Der FLVW hat noch keine konkreten Planungen für die abgesagten Wettkämpfe bekanntgegeben. Warum der Verband zögert, Wettbewerbe zu genehmigen, erklärte FLVW-Vizepräsident Peter Westermann.

Kamen

, 17.06.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Der Hinweis in der Wettkampfdatenbank in Kalenderoptik des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen ist vorsorglich schon mal bis Ende August eingetragen: „Covid19 Aussetzung Wettkampfbetrieb“ steht hier als Vermerk geschrieben. Die westfälische Leichtathletik pausiert so lange wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Noch gibt es Hoffnung auf eine „Late Season“ im Spätsommer. Doch auch da kann Peter Westermann, Vizepräsident Leichtathletik des FLVW, nichts versprechen.

Die Leichtathletik im FLVW sieht sich in der Vorbereitung auf die Sommersaison mit gleich mehreren Problemen konfrontiert. Zum einen rennt dem Verband die Zeit davon, denn die Stadiondisziplinen der olympischen Kernsportart werden nur bis zum Herbst ausgetragen. Das Zeitfenster dürfte nur noch ein schmaler Korridor von Anfang September bis Mitte Oktober sein. Danach wird es zu kalt, das Interesse an der Bahnsaison nimmt merklich ab. Die Veranstalter der Herbstläufe sind da schon wieder vermehrt in Erscheinung getreten.

Der FLVW genehmigt aktuell keine Wettkämpfe

„Im Augenblick sind wir immer noch in der Phase, in der wir keine Wettkämpfe genehmigen. Ein Wettkampfgeschehen erscheint uns noch nicht wirklich sinnvoll“, sagte der Peter Westermann am Montag im Interview mit unserer Redaktion. Vor allem die vielen Auflagen erscheinen den Verbandsoffiziellen derzeit noch zu hoch, um Wettkämpfe verlässlich zu planen.

„Man stelle sich einen Wettkampf mit kompletten Hygienemaßnahmen für acht bis zehn Leute vor. Das ist natürlich ein extremer Aufwand“, sagte der 65-Jährige und atmete durch, „wir wissen noch gar nicht, was dabei herauskommt, finanziell wie auch leichtathletisch.“

Peter Westermann, Vizepräsident Leichtathletik, sieht die Sportart mit verschiedenen Problemen konfrontiert.

Peter Westermann, Vizepräsident Leichtathletik, sieht die Sportart mit verschiedenen Problemen konfrontiert. © FLVW

Peter Westermann kann nicht bestätigen, dass es 2020 noch eine Saison geben wird, aber dafür, dass der Verband eine späte Saison noch nicht abgehakt hat. „Wir wollen durchaus im September nochmal ausgewählte Westfälische Meisterschaften machen“, sagte der ehemalige Hürdenläufer. Das komplette Programm werde der Verband aber nicht abspulen können. „Wir haben eine unsichere Lage. Es müssen für eine Zeit, von der man noch nicht weiß, wie sie gesetzlich ausgestattet sein wird, Entscheidungen getroffen werden“, sagt der FLVW-Vizepräsident.

Eine Westfälische Jugendmeisterschaft und eine Mannschaftsmeisterschaft (DJMM/DSMM) stehen dem Vernehmen nach ganz oben auf der Agenda. Ob sich das realisieren lässt, hängt auch davon ab, welche Lockerungen das Land NRW zulässt - und wie viel Vorlauf die Veranstalter bekommen.

Der Nachbarverband in NRW hat einen anderen Weg eingeschlagen

Denn klar ist: Kurzfristig lässt sich eine Meisterschaft nicht stemmen. „Wenn 14 Tage vor einer Meisterschaft Lockerungen kommen, wird man darauf nicht mehr reagieren können. Das ist misslich, sehr schade und schlecht und hebt die Stimmung nicht, aber im Augenblick halte ich das für unvermeidbar“, sagte Westermann.

„Wenn 14 Tage vor einer Meisterschaft Lockerungen kommen, wird man darauf nicht mehr reagieren können. “
Peter Westermann

Klar ist dagegen, dass NRW-Meisterschaften, die der FLVW in den vergangenen Jahren zunehmend mit dem Landesverband Nordrhein organisiert hat, ausfallen. Das ist Problem Nummer zwei: Der Nachbarverband fährt überhaupt eine andere Linie als der FLVW und genehmigt bereits wieder Wettkämpfe. „Das tun wir nicht“, stellte Westermann noch einmal klar.

Die beiden Landesverbände in Nordrhein-Westfalen sind sich in dieser Frage uneinig und ziehen auch unterschiedliche Schlüsse aus der Corona-Schutzverordnung. Der LV Nordrhein stellt auf seiner Homepage Informationsmaterial zur Ausrichtung von Wettkämpfen zur Verfügung. Westfalen ist davon weit entfernt, obwohl das Land NRW bestätigt hat, dass nicht-kontaktfreier Sport bis 30 Personen hier möglich ist.

