So denken Handballer über das klebrige Hilfsmittel

Harz ja oder nein?

Im Handballsport wird teilweise mit unterschiedlichen Waffen gekämpft. Lüner Vereine spielen für den besseren Halt beim Werfen und Fangen mit Harz. Werner und Selmer Vereinen wird der Gebrauch von den Kommunen untersagt. Die Sauberkeit der städtischen Hallen leide unter dem Haftmittel, so die Städte. Aber ist der Einsatz von Harz wirklich so ein sportlicher Vorteil?

KREISGEBIET

, 25.02.2015, 15:02 Uhr / Lesedauer: 4 min
So denken Handballer über das klebrige Hilfsmittel

Was dem Geräteturner sein Magnesiumcarbonat, ist bei Handballspielern das Harz. Beides soll die Griffigkeit beim Sport erhöhen. Turner, Kletterer oder Gewichtheber überdecken durch den Einsatz von Magnesium den Schweiß in den Händen. Handballer schmieren sich die gelbliche Paste in die Hände, um Bälle besser zu fangen oder das Spielgerät bei spektakulären Sprungwürfen einhändig kontrollieren zu können.

Bis vor dreieinhalb Jahren war das Harzen im Westdeutschen Handballverband noch untersagt, aber seit der Spielzeit 2011/12 darf von Verbandsseite offiziell mit dem Mittel gespielt werden. Vorher war die Nutzung des Haftmittels nur für die Bundesligen und die dritte Liga gestattet. Wie kann es aber sein, dass bei Wernes Handballverein TV Werne nicht geharzt wird, aber beim direkten Kreisliga-Konkurrenten VfL Kamen schon? Auch in Selm und Olfen sind alle Hallen harzfrei. Die Entscheidung, ob in den Sporthallen geharzt werden darf, trifft die zuständige Kommune.

Reinigung schreckt ab

„Der Verband hat mit der Lockerung des Haftmittelverbots die Entscheidung an uns weitergegeben“, sagt Norbert Hölscher vom Sportamt Werne. In den letzten 15 Jahren, seit er im Sportamt angestellt ist, sei auch noch nie von diesem Verbot abgerückt worden. „Aufgrund der Verschmutzung haben wir an dieser Entscheidung festgehalten. Die Böden und Tore verkleben von dem Harz.“ In Selm und Olfen ist die Situation die gleiche. „Das war eigentlich nie explizit ein Thema bei uns, dass geharzt wurde“, sagt Marlies Gnegel vom Sportamt der Stadt Selm. Auch Markus Freck vom Gebäudemanagement der Stadt Olfen weist „auf den erhöhten Reinigungsaufwand“ hin. Denn was gut für den Sportler ist, ist schlecht für die Beschaffenheit der Sporthallen. Flecken entstehen auf den Böden, an den Resten der Haftmittel können Kinder beim Schulsport hängen bleiben und hinfallen. In Lünen existiert kein striktes Harzverbot mehr seit der Lockerung durch den Westdeutschen Handballbund. Dennoch gibt es Einschränkungen für die Handballer. „Naturharze sind untersagt, wir gestatten den Vereinen aber auf wasserlösliche Kunstharze zurückzugreifen, wenn sie das wünschen“, sagt Burkhard Körbl aus der Sportverwaltung der Stadt Lünen.

Vereine sind verantwortlich

Allerdings erwartet die Stadt auch Eigeninitiative von den Vereinen. „Die Vereine sind dafür verantwortlich, dass die Hallen sauber sind und regelmäßig vom Kunstharz befreit werden“, erklärt Körbl. Denn auch das wasserlösliche Harz richte Schäden an, wenn es nicht vorschriftsgemäß entfernt werde. Eingezogenes Harz verändere die Farbe des Bodens, ein Austausch sei dann notwendig. Kosten, die die Stadt nicht erbringen möchte. „Die Vereine sind mit der Regelung aber zufrieden“, sagt Körbl.

Wir sind froh, dass wir weiterhin das wasserlösliche Zeug nutzen können“, sagt Ingo Nagel, der Trainer der Bezirksliga-Handballherren des VfL Brambauer. Das moderne Handballspiel sei seiner Meinung auch ohne Harz gar nicht mehr zu bewerkstelligen. „Ohne Harz hast du einfach kaum Kontrolle über den Ball, die Wurftechniken haben sich über die Jahre so verändert. Das Spiel ist schneller geworden.“

Mehr Kontrolle

Auch die Lüner Handballerin Carina Püntmann, die auch schon für die Regionalliga-A-Jugend von Borussia Dortmund gespielt hat, stimmt mit Nagel überein. „Mit Harz kannst du den Ball einfach viel besser kontrollieren.“ Der Ball klebe förmlich in der Hand, und die Würfe gelängen viel besser, sagt Püntmann, die mittlerweile in der dritten Liga beim PSV Recklinghausen spielt.

