Anderthalb Jahre stand Chris Thannheiser beim Werner SC an der Bande statt auf dem Platz. Passend zu seiner Rückkehr haben wir ein ausführliches Gespräch mit dem WSC-Spieler geführt.

Werne

, 11.07.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Spieler, die am Dienstagabend das Training beim Fußball-Landesligisten Werner SC aufnahmen, trugen beinahe einheitlich blaue Trainingsshirts. Eigentlich sollte auch Chris Thannheiser ein solches Trainingsshirt tragen. Doch der WSC-Stürmer hatte die weiße Trainingsjacke des Sport Clubs übergezogen, die Fußballschuhe fehlten ebenfalls - noch. Denn nach langer Leidenszeit greift „Thanne“ wieder an. Im Interview spricht er über seine Ausfallzeit, die Bedeutung einer Mannschaft, sein Alleinstellungsmerkmal auf Mallorca und über legendäre Torjubel. Auch Werners Fußballchef Thomas Overmann mischt mit.

Herr Thannheiser, Sie standen lange Zeit nicht auf dem Platz. Bitte erklären Sie doch, weshalb und wie lange sie pausieren mussten.

Thannheiser: Also insgesamt sind es jetzt anderthalb Jahre, in denen ich gar kein Fußballspiel gemacht habe. Das letzte war tatsächlich vorletzte Saison vor der Winterpause. Da weiß ich noch ganz genau, wir standen unten drin. Da hat jeder Punkt gezählt, egal was war. Ich hatte Probleme mit den Adduktoren. Das kam schleichend, wurde immer schlimmer. Ich habe aber aufgrund der fehlenden Punkte immer weiter Gas gegeben. Auch der Trainer hat gesagt: Vollgas geben, bis es nicht mehr geht. Ich habe dann bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr weiterging, weitergezockt. Und dann ging es irgendwann gar nicht mehr.

Und jetzt steigen Sie wieder ein?

Thannheiser: Genau, das ist der Plan. Normalerweise wäre ich beim Auftakt auch dabei gewesen, aber ich habe mich kurzfristig dazu entschlossen, dass ich mir am Ende des Monats die Augen lasern lassen. Das heißt jetzt: Zwei Wochen Brille tragen und kein Fußball. Ende des Monats steige ich dann wieder ein.

Wie groß ist die Vorfreude, endlich wieder in der Kabine die Fußballschuhe anzuziehen?

Thannheiser: Das kannst du nicht beschreiben. Wenn du einmal Fußballer bist, bist du immer Fußballer. Dann kann dir auch nichts anderes das geben, was du da kriegst. Die Vorfreude ist immens groß, das kann ich gar nicht in Worte fassen.

Chris Thannheiser im Interview: „Dann hätte ich das Kapitel abgeschlossen“

Letztmals nahm Chris Thannheiser (M.) vor rund anderthalb Jahren in einem Ligaspiel Maß. © Marcel Witte

Was haben Sie in Ihrer Leidenszeit am meisten vermisst?

Thannheiser: Dieses Gefühl, nach einem Sieg zufrieden in der Kabine zu sitzen. Sich mit den Jungs in Ruhe anzugucken und zu sagen: Wir haben alle geil gefightet, geil gezockt. Und natürlich ein schönes Bierchen dabei trinken.

Haben Sie sich für die Rückkehr Ziele gesetzt?

Thannheiser: Mein persönliches Ziel ist auf jeden Fall, dass ich wieder fit werde. Dieses Gefühl zu haben, hundert Prozent fit zu sein - das ist mein persönliches Ziel. Das Mannschaftsziel ist, als Kapitän weiter verbal voranzugehen. Ich glaube, da haben wir ein paar Defizite, wo wir Gas geben können und wo ich das reinbrignen kann, das weiß ich definitiv.

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Sie waren ja auch die ganze Zeit bei der Mannschaft...

Thannheiser: Ich war regelmäßig hier, egal was wir für Veranstaltungen hatten. Ich war, glaube ich auf ganz Mallorca der einzige Spieler, der mit war und eine ganze Saison nicht gespielt hatte...

WSC-Fußballchef Thomas Overmann, der mit am Tisch sitzt, schaltet sich ein.

Overmann: ...und der eine pinke Badehose anhatte.

Thannheiser: Teilweise sind das hier richtig gute Kollegen geworden. Deswegen bin ich immer dabei gewesen. Geht ja auch gar nicht anders.