Und das könnte bald zu der kuriosen Situation führen, dass Sportler über die Grenze der Verbände fahren, die mitten durch das Ruhrgebiet, etwa zwischen Bochum und Essen, verläuft, um noch den einen oder anderen Wettkampf mitzunehmen.

„Die Schutzverordnung schiebt die Verantwortung bis ganz nach unten durch. Jeder, der seine Interpretation trifft und für sich verantworten kann, ist im Falle des Falles der Verantwortliche und nicht der Verordnungsmacher“, sagte Westermann, „ich möchte keinen Übungsleiter in eine Situation reindrücken, die er vielleicht nicht handeln kann.“

„Die Schutzverordnung schiebt die Verantwortung bis ganz nach unten durch. Jeder, der seine Interpretation trifft und für sich verantworten kann, ist im Falle des Falles der Verantwortliche.“
Peter Westermann

Problem Nummer drei: Auf nationaler Ebene hat der Deutsche Leichtathletik-Verband vor Wochen ein Konzept eingereicht, um in Braunschweig mit einer Sondergenehmigung Deutsche Meisterschaften für Deutschlands Spitzensportler auszurichten - das Papier wurde unter den damals geltenden Vorschriften erstellt.

Dabei verzichtete der Verband auf Mittelstrecken im Programm, was ihm durch Läuferinnen wie Europameisterin Gesa Krause einen mittelschweren Shitstorm einbrachte. In einem Post hatte sie sich kritisch geäußert. Und gleichzeitig wirkte es wie ein Tausch: Die Disziplinen oberhalb von 800 Metern dafür, dass andere Wettbewerbe überhaupt eine Meisterschaft bekommen.

Westermann, der auch zum DLV-Präsidium gehört, verteidigte das Vorgehen: „Auch eine Gesa Krause ist für mich vernunftgetrieben. Es ist aber schwierig, keine Frage! Es besteht durchaus die Möglichkeit, sich ähnlich wie die Bundesligakicker entsprechenden Tests zu unterziehen und sich vorab in Quarantäne zu begeben. Wenn die Felder, die laufen wollen, das machen, würde vermutlich auch das Land Niedersachsen (Anm. d. Red.: Bundesland des Austragungsorts Braunschweig) das genehmigen.“ Nur sind die meisten DLV-Spitzensportler keine Profis, die sich abgeschottete Trainingslager leisten können oder wollen, sondern haben einen Haupterwerb.

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DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska: „Letztlich ergeben sich durch die unterschiedlichen Disziplinen der Leichtathletik, die besonderen Anforderungsprofile und die Vielzahl an teilnehmenden Vereinen deutlich abweichende Rahmenbedingungen im Vergleich zum Fußball oder Basketball. Eine Quarantäne-Regelung, vergleichbar mit der Situation beim Meisterschafts-Finalturnier der Basketballer in München, ließ sich zum Beispiel nicht auf die Situation der DM in Braunschweig übertragen.“

Das Fernsehen ist für die Leichtathletik extrem wichtig

Wissen muss man dabei auch, dass die Live-Fernsehübertragungen wichtig für die gesamte Sportart ist. Lieber zeigt der DLV Sprinter, Springer und Werfer - als alle Disziplinen zu verlieren. Da befindet sich der Verband in einer Zwickmühle. Wichtige TV-Zeiten seien unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten überlebensnotwendig. Die Leichtathletik erreiche so eine große Fangemeinde und garantiere den Wirtschaftspartnern mediale Aufmerksamkeit, wurde Sport-Marketing-Manager Frank Lebert kürzlich in einer Pressemitteilung zitiert.

Viele Hürden und die Hoffnungen auf eine „Late Season“ in der Leichtathletik

© FLVW

Die Leichtathletik muss kreativ werden: Die Organisatoren des Meetings „Weltklasse Zürich“ gaben bekannt, acht Disziplinen und in sieben verschiedenen Stadien zeitgleich auszutragen. In Düsseldorf ging die „Flight Night“ über die Bühne, ein Stabhoch-Meeting als Stegspringen mit Zuschauern wie in einem Autokino. Und getrickst wurde auch: Offiziell ist die Veranstaltung unter einer Leistungsdiagnostik firmiert und vom DLV selbst angemeldet worden. Kleine Vereine können das nicht stemmen.

Der Terminkalender platzt wohl aus allen Nähten

Es läuft also alles auf die Bitz-Saison im September hinaus, auch in Westfalen. Vermutlich wird es ein eng gepackter Terminplan im Spätsommer, in dem nationale und internationale Meisterschaften mit den regionalen Westfalenmeisterschaften, lokalen Sportfesten und Meetings konkurrieren - womöglich sogar mit Volksläufen. Alles in nur sechs Wochen. Auch Wochentage werden einkalkuliert.

„Natürlich, es wird ganz voll werden. Wir dürfen bei den Sorgen und Nöten eines nicht vergessen: Die Kampfrichteranzahl ist endlich. Die sind dann fast alle zwei Tage unterwegs. Da muss man Rücksicht drauf nehmen“, so Westermann - Problem Nummer vier.

