Westfalenmeister! Der BV Selm feierte 1960 einen Erfolg, den nie wieder ein Verein aus dem Kreis Lüdinghausen wiederholte. Bis heute ist der Titel einmalig. 60 Jahre später erinnern sich drei Legenden von damals.

Selm

, 08.05.2020, 06:10 Uhr / Lesedauer: 6 min

Heute vor 60 Jahren feierte Selm seinen größten sportlichen Erfolg. Der BV Selm, der vor zehn Jahren mit Grün-Weiß Selm zur SG Selm fusioniert ist, holte die Fußball-Westfalenmeisterschaft. In einem Entscheidungsspiel in Dortmund am 8. Mai 1960 besiegte der BV Selm den SSV Hagen mit 2:1 - ein Fußball-Märchen von elf Arbeitern, das eine arme Gemeinde überregional bekannt machte.

„Wir waren alles Selmer Jungs“, erzählt der damalige Ausgleichstorschütze Gregor Strassel (82). In der Meistermannschaft von 1960 spielten sieben Bergmänner, zwei Industriearbeiter, ein Handwerker und ein Gärtner. Der BV Selm war damals der führende Verein im Kreis Lüdinghausen, gewann als erster und einziger Klub des Kreises die Westfalenmeisterschaft. Nie wieder erreichte ein Verein aus dem Kreis so großen Ruhm.

„Wir haben nie vor unter 1.000 Zuschauern gespielt. Die Bude war bei uns immer voll. Gegen Arminia Bielefeld waren auch schon mal 3.000 bis 4.000 Leute da“, sagt Friedbert Würz (80), einer der drei noch lebenden Helden von 1960.

Es war eine goldene Ära. 14 Jahre lang, von 1956 bis 1970, spielte der BV Selm in der Verbandsliga. 1960 war das die dritthöchste Spielklasse. Die Bundesliga wurde erst 1963 gegründet. Davor waren die Oberliga West, in der unter anderem der 1. FC Köln, Borussia Dortmund, Schalke 04, Aachen, Bochum und Essen spielten, die höchste Liga für Mannschaften aus Nordrhein-Westfalen. Darunter gab es die 2. Oberliga West (2. Division) und darunter zwei Verbandsligen. In einer der beiden spielte der BV Selm.

Fußball machte die Gemeinde Selm bekannt

„Viele haben sich gewundert, warum Selm so eine gute Fußballmannschaft hat. Wir sind eine Einheit gewesen, gute Kollegen, die auch privat viel zusammen gemacht haben“, sagt Halbstürmer Friedbert Würz. Gut 14.000 Einwohner hatte die Gemeinde, die erst 1975 durch die Eingemeindungen von Bork und Cappenberg das Stadtrecht erhielt.

„Die Gemeinde Selm ist durch den BV Selm erst bekannt geworden“, sagt Gregor Strassel, „die Gegner haben sich gefragt, was wir denn für ein Klüngelverein sind. Wenn sie dann die Bude vollbekommen haben, wussten die, wo wir herkommen!“ Das Rezept für den sportlichen Erfolg sollen Zusammenhalt und unbändiger Siegeswillen gewesen sein, wie die drei noch lebenden Mitglieder der Meisterelf sagen. Voraussetzung für die Erfolgsserie waren auch gute Juniorenjahrgänge. „Wir waren über Jahre Kreismeister in unserer Gruppe und 1953 standen wir im Finale um die Westfalenmeisterschaft gegen Eintracht Gelsenkirchen. Da war ich erst 14. Wir sind alle groß geworden im BV“, erzählt Strassel.

Nassgeschwitzt waren die Selmer nach dem Spiel.