Overmann: Das ist das, was „Thanne“ (Spitzname von Thannheiser, Anm. d. Red.), gerade auch sagte: seit Jahren dabei. Deshalb haben wir bewusst nicht mehr Spieler geholt (drei Neuzugänge begrüßte der WSC beim Trainingsauftakt, Anm. d. Red.). Wir hätten deutlich mehr Spieler holen können, sind aber mittlerweile in der Position zu sagen: Nee, wir nehmen auch nicht jeden. Vor allem kennen sich die Jungs, das ist ja wie eine größere Familie bei uns. Selbst die paar Auswärtigen, die wir haben - du kannst nicht nur mit Einheimischen spielen, dann verlierst du an Qualität - sind immer dabei. Mit Thanne haben wir natürlich das richtige Sprachrohr, den richtigen Führungsspieler wieder zurück. Der hat von der E-Jugend an hier gespielt.

Thannheiser: Ich kenne nichts anderes.

Chris Thannheiser im Interview: „Dann hätte ich das Kapitel abgeschlossen“

WSC-Fußballchef Thomas Overmann freut sich besonders über die Rückkehr Thannheisers. © Timo Janisch

Overmann: Ich habe jetzt vier Jahrzehnte hier den Vorsitz, die Jungs haben im Grunde hier zusammen im Sandkasten gespielt, sind zusammen aufgestiegen. Das ist nicht mehr selbstverständlich heutzutage.

Thannheiser: Wenn mich irgendeiner fragt: Was ist hier der große Vorteil bei uns? Nie habe ich gesagt: Wir haben den und den geilen Zocker bei uns, den und den super geilen Trainer. Wir haben das, was hier im Umkreis eigentlich keiner hat. Du hast hier eine Menge an Spielern, die aus der nächsten Umgebung kommt und gleichzeitig Kollegen sind.

Overmann: Das fängt ja bei „Kutte“ (Kurtulus Öztürk, ehemaliger Trainer und jetzt externer Berater des WSC, Anm. d. Red.). Der hat hier selbst in der E-Jugend gespielt, Lars (Müller, aktueller WSC-Trainer, Anm. d. Red.) hat hier gespielt.

Wären Sie vielleicht gar nicht auf den Platz zurückgekehrt, wenn Sie dieses familiäre Umfeld nicht gehabt hätten, Herr Thannheiser?

Thannheiser: Ich habe darüber nachgedacht. Ich habe es der Truppe zu verdanken, dass ich überhaupt wieder den Mut fasse, noch mal Gas zu geben. Ich glaube, dass wäre bei einer anderen Truppe nicht der Fall gewesen. Dann hätte ich das Kapitel abgeschlossen. Jetzt versuche ich es einfach, weil ich den Jungs weiterhelfen und etwas zurückgeben will. Wenn du verletzt bist und eigentlich keine Rolle spielst, geben die dir trotzdem so viel. Das muss ich irgendwie zurückgeben.

Overmann: Auch deine Erfahrung. Du bist ein Sprachrohr auf dem Platz, eine super Verbindung. Das passt wie der Arsch auf den Eimer.

Das wirkt alles sehr kämpferisch, sehr leidenschaftlich. Was sind abseits davon Ihre großen Stärken?

Thannheiser: Ich würde mal sagen ein Stück weit die Abgezocktheit, Verantwortung übernehmen und ein bisschen Technik bringe ich auch mit. Ich werde ja als Stürmer eingesetzt und es gab eigentlich keine Saison, in der ich unter zehn Tore gemacht habe. Das ist schon ein ganz cooler Wert, finde ich. Vor der Verletzung bin ich eigentlich auch immer der Elfmeterschütze gewesen, egal in welchen Spielen. So ein Allrounder, würde ich sagen.

Diese Saison schießen Sie dann auch wieder zehn Tore?

Thannheiser: Ich weiß nicht, was in mir passiert, wenn es nur ein Tor ist. Ob ich dann zusammenbreche oder ganz cool bleibe, kann ich nicht sagen. Wenn alles läuft, sind als Stürmer immer Minimum zehn Tore mein Ziel gewesen.

Overmann: Und er kann am besten jubeln. Die Jubelszenen sind einstudiert.

Gibt es da etwa sagenumwobene Beispiele?

Thannheiser: Einmal - ich weiß gar nicht, was für ein Spiel das war. Ich erinnere mich an rote Trikots. Etwa 300 Zuschauer, also schon recht gut. Die linke Seite (gemeint ist die Spielfeldseite, wo die Zuschauerbanden stehen, Anm. d. Red.) war alles voll. Ich glaube, ich mache das 2:1 und das 3:1 für uns. Da habe ich die ganze linke Seite abgeklatscht. Und es war halt ein geiles Tor, selbst die gegnerischen Fans haben abgeklatscht. Das ist ein Jubel, den werde ich nie vergessen.

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