Viele Tipps und Gespräche: Hinter den Kulissen bei Spielertransfers im Amateurfußball

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Jede Saison gibt es sie im Amateurfußball: die Spielerwechsel. Bis sich jedoch ein Fußballer für einen neuen Verein entscheidet, passiert viel. Wir blicken hinter die Kulissen.

18.07.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Hohe Ablösesummen, Vergleiche auf dem Transfermarkt und lange Verträge: Wenn es um Spielerwechsel im internationalen Fußball-Business geht, dann steht viel Geld im Raum und wohl genau so viel Spekulationen um die Topspieler der einzelnen Vereine.

Im Amateurfußball hingegen laufen solche Transfers mit deutlich weniger Trubel drumherum ab und vor allem sind sie persönlicher. Zwei Trainer und zwei sportliche Leiter aus dem Verbreitungsgebiet berichten, wie sie neue Fußballer an Land ziehen, wo sie sich umschauen und was für sie wichtig ist, wenn es um Spielerwechsel geht.

Netzwerk als wichtige Grundlage

Zwei Worte, die bei den Verantwortlichen immer wieder fallen sind das private Netzwerk und die persönlichen Gespräche. Was international oft durch Agenturen funktioniert, muss im Amateurbereich alles selbst gemacht werden. Viel Aufwand also.

Gute Kontakte und eine geraume Zeit im Fußballbusiness helfen da bereits ungemein. „Im Laufe der Jahre kennt man viel Leute, auch wenn man wie ich selbst gespielt hat. Und dann hört man sich eben um“, erklärt Michael Nachtigall, Trainer bei Westfalia Vinnum.

Auch in die Zeitungen guckt er gerne mal rein, wenn beispielsweise jemand aus den unteren Ligen viele Tore geschossen hat oder jemand besonders in der Berichterstattung herausgehoben wird.

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Auch bei Mario Plechaty geht alles über ein gut aufgebautes und über die Jahre gepflegtes Netzwerk. Alle wichtigen Nummern hat der Trainer des FC Nordkirchen im Handy abgespeichert. Er führt zwischendurch auch Listen mit potenziellen Spieler, die er nicht sofort gekriegt hat.

„Wenn jemand aus der Westfalenliga-Jugend beispielsweise erst einmal in der Senioren-Oberliga will und es dort vielleicht nicht so klappt wie erwartet, habe ich ihn weiter im Hinterkopf“, erklärt er.

Agenturen kommen nicht in Frage

Manchmal geben auch die eigenen Spieler Tipps, wo sich noch ein guter Neuzugang verstecken könnte. „So haben wir beispielsweise Nikki Neumann bekommen“, erinnert sich Norbert Hanning, Sportlicher Leiter der SG Selm. Er selbst würde nie über Agenturen jemanden bekommen wollen. „Da verlasse ich mich lieber auf mein eigenes Näschen.“

Zusätzlich schauen die Vereine auch in der Torjägerstatistik, ob dort jemand positiv auffällt oder auch mal in anderen Ligen. „Die dürfen dann aber nicht zu weit weg sein, sodass die Jungs 30 bis 40 Minuten zum Training bräuchten“, betont Nachtigall.

Deswegen sind es eher die Teams drum herum, bei denen man sich umschaut. Auch mal früh genug in die A-Jugend gucken, verrät Plechaty noch. Und dann den Kontakt über die Jugendleiter herstellen.

Mario Plechaty, Trainer beim FC Nordkirchen, versucht bei seiner Suche nach neuen Spielern für sein Team immer früh dran zu sein.

Mario Plechaty, Trainer beim FC Nordkirchen, versucht bei seiner Suche nach neuen Spielern für sein Team immer früh dran zu sein. © Sebastian Reith

Falls die Trainer und sportlichen Leiter jemanden im Auge haben, wollen sie sich die entsprechenden Personen auch live angucken und nicht nur auf Statistiken vertrauen. „Ich gehe dann zu den Spielen oder schicke auch mal jemanden anderen zur Sichtung hin“, erklärt Nachtigall. Der Vinnum-Trainer achtet darauf, wie sich der Spieler auf dem Platz verhält, wie er mit dem Team und dem Gegner interagiert, ob er die eigene Mannschaft pusht oder eher ruhiger ist. Sich beim Trainer der potenziellen Neuen umzuschauen, sei für ihn ein Tabu. „Das fällt sofort auf, denn sonst sind da ja auch keine Zuschauer.“

Persönliches Gespräch gibt Aufschluss

Nach dem Background-Check stehen die persönlichen Gespräche auf der Liste, in denen geklärt wird, was der Verein erwartet und bietet. Aber nicht nur die spielerischen Qualitäten, sondern auch der Charakter der Jungs soll im Vordergrund stehen.

„Wir wollen die Spieler ja auch kennenlernen. Es gibt viele gute Jungs da draußen, sie müssen sich aber auch mit dem Verein identifizieren und ins Team passen“, erklärt Plechaty. Ein schlechtes Gewissen, wenn er Spieler von anderen Vereinen abwirbt hat er nicht. „Das habe ich in den vergangenen Jahren verloren. Früher wurden mir auch die halbe Mannschaft und die besten Spieler abgeworben.“

Wichtig sei ihm, dass man erst nach Verlängerungen beim aktuellen Verein fragt und sonst die Finger von den Fußballern lässt.