Nassgeschwitzt waren die Selmer nach dem Spiel. © Repro Johanna Wiening

Es war ein warmer Frühlingstag, erinnert sich Gregor Strassel an den Sonntag vor 60 Jahren zurück. „Auf dem Foto nach dem Spiel sieht man, dass wir nassgeschwitzt sind“, sagte der Torschütze, der den Halbzeitrückstand 20 Minuten vor dem Abpfiff wettmachte. Das Stadion, in das einem Zeitungsbericht von 1960 zufolge 2000 Selmer mitgereist waren, gibt es noch heute. Der Dortmunder SC 95 ist mittlerweile im TSC Eintracht Dortmund aufgegangen, einem Großverein südlich der Dortmunder Innenstadt mit zahlreichen Abteilungen, der an der Flora zu Hause ist.

Das Sportzentrum an der Flora ist die Heimat des TSC Eintracht Dortmund. Hier wurde 1960 das Endspiel ausgetragen.

Das Sportzentrum an der Flora ist die Heimat des TSC Eintracht Dortmund. Hier wurde 1960 das Endspiel ausgetragen. © Helmut Kaczmarek

BV Selm gewinnt die Verbandsliga 1

Die Verbandsliga 1 hatten die Selmer mit einem Punkt Vorsprung vor dem SV Erle gewonnen. Doch es war eine Saison wie eine Achterbahnfahrt. Im Spätherbst des Jahres 1959 mussten die Selmer den plötzlichen Tod von Udo Kutschka verkraften. Der Außenspieler war womöglich das größte Talent, das der Selmer Fußball je hervorgebracht hat, soll schon einen Vorvertrag bei einem der Top-Klubs im Ruhrgebiet gehabt haben. Er starb bei einem Autounfall in Waltrop.

Ein halbes Jahr später ging der BV Selm gegen eine Platzsperre wegen Ausschreitungen vor und bekam Recht: Ein verlorenes Spiel in Datteln gegen Buer-Hassel wurde durch ein Spruchkammerurteil annulliert, wiederholt und gewonnen.

„Bessere Nerven und besserer Kampfgeist beim BV“ - so berichteten wir vor 60 Jahren.

„Bessere Nerven und besserer Kampfgeist beim BV“ - so berichteten wir vor 60 Jahren. © Repro Johanna Wiening

Ostern sprang die Mannschaft, nachdem sie schon abgeschrieben war, auf den Thron, am 24. April 1960 wurde Selm durch einen 4:1-Auswärtssieg bei Germania Datteln Gruppensieger. Gegen den Meister der Parallelstaffel, den SSV Hagen, gab es dann ein Hin- und Rückspiel um die Westfalenmeisterschaft. 4000 Zuschauer sollen das Hinspiel in Selm gesehen haben, in denen Strassel (2) und Manfred Zakrzewski einen 3:0-Sieg herausschossen.

Strassel selbst war damals um 4 Uhr morgens aufgestanden und zur Frühschicht auf der Zeche Minister Achenbach in Brambauer angefahren, hatte sich nach Feierabend am Nachmittag gestärkt, ein Nickerchen eingelegt und war dann zum Sportplatz gefahren, um Hagen mit 3:0 wegzuputzen. „Wir haben alle malocht. Dadurch hatten wir Kondition“, sagt Strassel. Auch durch solche Geschichten schrieben die Selmer Kumpels Geschichte.

Selms Trainer will Hagen verwirren

Da das Rückspiel mit 1:3 verloren ging - eine Auswärtstorregel gab es damals noch nicht - musste ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden her. Für die Partie am 8. Mai, in der es um alles oder nichts ging, hatte sich BV-Trainer Anton Niechzial eine taktische Raffinesse einfallen lassen. Er stellte im Sturm, der damals noch aus fünf Spielern bestand, um, berichtet einer der Spieler. „Wir wollten die Gegner verunsichern. Es hieß ja beim Gegner: ‚Pass bloß auf den Strassel auf. Und wenn er aufs Klo geht, rennst du mit!‘“, sagt Gregor Strassel und lacht. Und so ließ Niechzial die Halbstürmer rotieren, um Durcheinander zu stiften.

