Über 50 Jahre hat Norbert Reisener Vereinsarbeit geleistet. Die letzten 20 Jahre im Kreisvorstand, aus dem er sich am Donnerstag zurückzog. Wir haben ihn am letzten Tag im Amt besucht.

Selm

, 19.03.2019, 16:52 Uhr / Lesedauer: 5 min

„Danke, dass Sie gekommen sind. Setzen Sie sich doch“, bittet Norbert Reisener freundlich. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, fragt der Mann mit rauer Stimme. Man möchte Norbert Reisener zurufen, ob er nicht lieber einen Schluck Wasser nehmen möchte.

Die angeschlagen klingende Stimmlage, die Reisener 20 Jahre nach einer Stimmband-Operation wegen einer Krebserkrankung zurückbehalten hat, ist so etwas wie ein Erkennungszeichen geworden. Reisener: „Ich musste das Sprechen damals neu lernen. Bei Reden habe ich immer erklärt, dass die Leute ohne Sorge sein sollen: Es mag sich angestrengt anhören, ist es aber überhaupt nicht. Da, wo Sie zwei Stimmbänder haben, habe ich nur noch eins.“

Der TuS Hiltrup bekommt den Vorzug vor dem DFB

Dann gießt er Wasser in die beiden Gläser am runden Besprechungstisch ein.

Weiter hinten in seinem Büro stapeln sich grüne Bierdeckel mit dem Logo des DFB. Doch Reisener hat die lilafarbenen Bierdeckel gewählt. Die mit dem Vereinsslogan „We are one“ („wir sind eins“) und dem Logo seines TuS Hiltrup, für den Reisener jahrzehntelang gelebt hat.

Sein Büro hat der 72-Jährige im Hiltruper „Kommunikationszentrum“, das nichts anderes als ein Anbau des Vereinsheims ist, mit Besprechungsraum samt Stadionblick, Internetzugang und einem Büro, das etwas abgelegen fast ein wenig wie ein Hinterzimmer daherkommt. Hier hat Reisener Vorstandssitzungen abgehalten, hier wurden manchmal Spielergespräche geführt. Hier unterschrieben Trainer oder bekamen ihre Papiere.

Täglich kurz nach 8 im Büro

Aber meistens war Reisener hier für sich, wenn er vormittags Mails schrieb oder telefonierte. Von diesem Büro aus hatte der Ehrenvorsitzende des TuS Hiltrup jeden Morgen auch seine Geschäfte als Kreisvorsitzender erledigt, weil dem Kreisvorstand eine Geschäftsstelle nach wie vor fehlt, aber eine Anlaufstelle nötig war. Knapp 17 Jahre kam Reisener unter der Woche täglich zwischen 8 Uhr und Viertel nach 8 und ging, wenn es zu Hause Mittagessen gab.

Holzdielen auf dem Boden. An den weißen Wänden hängen Erinnerungen an über 50 Jahre Funktionärsarbeit. Mannschaftsfotos, auf denen noch sein Vater zu sehen ist, der wie Reisener Jugendleiter war und ohne den er womöglich nie dort angekommen wäre, wo er heute ist.

Letzter Arbeitstag für Norbert Krevert: In den Büroräumen des TuS Hiltrup hat Reisener viele Jahre die Kreisgeschäfte erledigt.

Letzter Arbeitstag für Norbert Krevert: In den Büroräumen des TuS Hiltrup hat Reisener viele Jahre die Kreisgeschäfte erledigt. © Sebastian Reith

Auch ein Luftbild hängt an der Wand. Es zeigt die BASF-Werke in Hiltrup, mit dem der Münsteraner Stadtteil ungefähr so verbandelt ist wie die Stadt mit Pumpernickel und Pfefferpotthast. Ein Wimpel von Concordia Hamburg, wo Reisener acht Jahre in der Jugendabteilung gearbeitet hat, steht auf dem Schreibtisch, der wie die Kommode und der Einbauschrank aus der gleichen End-90er-Furnier-Optik besteht.

Der letzte Tag im Büro als Kreisvorsitzender

Offiziell ist Reisener heute zum letzten Mal als Amtsträger in diesem Büro, in dem er auch mit Vertretern von Selm über Werne, Nordkirchen und Ascheberg Kontakt hatte während der Gespräche zum Kreiswechsel. Es ist der 14. März. Am Abend soll Reisener, der uns mit weißem, ordentlich gekämmtem Seitenscheitel, blauer Strickjacke und Hemd gegenübersitzt, ganz offiziell den Stab des Kreisvorsitzenden an jüngere Nachfolger übergeben. „Sie müssen sich vorstellen: Wir Funktionäre werden immer älter, aber die Sportler bleiben gleich alt. Ich höre aus voller Überzeugung auf und dann auch ganz“, so Reisener.

Schon vor drei Jahren hatte er aus Altersgründen seinen Rückzug angekündigt. Wenige Stunden später kommt es, wie geplant: Reiseners bisheriger Stellvertreter Norbert Krevert wird im Zuge des größten Umbruchs der letzten 20 Jahre im Vorstand neuer Kreisboss und ernennt Reisener umgehend zum Ehrenvorsitzenden.

Mit 18 stirbt sein Vater - Norbert Reisener tritt in die Fußstapfen

Als Norbert Reisener 18 Jahre alt war, übernahm er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters die Aufgaben als Jugendleiter beim TuS. „Ich war damals A-Jugend-Spieler und wollte das weiterführen“, erzählt Reisener, während er am Tisch in seinem Noch-Büro sitzt. So fing alles an.