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Es bedeutet: Nicht jedes Sportfest wird womöglich stattfinden können, weil nicht ausreichend Personal für die Abnahme der Leistungen da ist. Dabei hatte der Verband sogar den Terminschutz frühzeitig gelockert. Der besagt normalerweise, dass Veranstaltungen eine Schutzzone von 50 Kilometern bekommen, um direkte Konkurrenz in der Nachbarschaft zu vermeiden.

Westermann: „Es geht nur gemeinsam. Die Vereine brauchen Veranstaltungen, um sich zu finanzieren und ihre Mitglieder zu motivieren, wenn sie zu Hause wieder Wettkämpfe machen dürfen. Wir müssen es mit Augenmaß machen und sicherstellen, dass sich jeder wiederfindet.“

Viele Laufveranstaltungen gehen schon jetzt auf 2021

Dass der September im Bereich der Volksläufe doch nicht so voll werden könnte wie befürchtet, darauf deutete Sonntag die Lauftagung hin. Denn viele Veranstalter wollen im vollen September nicht nachholen und beantragen schon jetzt nur noch für 2021 Genehmigungen. Das dürfte den Run auf den September etwas abmildern.

Zur Person

Das ist Peter Westermann

Peter Westermann (65) begann seine Funktionärslaufbahn 1991 als Vorsitzender der Leichtathletik-Abteilung des VfL Kamen. Danach wurde er Vorsitzender des Vereins, in dem er immer noch Trainer ist.
Im FLVW-Kreis Unna/Hamm war Peter Westermann Vorsitzender des Kreis-Leichtathletik-Ausschusses.
Im FLVW engagierte er sich zunächst als Lehrwart. Seit 2010 war der Bergkamener Vorsitzender des Westfälischen Verbands-Leichtathletik-Ausschusses (VLA). Auf dem Verbandstag 2016 beerbte er Hans-Gerhard Schulz als Vizepräsident Leichtathletik.

Fünftes Problem: Dass die Stars der westfälischen Meisterschaften bei einem so vollen Terminplan im eigenen Verbandsgebiet fernbleiben, ist wahrscheinlich. „Die Leute, die zeitgleich andere Startmöglichkeiten haben, sind gut versorgt. Ich habe als Verband nicht nur die Hochleistungsathleten zu versorgen, sondern auch das normale Klientel. Für die zweite Reihe brauche ich auch Wettbewerbe“, so Westermann.

Sechstes Problem ist die Bedingungen für die Athleten. „Das, was wir auf Länderebene erlebt haben, das Auseinanderfallen der Bundesländer in den Bestimmungen, haben wir in NRW bei den Kommunen und Gemeinden. Die handeln durchaus unterschiedlich“, sagte Westermann. Die Städte und Gemeinden haben die Sportstätten nämlich in unterschiedlichem Umfang und Tempo geöffnet.

„Da kommen natürlich Verwerfungen auf. Man hat da als Verband kaum eine Möglichkeit, einzugreifen, weil es kommunale Hoheit ist. Daher muss ich berücksichtigen, dass die Meisterschaften keine gleichen Voraussetzungen bieten, denn jeder hat unterschiedlich trainieren können“, sagte Westermann.

Westermann rechnet nicht mit einem Schade für den Sport

Dass die Corona-Krise den Leichtathletikvereinen bei all den Problemen zusetzt, glaubt Westermann nicht. „Eine Fluktuation vom kleinen zum großen Verein hin wird es nicht geben“, so Westermann. Aber vielleicht die Fluktuation von der Leichtathletik auf das Sofa? „Ja, es wird sicherlich eine erhellende Erkenntnis sein, wer dem süßen Leben lieber frönt, als sich nochmal zu quälen“, sagte Westermann, „da sagt der Vereinsvorsitzende, dass wir diese Leute aktivieren und motivieren müssen. Der Leistungssport-Trainer sagt dagegen: Wer so eine Einstellung hat, kann ich sowieso nicht gebrauchen.“

Er schätzt: Die Vereine werden eine Menge zu tun haben, einige Mitglieder wieder in den Sport zu bekommen. Einen nachhaltigen Schaden für seine Sportart, die im Verbandsgebiet von 2007 (146.000 Mitglieder) bis 2020 (119.000 Mitglieder) 18 Prozent der Sportler verloren hat, befürchtet Westermann aber nicht.

Der FLVW antwortet mit Bildung. Der Verband hat in der Corona-Krise Web-Seminare für Trainer ins Leben gerufen. Die Auffassung: Ob ein Athlet dabeibleibt, hängt vor allem davon ab, ob er einen guten Trainer hat. Und die Förderung von Aus- und Weiterbildung steht dafür an oberster Stelle.

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In einer wöchentlichen Kolumne schreibt Hammerwerfer Rik Amann (18) vom SuS Olfen, wie die Auswirkungen des Coronavirus sein Sportlerleben durcheinanderwirbeln. Von Rik Amann

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