als bei einem Spring- oder Dressurpferd.

Kai Ligges mt Corcovado

Kai Ligges mt Corcovado © Sebastian Reith

Kai Ligges‘ Vater Fritz Ligges fing selbst als Vielseitigkeitsreiter an. Die ersten beiden von insgesamt vier Olympiamedaillen gewann Fritz Ligges 1964 in Tokyo in ebendieser Vielseitigkeit. „Klar, die sind früher alle Vielseitigkeit geritten. Ich glaube aber, dass der Stellenwert heute noch sehr hoch ist. Es ist die Königsdisziplin, weil man in allen Sparten abgeprüft wird. Es wird sich behaupten“, sagt Kai Ligges.

Dabei hat Ligges selbst schon lange keinen Geländeritt bei einem Turnier mehr absolviert: „Das ist mindestens 30 Jahre her.“ Von der Vielseitigkeitstradition in Herbern geblieben ist vor allem das Speed-Derby, das beim Turnier des RV von Nagel Herbern immer freitagabends stattfindet und hunderte Zuschauer an die Anlage lockt.

Reine Vielseitigkeitsturniere gibt es noch

Reine Vielseitigkeitsturniere wie das Vielseitigkeitswochenende am 6. und 7. April in Werne sind mittlerweile selten geworden. Beck-Broichsitter: „Wir sind inzwischen gewohnt, hunderte Kilometer zu einem Turnier zu fahren.“ Für die Reiter zwischen Olfen und Herbern liegt ein solches Turnier noch direkt vor der Haustür. Es hat eine Nische im vollen Terminplan der Reiter gefunden, weil es früh im Jahr ist und auch nicht mit den anderen Turnieren in Werne kollidiert. Das Turnier findet auf dem Hof von Stephan Schwert, stellvertretender Vorsitzender des RV St. Georg Werne, statt.

Schwert ist klar, dass er mehr verdienen könnte, wenn er ein Springturnier ausrichten würde. Aber: „Klar ist ein Springturnier bequemer. Wir wollen aber viel im Mannschaftssport aktiv sein. Und wenn Sie eine Mannschaft stellen wollen, brauchen Sie auch Geländereiter. Bieten wir es bei uns vor Ort an, ist der Anreiz größer, es zu trainieren“, sagt Schwert.

Turnierleiter Stephan Schwert ist ausgebildeter Parcourschef, übt die Tätigkeit aber nicht mehr aus.

Turnierleiter Stephan Schwert ist ausgebildeter Parcourschef, übt die Tätigkeit aber nicht mehr aus. © Helga Felgenträger

Stephan Schwert ist selbst kein Parcourschef mehr

Auch diesmal werden wieder Ponyreiter am Start sein, die zu ihrer ersten Vielseitigkeitsprüfung am Start sind. „Das ist für uns der Grund, ein solches Turnier auszurichten“, erklärt Schwert. Bis zu 20 Prozent, schätzt Schwert, liegt daher der Anteil der Vielseitigkeitsreiter unter den aktiven Turniersportlern in seinem Verein - ein guter Wert.

Schwert war bis voriges Jahr selbst Parcourschef, die die FN ja so dringend sucht. „Zeitlich bin ich einfach nicht mehr hinterhergekommen“, erzählt er. Der dreifache Familienvater hat mit dem eigenen Reitbetrieb genug zu tun.

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