Geheimwaffe aus Gummi macht den Unterschied

Tischtennis

Fluchen, Schimpfen, Feixen: Wer beim Tischtennis sein Glück mit Noppen auf dem Schläger versucht, erntet oft missgünstige Reaktionen von seinem Gegner. Doch Erfolg hat nur, wer seinen Belag auch beherrscht. Unser Tischtennis-Spezial zeigt, wie Spezialbeläge das Tischtennisspiel prägen.

von Paul Klur

Werne

, 10.02.2016, 12:04 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sascha Küwen greift mit seinem kurzen Noppenbelag nah an der Platte an.

Sascha Küwen greift mit seinem kurzen Noppenbelag nah an der Platte an.

Einer, der seinen Belag gut beherrscht, ist Sascha Küwen. Der 43-jährige Landesliga-Spieler ist derzeit noch für den TTC SG Selm aktiv, wechselt aber in der Sommerpause zum TTC Werne. Schon jetzt trainiert er häufig in Werne mit. Sein Spiel ist auch in der Landesliga für einige Gegner sehr unangenehm. Und das liegt unter anderem daran, dass er auf einer Seite seines Schlägers mit einem Noppenbelag agiert.

Bei diesem Training spielt Küwen gegen Jörg Wellmann aus dem Werner Landesliga-Team. Auch der 47-jährige Wellmann spielt auf einer Seite des Schlägers mit Noppen. Doch sein Material ist völlig anders als das von Sascha Küwen. Tischtennisspieler haben beim Schlägerkauf eine große Auswahl. Das beginnt beim Holz. Vom schnellen Angriffsholz bis zur kontrollierten Defensivunterlage gibt es Hölzer in allen Abstufungen zu erwerben.

Viele Kombinationsmöglichkeiten

Diese Unterlage lässt sich wiederum mit beliebigen Belägen kombinieren, die auf die individuelle Spielweise zugeschnitten sind. Manche Spieler verwenden auf beiden Schlägerseiten den gleichen Belag, andere zwei völlig verschiedene Oberflächen. Grundvoraussetzung ist nur: Ein Belag muss rot, der andere schwarz sein. „Ich spiele auf der Rückhand einen Noppenbelag, das ist bei mir die rote Seite“, sagt Küwen.

Noppen sind wohl der prominenteste Spezialbelag. Auf diesem von vielen gefürchteten Spielmaterial befinden sich Hunderte kleiner Gumminoppen, die bis zu 1,8 Millimeter lang sind. Sind die Erhebungen kürzer, bis etwa 0,9 Millimeter, spricht man von kurzen Noppen. Mit einem solchen Belag spielt auch Sascha Küwen. „Mit kurzen Noppen habe ich den Vorteil, dass ich sehr gut angreifen kann, fast wie mit einem normalen Belag“, so Küwen.

Kein Topspin, aber Wendungen

Doch wenn er seine Noppen ähnlich verwendet wie einen griffigen Belag ohne Besonderheiten, was macht dann den Unterschied? „Ich kann keinen echten Topspin spielen, mit den Noppen bekomme ich nämlich keinen vernünftigen Schnitt in den Ball“, sagt Küwen. „Aber ein großer Vorteil ist, dass der Ball oft unkontrollierte Wendungen nimmt, und dabei immer sehr flach bleibt.

Das ist für den Gegner schwer zu retournieren.“ Neben den genoppten Belägen gibt es noch eine weitere besondere Variante, den Anti. Sascha Küwen hat früher auch mit einem solchen Belag gespielt. Die Wirkung eines Antis ist schnell erklärt. Es handelt sich um einen Belag ohne Grip, der dem Ball fast vollkommen den Schnitt nimmt. Gegnern mit schnittreichen Schlägen können Anti-Spieler so schnell den Wind aus den Segeln nehmen.