„Mit der Fußball-Herrlichkeit war es bei mir auch nicht so dolle, dass man dem nachtrauern müsste“
Norbert Reisener

Die eigenen Schuhe hängte er daraufhin an den Nagel. Die große Karriere als Spieler legte er nie hin. „Mit der Fußball-Herrlichkeit war es bei mir auch nicht so dolle, dass man dem nachtrauern müsste“, scherzt Reisener. Drei Jahre später wurde er Fußballobmann, später war er noch 24 Jahre Vorsitzender der Fußballabteilung, ehe Reisener 2010 im Verein kürzer trat.

Über Hamburg zurück nach Münster

Richtig weg war Reisener aus Hiltrup nie, auch nicht, als er beruflich nach Hamburg umzog. „Da habe ich den richtigen Fußball kennen gelernt“, sagt Reisener. Durch Ex-Spieler Franz „Lolli“ Klepacz, der auch bei der BASF arbeitete, knüpfte Reisener den Kontakt zum HSV. „Ich habe ihm meine Bewerbung mitgegeben“, erzählt Reisener. Zwei Tage später meldete sich der Bundesligist. „Ein Fehler war in der Bewerbung. Man sagte mir, ich dürfte die Bewerbung nicht an den HSV schicken, sondern an Concordia. Die hatte die beste und größte Jugendabteilung Hamburgs“, sagt Reisener. Er tat, wie ihm geheißen und wurde genommen. „Dort habe ich richtig Jugendfußball erlebt.“

Fußballfunktionär beim TuS Hiltrup, Mitarbeiter bei der BASF

Reisener trieb auch die enge Verzahnung von TuS und der BASF voran. Heute heißt das Stadion am Osttor „Glasurit-Arena“, eine Marke der Lack-Sparte der BASF mit Sitz in Hiltrup. Der Papagei von Glasurit ziert auch die meisten der historischen Trikots auf den Mannschaftsfotos, die damals immer ohne große Distanz mit Werkleiter am Bildrand aufgestellt wurden.

Noch heute ist der Hauptsponsor wichtiger Geldgeber und spielt für die Zukunft des TuS durch langfristige Verträge eine existenzielle Rolle. „Es hat sich nur eines geändert“, sagt Reisener, „der Werkleiter muss keine Bindung mehr haben zu Münster oder Westfalen. Da ist es gar nicht einfach, den Bezug zum Hitruper Verein herzustellen.“

Ehrenamt und Jugendarbeit sind für ihn ein hohes Gut

Ein Revolutionär war der verbandsloyale und linientreue Funktionär in seiner Amtszeit nicht. Als jemand, der den Sport neu erfinden müsste, verstand er sich aber auch keineswegs. Miteinander statt gegeneinander - Kritik an den Oberen schloss sich Reisener öffentlich nur selten an. Einen breiter werdenden Graben zwischen Profi- und Amateurfußball merke Reisener selbst auch nicht, „ganz im Gegenteil, der Profifußball investiert viel in den Amateurfußball.“ Nicht wenige sehen das anders. Laute Gegner hatte Norbert Reisener in all den Jahren aber dennoch nie, weil seine Arbeit doch solide und verlässlich war.

„Die Zahlen der Jugendmannschaften sind stark rückläufig, aber wir leben da mit unserem Kreis auf der Insel der Glückseligen.“
Norbert Reisener

Das Ehrenamt und die Jugendarbeit, aus der er ja stammt, besitzen nämlich einen riesengroßen Stellenwert für Norbert Reisener. Hier hat er sich engagiert. Die Jugend war sein Feld. „Die Zahlen der Jugendmannschaften sind stark rückläufig, aber wir leben da mit unserem Kreis auf der Insel der Glückseligen. Die Abgänge sind weitaus geringfügiger als in anderen Kreisen. Wir sind mit 845 Jugendmannschaften der größte Kreis im FLVW-Gebiet“, sagt Reisener stolz.

Norbert Reisener professionalisierte die Strukturen im Kreis

Reisener, der bei BASF Personaler war, hat es in seiner Amtszeit vor allem geschafft, die Strukturen im Kreis zu professionalisieren. „Wir können einen gut organisierten Spielbetrieb stellen mit vernünftigen und intelligenten Strukturen. Das ist attraktiv und bietet Anreize. Und wir können uns in den Kommunen dafür einsetzen, dass gute Anlagen entstehen“, sagt Reisener.

Er kannte sich aus mit Verwaltung und Organisationen, mit Hierarchien wie mit Personalführung. „Ich habe deshalb unter anderen Voraussetzungen angefangen als andere“, sagt Reisener heute. Dem „fleißigen Haufen“ Ehrenamtlicher im Kreisvorstand verpasste Reisener moderne Arbeitsweisen und ein Organigramm. Er führte Funktionsbeschreibungen und das Ressortprinzip ein und band Drittligist Preußen Münster enger an den Kreis. „Wir haben den Preußen klar gemacht, dass sie unser Aushängeschild sind und dass sie etwas für die Vereine tun müssen“, sagt Reisener. Staffelleiter wollte Reisener nie werden: „Das kam für mich nicht infrage.“

Reisener geht, der Maler kommt

Reisener wird in der Woche nach der Wahl das Büro ausräumen. Dann soll noch ein Maler kommen und die Wände neu streichen. Raushalten will sich er Funktionär in Zukunft jedoch aus allen Geschäften. Er hat sich ein Einmisch-Verbot auferlegt: „Schluss ist Schluss.“ Wenn er gefragt wird, hilft er. Ansonsten ist am Donnerstag eine Ära in Münster zu Ende gegangen.

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