Doch nach einem Freistoßgegentor lag Selm zur Pause mit 0:1 zurück. Selms Torhüter Karl „Kolle“ Mocek (86) erinnert sich: „Mich haben sie damals den ‚schwarzen Panther‘ genannt. Aber der Freistoß war unhaltbar. Der Ball war um die Mauer gezirkelt. Da kam ich nicht mehr dran und dann war der Ball drin. Aber wir haben ja noch zwei Tore gemacht.“

Erst macht Hagen das Spiel, doch dann dreht Selm auf

„In der ersten Halbzeit war Hagen klar besser“, erinnert sich Strassel. In Halbzeit zwei rannten die Selmer dann an. „Wir haben fast nur auf ein Tor gespielt“, sagt er. Strassel schoss dann das 1:1 per Drehschuss (70.).

Manfred Zakrzewski drehte mit einem Kopfballtor (77.) dann das Spiel und erzielte den Siegtreffer für den BV. „Es kam eine lange Flanke in den Strafraum. Ich war mit dem Kopf eher am Ball als der Hagener Torwart und habe das 2:1 geköpft. Mitbekommen habe ich es aber nicht mehr richtig, denn der Torwart hat mich mit der Faust an der Schläfe erwischt“, erzählte der mittlerweile verstorbene Zakrzewski in einem Interview 1998, das in der Chronik „Wo Kumpelkinder gegen Bauernblagen pöhlen“ abgedruckt ist. „Deswegen war ich einige Zeit benommen. Wenig später ging´s aber schon mit Volldampf weiter. Wir mussten bis zum Schluss kämpfen“, sagte er.

Der Moment, als das 2:1 fiel: Manfred Zakrzewski köpfte den Ball ins Tor und wurde danach vom Hagener Torhüter am Kopf getroffen.

Der Moment, als das 2:1 fiel: Manfred Zakrzewski köpfte den Ball ins Tor und wurde danach vom Hagener Torhüter am Kopf getroffen. © Repro Johanna Wiening

„Wir hatten noch zwei, drei weitere Hundertprozentige“, erinnert sich Friedbert Würz an die Schlussphase der Partie zurück. Dann ertönte der Abpfiff. Der BV Selm war Westfalenmeister. Das Bier, das damals zwischen 30 und 50 Pfennig kostete, floss in Strömen. Es gab einen Platzsturm. Mittelläufer Günter Seeliger wurde auf den Schultern in Richtung Kabinentrakt getragen, wie aus dem Zeitungsbericht am Tag danach hervorging. Nicht nur er. „Alle waren begeistert. Die sind mit mir auf den Schultern um den Platz gelaufen“, sagt „Kolle“ Mocek.

Empfang in Selm war überwältigend

Trainer Anton Niechzial wird in unserer Zeitung vor 60 Jahren zitiert: „Ich sagte schon vor dem Spiel: 90 Minuten dauert der Kampf, und nach überlegener erster Halbzeit war die Hagener Taktik im zweiten Durchgang völlig falsch.“ Der damalige Fußballobmann des BV Selm, Walter Dülberg, erklärte: „Unser kaum zu überbietender Kampfgeist hat gesiegt.“

Nach einem gemeinsamen Essen der Mannschaften ging es zurück nach Selm. Hier warteten tausende Menschen auf ihre Meisterelf. An den Bussen hatten Fans den ursprünglich angebrachten Schriftzug „Der BV Selm spielt um die Westfalenmeisterschaft“ gewendet. „Der BV Selm gewinnt die Westfalenmeisterschaft“ prangte nun auf den Bannern. „Als wir nach Selm wiederkamen, war im Vereinslokal überhaupt kein Durchkommen. Jeder hat uns gedrückt“, sagt Torwart „Kolle“ Mocek.

„Wir sind dann empfangen worden und haben noch einige Bierchen getrunken. Am nächsten Tag haben wir alle die Arbeit verschlafen, haben von der Zeche aber bezahlten Sonderurlaub bekommen“, verrät Strassel. Der Westfalenmeistertitel bescherte jedem Selmer Fußballer übrigens eine Prämie von 50 D-Mark, nach heutiger Kaufkraft etwa 150 Euro. Für Siege in Ligaspielen gab es sonst 10 Mark, bei Niederlagen eine Gulaschsuppe. Die gab es immer.

