Wenn das Top-Pferd wegbricht - vom harten Geschäft der langjährigen Pferdeausbildung

mlzVinnumer Reitertage

Wenn ein Pferd krank wird, zu alt ist oder verkauft werden muss, stehen viele Reiter ohne gutes Pferd da - es sei denn, sie haben vorgesorgt und bereits mit Nachwuchspferden gearbeitet.

Vinnum

, 01.08.2019, 11:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erfolge bei Großen Preisen - dafür bilden viele Reiter Pferde aus. Sonnen können sich Reiter in ihren Siegen aber nicht lange. Wer immer ein Top-Pferd zur Verfügung haben möchte, der muss eine vorausschauende Planung haben und viele Jahre Zeit und Geld investieren. Garantiert ist der sportliche Erfolg aber auch dann nicht.

Michael Potthink, Reitlehrer beim RV Lützow, hat über sechs Jahre Cicero geritten. Zusammen waren sie national erfolgreich, gewannen S-Springen und waren immer wieder platziert. Auch beim Großen Preis in Vinnum waren Potthink und Cicero ein etabliertes Stammduo. Das änderte sich eines Tages. Als Ciceros Besitzer vor zwei Jahren entschied, einem anderen Reiter sein von Chacco-Blue abstammenden Wallach anzuvertrauen, stand Potthink ohne Top-Pferd da. Und ohne Top-Pferd kein Top-Niveau.

Große Preise ohne Michael Potthink

Die Großen Preise und S-Springen fanden seitdem ohne den Reitlehrer statt, der an der Lützow-Reitanlage an der Ecke Borker Landweg/Lützowstraße in Vinnum hauptamtlich Jugendlichen das Reiten beibringt.

Der Ausbildungszyklus von Pferden sieht so aus: Ab vier Jahren werden Pferde auf Turnieren regelmäßig geritten. Je älter sie werden, desto höherklassige Prüfungen können sie absolvieren, von leichten (L) über mittlere (M) bis hin zu den schweren (S) Prüfungen.

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Erste schwere Prüfungen können Pferde mit sieben Jahren machen. Manche brauchen ein bis zwei Jahre länger und kommen dann ins leistungsfähig beste Alter. Geht ein Pferd auf die 20 Jahre zu, dann hat es den Zenit meistens überschritten. Auf bis zu zehn Saisons auf S-Niveau kann ein Reiter hoffen.

Reiter müssen dauerhaft für Nachwuchs sorgen

„Ich muss immer Pferde ausbilden, die hinterherkommen“, erklärt Potthink. Ein Beispiel: Neben einem 13-jährigen Pferd, dem vielleicht besten Ross im Stall, macht es Sinn, ein weiteres Pferd zu haben, das schon kleinere S-Springen gehen kann (8 bis 9 Jahre) und irgendwann das A-Pferd ablöst. Aber das Modell kostet Geld - und zwei Pferde reichen meist auch nicht.

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„Man muss jedes Jahr sofort wieder junge Pferde mitausbilden. Es heißt ja lange nicht, dass alle Pferde später auch über S gehen“, so Potthink. Im Laufe der Ausbildung wird selektiert. „Wenn von zehn Pferden eines später schwere Prüfungen reiten kann, ist das ein guter Schnitt“, sagt Potthink. Es ist ein bisschen wie in einem Fußballverein: Ohne den Fokus auf die eigene Jugend fehlt irgendwann adäquates Spielermaterial für die erste Mannschaft.

Reiter sind abhängig von Verkäufen und Besitzern

Dass Potthink derzeit kein Top-Pferd zur Verfügung hat, hatte verschiedene Gründe. „Es waren gute L- und M-Pferde dabei, die aber für S einfach nicht gut genug waren“, sagt Potthink, der auch abhängig von Besitzern war.

Wenn das Top-Pferd wegbricht - vom harten Geschäft der langjährigen Pferdeausbildung

Michael Potthink © Sebastian Reith

„Wenn von zehn Pferden eines später schwere Prüfungen reiten kann, ist das ein guter Schnitt“
Michael Potthink

Ein weiterer Grund sind nämlich Verkäufe. Potthink nimmt sich selbst davon nicht aus. Das erfolgreiche Dressurpferd Frauenheld ist erst im vergangenen Jahr nach Frankreich verkauft worden. Vom Verkauf guter Pferde leben viele Ausbilder auch.

Derzeit habe Pottink viele sehr junge Pferde in der Ausbildung. Am ältesten: Viva Feliz (6), von dem sich Pottink viel verspricht. „Ich hoffe, dass das ein Zukunftspferd wird.“ Nächstes Jahr soll die S-Durststrecke dann vorbei sein.

Manchmal kommen Angebote, die man nicht ablehnen kann

Auch Steffen Stegemann hat sein bestes Pferd, Chestnut, abgegeben. „Ich habe ihn Anfang des Jahres verkauft. Weil ich wusste, dass er weggeht, habe ich parallel für Nachwuchs gesorgt“, sagt Stegemann. Chestnut war bereits S-platziert. Das sorgte für einen Marktpreis, bei dem Stegemann irgendwann nicht mehr Nein sagen konnte.

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Jetzt dauert es wieder einige Jahre, bis er wieder ein ähnlich gutes Pferd ausgebildet hat. „Es ist normal, dass man irgendwann wieder von unten nach oben durchgehen muss“, sagt Stegemann. Zuvor hatte Stegemann auch Stute Darion sehr erfolgreich auf M-Niveau geritten. Das Pferd gehörte einem Geschäftspartner.

Stegemann sei gar nicht wichtig, immer auf hohem Niveau zu reiten. „Ich reite lieber Springpferdeprüfungen als gegen die Zeit. Die Entwicklung bei jungen Pferden ist schneller und effektiver“, sagt er. Der Amateurreiter hat ein achtjähriges und fünfjährige Pferde in der Ausbildung und will sie nach oben bringen - bis womöglich wieder ein Angebot kommt, das er nicht ablehnen kann.

Wenn das Top-Pferd wegbricht - vom harten Geschäft der langjährigen Pferdeausbildung

© Sebastian Reith

„Man muss darauf achten, dass man ein Pferd in der Hinterhand hat“
Kathrin Wacker

Kathrin Wacker hat sich frühzeitig um ein Nachwuchspferd bemüht

Die Südkirchenerin Kathrin Wacker hat in Viola ein elfjähriges Pferd auf S-Niveau im Stall, hat aber jetzt in La Vie (6) schon ein gutes Nachwuchspferd, mit dem sie in diesem Jahr auch wieder das Bundeschampionat reiten möchte. Beide hat Wacker selbst ausgebildet. „Entweder werden sie bei uns geboren oder wir kaufen sie sehr jung“, sagt Kathrin Wacker. Das Ziel: Irgendwann sollen sie S-Springen absolvieren können. „Der Weg nach oben macht manchmal mehr Spaß, als wenn man dort angekommen ist“, sagt Wacker.

Sie hat im Hinterkopf, dass Viola irgendwann in Rente gehen wird oder in der Zucht zum Einsatz kommt. „Man muss darauf achten, dass man ein Pferd in der Hinterhand hat“, sagt sie. Potenzial ist bei den Wackers da: Zwei Halbschwestern von La Vie im Alter von 3 und 4 Jahren stehen schon im Stall und warten nur darauf, ausgebildet zu werden. Dann geht der Kreislauf von vorne los.

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