Dennoch gibt es auch Verantwortliche, die sich gegen die Nutzung des Haftmittels aussprechen. Ist Ingo Nagel als Herrentrainer des VfL Brambauer ein klarer Befürworter, schätzt sein Trainer-Kollege Ulrich Richter die Situation ganz anders ein. „Alles wird dreckig, die Trikots bekommst du nicht mehr sauber“, sagt Richter, der die Damen des VfL Brambauer in der Verbandsliga trainiert. Wer Handball spielen könne, würde die Unterstützung auch nicht benötigen, so Richter weiter.

Seite 2: Harzen bedeutet mehr Aufwand

Fällt ein Lüner Verein die Entscheidung pro Harz, kommt ein zusätzlicher organisatorischer Aufwand auf ihn zu. VfL-Trainer Nagel lässt seine Jungs nach jedem Training und Spiel in der heimischen Sporthalle Brambauer zur Nachspielzeit der besonderen Art antreten: „Dann werden die Sprühflaschen gezückt, und der Boden wird erst einmal mit einem Bodenreiniger eingesprüht.“ Torraum, Neun-Meter-Raum und die Auswechselzone seien die Bereiche, an denen die meisten Harzrückstände zu finden seien. Danach werde mit Wischern und Lappen feucht nachgewischt. „Wenn alle mit anpacken ist das eine Sache von 15 Minuten“, sagt Nagel.

Besser haben es da die Spieler vom Lüner Sportverein. „Unser Hausmeister reinigt unsere Halle mit einer Reinigungsmaschine“, sagt LSV-Trainer Jürgen Weber. Die Heimstätte des LSV, die Rundsporthalle im Stadtpark, ist allerdings auch deutlich größer als die des VfL. Dies schlägt sich auch im zeitlichen Aufwand nieder. „Zweimal die Woche à drei Stunden ist unser Hausmeister damit beschäftigt“, sagt Ludger Siegeroth, der Kassierer des LSV.

Viel hilft nicht immer viel

Etwa 250 Euro lässt sich der Verein das monatlich kosten. Kosten, die sich für den Verein zu lohnen scheinen. Die Vorteile des Harzens liegen im wahrsten Sinne auf der Hand. Dennoch achtet Trainer Weber bei seinen Jungs darauf, dass nicht zu viel Harz genutzt wird. „Manchmal nehmen sie extra viel, sie fühlen sich dann sicherer. Aber wenn der Ball fünf Meter rollt und dann kleben bleibt, ist das auch nicht im Sinn der Sache.

Auch TVW-Trainer Bernd Hüttemann würde gerne auf das Hilfsmittel zurückgreifen dürfen. „Mit Harz spielen ist einfacher. Ich habe selber jahrelang gespielt und geharzt. Du hast mehr Bewegungsfreiheit mit dem Ball.“ Ob er mit seinem Verein in der 14 Mannschaften starken Kreisliga einen Nachteil habe, neben HSG Unna die einzige nicht harzende Mannschaft zu sein? „Ich glaube, die Vor- und Nachteile halten sich da die Waage“, sagt Hüttemann. Gästemannschaften haben den Nachteil, sich auf die Werner Gegebenheiten einzustellen, genau wie Hüttemanns Mannschaft bei deren Auswärtsreisen.

Genervte Gegner

Es soll nach Aussagen Hüttemanns schon Spieler von Auswärtsmannschaften gegeben haben, die nach 15 Minuten entnervt gewesen seien, weil sie ohne das Harz gar nicht zurechtgekommen seien. Borks Trainer Markus Cortner hat dazu eine etwas andere Meinung: „Wenn fast alle Mannschaften harzen, ist es für die Teams schwierig, die es nicht machen.“ Er sehe durchaus Vorteile bei den harzenden Mannschaften, da sie „schon etliche Tricks mehr machen“ können. Selber habe er aber nie auf das Haftmittel zurückgegriffen. Vielleicht liegt der größere Vorteil aber sogar beim TV Werne, mit beiden Bedingungen gut klarzukommen. „Wir haben das Glück, zweimal in der Woche mit harzfreien Bällen trainieren zu können“, so Hüttemann. Vielleicht müssen sich die Werner Handballer in Zukunft gar keine Gedanken zu diesem Thema mehr machen. „Wir können gerne miteinander reden“, sagt Norber Hölscher vom Werner Sportamt. Hüttemann würde es befürworten, wenn auch die TVW-Handballer bald harzen dürften. Auch er und seine Jungs würden dann gerne zum Wischmob greifen.

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