Anhänger des BV Selms feierten ihre Mannschaft.

Anhänger des BV Selms feierten ihre Mannschaft. © Repro Johanna Wiening

Auf in die Aufstiegsrunde

Durch die Westfalenmeisterschaft qualifizierte sich der BV Selm zur Runde um die Westdeutsche Meisterschaft gegen Teams aus dem Rheinland. Gegen den späteren Westdeutschen Meister BV Osterfeld verlor Selm, gewann aber gegen den SV Baesweiler 09 und durfte als Zweiter der Aufstiegsrunde in die 2. Oberliga West aufsteigen, verzichtete aber.

Denn: „Der Verein hatte das Geld nicht, um die geforderte Zahl von Spielern zu Vertragsspieler zu machen. Man hätte außerdem 10.000 Mark beim Verband hinterlegen müssen. Wir waren immer der ärmste Verein in der Verbandsliga“, sagt Strassel. Er selbst versuchte den Sprung später zum Duisburger Spielverein. „Es hat aber nicht gereicht, also bin ich wieder zurück nach Hause.“

Der Gruppensieger mit Josef Entrup, Paul Jagusch, Manfred Zakrzewski, Friedbert Würz, Rudolf Volle (hinten v.l), Gregor Strassel, Bruno Klingenberg, Karl „Kolle“ Mocek, Günter Seeliger, Hermann Prott und Helmut Jagusch (vorne links)

Der Gruppensieger mit Josef Entrup, Paul Jagusch, Manfred Zakrzewski, Friedbert Würz, Rudolf Volle (hinten v.l), Gregor Strassel, Bruno Klingenberg, Karl „Kolle“ Mocek, Günter Seeliger, Hermann Prott und Helmut Jagusch (vorne links) © Repro Krampe

Der Nichtaufstieg 1960 war aber nicht Grund für den Niedergang, der erst zehn Jahre später folgte, Anfang der 1970er. Nach und nach verließen Spieler den Verein, hörten auf mit Fußball oder rückten nicht mehr nach. „Der eine ging nach Gütersloh, der andere nach Erkenschwick. Da wurde einfach schon viel mehr bezahlt“, sagt Friedbert Würz.

Der BV Selm rutscht in die Niederungen ab, der Erfolg aber währt ewig

„Nach dem Abstieg in die Bezirksliga war nicht mehr viel los“, sagt auch Strassel, der mit den Abstiegen 1970 und 1971 auch seine Karriere beendete. Die Helden von Dortmund kamen trotzdem zu Geburtstagen, Jubiläen oder Silberhochzeiten zusammen. Es waren lebenslange Freundschaften. Erst im Februar verstarb Abwehrspieler Paul Jagusch. Seitdem leben in Strassel, Würz und Mocek noch drei Spieler.

1998 spielte der Verein letztmalig überkreislich. Mit der Fusion verschwand 2010 der Vereinsname „BV Selm“ von der Bildfläche. Strassel und viele seiner Kollegen sind danach nicht mehr zum Sportplatz gegangen. Auch der Abriss des alten Stadions, wo der BV über viele Jahre so erfolgreich Fußball spielte, und der Überbau mit Mehrfamilienhäusern habe wehgetan. Strassel: „Da blutet einem das Herz, wenn man dort heute vorbeifährt.“ Doch den Sieg von 1960 kann Selm keiner mehr nehmen.

Gregor Strassel (v.l.), Karl Mocek und Friedbert Würz sind die einzigen noch lebenden Spieler aus der legendären Meisterelf.

Gregor Strassel (v.l.), Karl Mocek und Friedbert Würz sind die einzigen noch lebenden Spieler aus der legendären Meisterelf. © Picasa

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