So langsam normalisiert sich die Lage im Reitsport ein wenig, die ersten Turniere dürfen bereits wieder stattfinden. Im Interview blickt Geschäftsführerin Brigitte Hein auf die vergangenen Monate zurück.

24.06.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Man spürt langsam, dass im Pferdesport die ersten vorsichtigen Schritte in Richtung Alltag getan werden. Die Pferde dürfen ja ohnehin versorgt werden, aber nun sind auch Reitunterricht und die ersten Turniere wieder erlaubt - alles natürlich unter Vorlagen. Geschäftsführerin Brigitte Hein sprach im Interview über die schwierigen vergangenen Monate und was sich wohl auch in der Zukunft nach Corona verändern wird.

Brigitte Hein ist Geschäftsführerin des Pferdesportverbandes Westfalen.

Brigitte Hein ist Geschäftsführerin des Pferdesportverbandes Westfalen. © Pferdesportverband Westfalen

Wie haben Sie für sich persönlich die Veränderungen wahrgenommen?

Eine gute Frage. Darüber nachzudenken, haben wir uns bisher wenig Zeit genommen. Spontan: Ganz klar als Krise, die neue Anforderungen an uns gestellt hat. Gefragt war ein empathisch-kühler Kopf, Geschwindigkeit und Lösungsvorschläge. Die erste Phase des Lockdowns war sehr einschneidend. Besonders bewegt haben uns die existenziellen Ängste vieler kleiner Reitschulen und solo-selbstständige Reitlehrer oder Dienstleister. Das lastete zum Teil wirklich schwer auf der Schulter. Wir sind sehr froh, dass die erste, akute Krise bewältigt ist, und hoffen sehr, dass ein Lockdown nicht erneut nötig wird.

Wie viel intensiver waren die vergangenen Wochen für den Verbandsvorstand? Haben Sie sich öfter getroffen als sonst?

Wir haben die letzten Wochen außerordentlich intensiv erlebt, wobei die Jahreszeit das im Pferdesport auch in „normalen“ Jahren mit sich bringt. Besonders in der Anfangsphase des Lockdowns gab es große Unsicherheiten. Es galt, die Schließung der Sportstätten mit der Versorgung und Bewegung der Pferde zu vereinbaren. Da schlugen die Emotionen schon mal hohe Wellen.

Die Vorstandsarbeit stand in dieser Zeit ganz im Zeichen der Krisenbewältigung. Unsere wichtigste Aufgabe war es, unsere Vereine und Mitglieder bestmöglich zu unterstützen. Gleichzeitig musste auch die Geschäftsstelle insgesamt auf „Corona-Modus“ umgestellt werden. Dazu gehörte auch die Umstellung auf Homeoffice und die Einführung von Kurzarbeit, soweit es möglich war.

Gab es im Vorstand Videokonferenzen oder andere Corona-Maßnahmen?

Oh ja. Es gibt eine ganze Reihe Maßnahmen. Die Kommunikation im Vorstand haben wir nahezu vollständig auf Telefon- und Webkonferenzen umgestellt und wir nehmen die persönlichen Begegnungen bisher auch nur sehr langsam wieder auf.

Präsidium und Vorstand tauschen sich inzwischen sehr regelmäßig in Webkonferenzen aus. Außergewöhnlich sind die Telefonkonferenzen mit Westfalens Kreisreiterverbänden, an denen mehr als 30 Personen teilnehmen. Da waren wir erst skeptisch, ob das überhaupt funktionieren kann mit so einer Teilnehmerzahl. Die Sorge war aber unbegründet. Zwar erlaubt das Format keine ausgiebigen Diskussionen. Möglich ist aber ein sehr wertvoller Austausch, der auch die regionalen Unterschiede innerhalb von Westfalen-Lippe deutlich macht.


Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Verband und Vereinen?

Für die zeitnahe und flexible Kommunikation mit unseren Vereinen haben wir einen eigenen Bereich auf unserer Internetseite reserviert und zusätzlich einen Newsletter eingerichtet. In der Anfangsphase haben wir diesen mehrmals in der Woche, manchmal sogar mehrmals täglich, ausgesendet. Es war und ist uns wichtig, den Vereinen und Betrieben zuverlässige und aktuelle Informationen zur Verfügung zu stellen. Unsere Kreisreiterverbände und viele Vereine haben uns dafür ein positives Feedback gegeben.

Haben sich viele Vereine an den Verband gewendet?

Ja. Zwar gibt es auch außerhalb von Krisenzeiten viele Kontakte mit unseren Vereinen und Mitgliedsbetrieben, in den letzten Wochen hat sich die Frequenz aber um ein Vielfaches erhöht. Dabei ging und geht es fast immer um ganz konkrete Probleme und Fragen. Seit der Wiedereröffnung der Sportstätten ist es etwas ruhiger geworden und wir merken, dass sich eine gewisse Routine im Umgang mit den Infektionsschutzmaßnahmen entwickelt hat.