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Eine Sache auf die Nachtigall in den Gesprächen achtet, ist die pure Ehrlichkeit von seiner Seite aus. „Ich will den Jungs nicht nur Honig ums Maul schmieren, sondern auch Verbesserungsvorschläge machen.“

Mit dieser Strategie sei er die vergangenen Jahre immer gut gefahren. Das nach solchen Gespräch nicht immer von jetzt auf gleich eine positive Rückmeldung kommt, ist den Verantwortlichen bewusst.

Geduld bei Transferentscheidungen

Norbert Hanning musste in der Vergangenheit schon einige Überzeugungsarbeiten leisten und sich in Geduld üben. „So ein Transfer kann auch mal dauern, Wochen wenn nicht sogar Monate.“ Er selbst ist das ganze Jahr aktiv und hält seine Augen und Ohren offen, ob es „interessante Jungs“ gibt.

Wann und wie viele Neuzugänge es dann ins Team schaffen, lässt sich pauschal nicht festlegen, erklären die Verantwortlichen.

Norbert Hanning (l.), sportlicher Leiter der SG Selm, stellte in diesem Jahr die beiden Neuzugänge Marc Westrup (r.) und Niklas Neumann vor.

Norbert Hanning (l.), sportlicher Leiter der SG Selm, stellte in diesem Jahr die beiden Neuzugänge Marc Westrup (r.) und Niklas Neumann vor. © Sebastian Reith

„Das kommt immer darauf an wie der Kader aussieht, wer verlängern will oder wer sich doch anderweitig umschaut und wo dann Bedarf ist“, so Nachtigall. In der vergangenen Saison habe er verstärkt Offensivspieler gesucht, bei Plechaty gab es grundsätzlich Bedarf, da die Mannschaft recht klein war. Manchmal kommen geballt direkt fünf bis sieben Neue dazu, in anderen Jahren sind es nur ein paar wenige. Wichtig ist den Trainern und sportlichen Leitern aber eine Sache ganz besonders: Jede Saison unzählige Spieler von andere Vereinen ins Team holen, muss nicht sein. „Zwei bis drei Neue sind in Ordnung, die bringen frischen Wind rein“, erklärt Plechaty.

Aus der Jugend die Spieler hochziehen

Die Fußballabteilung des SuS Olfen geht bei dem Transfer-Thema einen etwas anderen Weg. Der Verein hat in den vergangenen Jahren versucht voll und ganz auf die Jugendarbeit zu setzen, um so aus den unteren Altersklassen immer genug Nachschub zu haben.

„Sowas funktioniert aber nur, wenn man das über die Jahre hinweg gut pflegt“, erklärt Norbert Sander, Sportlicher Leiter des SuS. Spieler von anderen Vereinen anzufragen oder erst zu suchen, sei deswegen oft gar nicht notwendig, da aus der A-Jugend meist genug Leute hochkommen würden.

Doch durch Aufstiege in höhere Ligen ändert sich nun die Sichtweise des Klubs, erklärt Sander. Die B-Jugend ist in die Landesliga aufgestiegen, die Seniorenmannschaft steht aktuell in der Bezirksliga. „Um das auf Dauer zu halten, kann es sein, dass wir uns mit diesem Thema beschäftigen und doch mal bei dem ein oder anderen Verein schauen müssen.“

Ergänzungen im Herrenteam gab es bereits in diesem Jahr, auch wegen Abgängen aus der Mannschaft. „Dieses Jahr hatten wir recht glückliche Umstände.“ Ein Spieler sei mit Freunden im Kegelclub ins Gespräch gekommen, die unzufrieden im aktuellen Verein waren. Die Info ging dann an Sander mit der Frage weiter, ob man sich mit den Jungs nicht mal zusammensetzen will.

Verbesserungspotenzial bei Spielerwechseln

So eine Herangehensweise findet der Sportliche Leiter in Ordnung, doch er habe selbst schon ganz andere Situationen erlebt. „Da wurden die Spieler beim Auslaufen im eigenen Trikot angesprochen. Sowas lehne ich total ab.“ Eine weitere Sache, die Sander beschäftigt, wenn es um Transfers geht, ist das Thema Gehalt.

Denn Geld an Spieler von anderen Vereinen zahle der Verein nicht. „Außer vielleicht mal Fahrgeld, wenn man von Dortmund oder Gelsenkirchen zum Training kommen muss.“ Er verweist auch auf die Leitlinien des SuS Olfen, die besagen: „Wir zahlen kein Geld.“

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Auch wenn scheinbar im Amateurfußball bei Spielertransfers alles ganz gut läuft, gibt es noch Verbesserungspotenzial, findet Michael Nachtigall. „Ich würde mir ein wenig mehr Loyalität und Ehrlichkeit wünschen.“ Was er damit meint, ist, dass die Verantwortlichen etwas offener und transparenter mit ihrem Interesse an Spielern von anderen Mannschaften umgehen sollen.

„Wenn man sich untereinander kennt, ist es nur fair, wenn man mich informiert, falls einer von meinen Jungs abgeworben werden soll. Und nicht erst, wenn der Wechsel fast schon durch ist.“

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