Lange Noppen für die Verteidigung

Lange Noppen hingegen haben noch einen weitaus extremeren Störeffekt. Greift ein Gegner mit einem schnellen Oberschnitt-Ball an, einem Topspin, ist der lange Noppenbelag eine gute Verteidigungswaffe. Denn er ändert die Drehrichtung des Balls und macht es dem Gegner dadurch viel schwerer, sein Angriffsspiel konsequent durchzuhalten. Jörg Wellmann vertraut auf einen solchen Belag.

Dass er und Küwen völlig unterschiedliche Spielstile haben, sieht man schon im Training: Während Küwen nah an der Platte bleibt und seinen Gegner mit schnellen, druckvollen Schlägen in Bedrängnis bringt, steht Wellmann mit seinen langen Noppen weit hinter dem Tisch. So kann er auch auf Küwens starke Angriffsschläge gut reagieren. Mit einer weiten Ausholbewegung trägt er den Ball förmlich über das Netz. Dabei sorgen die langen Noppen für eine schwer abzuschätzende Flugbahn, nehmen Tempo und Schnitt aus dem Ball.

"Gegen Noppen muss man kloppen"

Viele Trainer empfehlen deshalb, gegen einen Spieler, der lange Noppen verwendet, abwechselnd einen Angriffsball und einen langsameren Ball zu spielen. Außerdem hält sich die Weisheit „gegen Noppen muss man kloppen“, also einen harten, konsequenten Schmetterball spielen.

Doch das fällt vor allem jüngeren Spielern häufig schwer – eine Erklärung, warum viele Spieler eine Hassliebe für Noppen entwickelt haben. „Es heißt ja oft, wer auf der Rückhand nichts kann, der holt sich einen Noppenbelag“, sagt Jörg Wellmann.

Doch seiner Meinung nach ist ab einem bestimmten Niveau der Noppenbelag schwerer zu beherrschen, als andere Spielmaterialien. „Ganz klar, für Noppen braucht man mehr Talent“, scherzt er. „Aber im Ernst, wenn man in höheren Ligen damit wirklich erfolgreich sein will, dann muss man vermutlich sogar mehr machen“, sagt Wellmann.

Wenige Noppenspieler im Profibereich

Dennoch wissen Küwen und Wellmann, dass erfahrene Spieler auch in unteren Klassen souverän mit Noppenspielern umgehen können. „Seltsamerweise können die das oft besser, als man es in höheren Ligen gewohnt ist. Die lachen dich manchmal einfach nur aus“, sagt Küwen.

Im Profibereich sind Noppenspieler hingegen sehr rar. Eine Ausnahme bildet Ruwen Filus, die Nummer drei in Deutschland. Der Abwehrspieler gilt als einer der größten Langnoppen-Könner weltweit und spielt in der Bundesliga für Fulda-Maberzell. Als ein Vorbild für den Nachwuchs sehen ihn die meisten Trainer dennoch nicht.

„Viele Jugendtrainer würden ihren Spielern die Noppenschläger wohl recht schnell wegnehmen“, vermutet Küwen. Für ambitionierte Jugendspieler steht heutzutage nämlich kompromissloses Angriffsspiel auf dem Trainingsplan. Kontrolliertes Defensivspiel hat vielerorts ausgedient.

Regelverschärfungen für Noppen

Noppenspieler könnten so auf lange Sicht eine aussterbende Spezies sein. Einerseits, weil es kaum Nachwuchs gibt, der sich in die Elite-Ligen hochspielen kann. Andererseits, weil die Noppe von vielen als unlauterer Vorteil gesehen wird. Schon in der Vergangenheit gab es Regelverschärfungen.

So sind seit 2008 glatte lange Noppen aufgrund ihrer Unberechenbarkeit verboten. Seitdem müssen alle Noppen eine geriffelte Oberfläche haben. Viele Tischtennisspieler würden die Noppe wohl gerne komplett aus ihrem Sport verbannen. „Ich glaube aber eher nicht, dass wir das noch erleben werden“, sagt Jörg Wellmann. „Wäre schön, wenn sie es nicht verbieten würden“, sagt auch Küwen. „Dann müsste ich wohl wieder auf einen Anti-Belag umsteigen.“ 

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