Von außen konnte man das Gefühl bekommen, der Pferdesport wäre geringer betroffen von den Corona-Maßnahmen als andere Sportarten. Haben Sie das selbst auch so wahrgenommen?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Lockdown hatte massivste Konsequenzen auf den Pferdesport. Beispielsweise mussten Vereine und Betriebe die zeitaufwändige Versorgung und Bewegung ihrer Schulpferde sicherstellen, was nur mit großem ehrenamtlichen Engagement zu bewältigten war. Reitschüler durften ja nicht mehr kommen. Das bedeutet gleichzeitig den Totalverlust der Einnahmen bei vollständigem Weiterlaufen der Kosten. Ohne die NRW-Soforthilfe und die Bereitschaft vieler Familien, auf die Erstattung von Kosten zu verzichten, wäre das Problem in vielen Fällen schnell unlösbar geworden.

Auch die Versorgung und Bewegung der Privatpferde musste organisiert werden. Dazu gab es eigens einen Leitfaden des NRW-Landwirtschaftsministeriums. Er enthielt klare Infektionsschutzauflagen und strenge Anwesenheitsbegrenzungen. Es war sehr gut, dass wir diesen Leitfaden hatten und damit Rechtssicherheit. Aber mit dem normalen Alltag hatte das sicher nichts zu tun. Allerdings können wir nachvollziehen, dass nach außen hin so ein Anschein entstehen konnte, wenn Passanten an einer Reitsportanlage vorbeikamen.

Gibt es einen Plan, wie man wieder Stück für Stück zur Normalität zurückkehren kann?

Den Takt gibt das Land NRW mit seinem Stufenplan vor. Im Rahmen dessen, was die Coronaschutzverordnung zulässt, haben Vereine und Betriebe in der Regel ihre Angebote wieder aufgenommen. Nach der Öffnung der Sportstätten ging das im Pferdesport recht schnell, da die Hygienemaßnahmen durch den Leitfaden längst zur Alltagsroutine gehörten. Insofern ist der Pferdesport vielerorts bereits so nah an der Normalität, wie es die Umstände erlauben.


Es wurden jetzt eine Menge Turniere abgesagt. Hat das im Verband für noch mehr Stress gesorgt oder war das Verständnis bei den Vereinen groß genug?

Da möchten wir zuerst auf die zweite Frage antworten. Natürlich ist die Absage vielen Vereinen sehr schwer gefallen, schließlich sind die Turniere ein zentrales Ereignis im Vereinsjahr und eine echte Herzensangelegenheit. Außerdem spielt ein Turnier auch eine wichtige Rolle in der Haushaltsplanung eines Vereins. Wir haben aber eigentlich nie erlebt, dass die Notwendigkeit zur Absage in Zweifel gezogen wurde. Im Gegenteil: Die Botschaft „Gesundheit geht vor“ wurde stets betont und unterstrichen.

In der ersten Phase war es natürlich auch für den Verband sehr frustrierend, täglich Turniere von der Liste zu streichen. Jetzt, in der zweiten Phase, in der sportliche Wettbewerbe unter klaren Auflagen wieder stattfinden dürfen, arbeiten Vereine und Verband sehr eng zusammen, um den Turniersport mit seinem derzeitig veränderten Gesicht zu ermöglichen. Als Verband haben wir dazu besonders unsere Beratung intensiviert und unterstützen mit Muster-Hygieneleitfäden und Ähnlichem.

Es ist beeindruckend, wie motiviert und engagiert die westfälischen Pferdesportvereine sich den Herausforderungen stellen und sich dafür stark machen, den Pferdesport in der Coronazeit zu ermöglichen.

„Die Botschaft `Gesundheit geht vor` wurde stets betont und unterstrichen.“

Aus Ihrer Sicht: Wird es etwas geben, was sich im Pferdesport auch nach Corona verändert hat?

Ganz bestimmt sogar. Beispielsweise greift der digitale Schub auch in der Sportverbandsarbeit. Virtuelle Kommunikation wird die persönlichen Zusammenkünfte deutlich mehr unterstützen und damit die Ressourcen von Engagierten schonen. Vermutlich wird die Krise aber viel mehr Spuren hinterlassen, im besten Fall weitere Entwicklungen positiv befeuern. Im schlimmeren Fall werden wirtschaftliche Folgen ungute Konsequenzen haben. Das ist heute noch nicht abzusehen. Was wir sehr hoffen, ist, dass die Mitglieder ihren Vereinen die Treue halten.


Glauben Sie, dass im kommenden Jahr wieder Normalität einkehrt?

Wir wünschen uns natürlich sehr, dass der Pferdesport wieder unbelastet von der Corona-Herausforderung stattfinden darf, dass die klassischen Vereinsturniere wieder Fuß fassen, dass Meisterschaften wieder gefeiert werden können und dass die Pferdesportler und Pferdefreunde sich wieder unbeschwert begegnen dürfen. Aber man benötigt keine besonders scharfsinnige Kristallkugel, um zu sehen, dass die Normalität vielleicht insgesamt eine mit einem neuen Gesicht sein wird.

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