Stell dir vor es ist Olympia und keiner schaut zu

Olympische Spiele

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von ARD und ZDF haben bis mindestens 2024 keine Rechte mehr an den Übertragungen der Olympischen Spiele. Wir haben in Werne und Herberns Sportszene nachgefragt, ob insbesondere den Sportarten die Bedeutungslosigkeit droht, die oft nur während Olympia im medialen Rampenlicht stehen.

WERNE

, 03.12.2016, 13:20 Uhr / Lesedauer: 1 min
Der Blick auf die olympischen Sportarten wird getrübt: Durch den Wechsel der Übertragungsrechte wird zumindest bis 2024 deutlich weniger olympischer Sport im Free-TV zu sehen sein.

Der Blick auf die olympischen Sportarten wird getrübt: Durch den Wechsel der Übertragungsrechte wird zumindest bis 2024 deutlich weniger olympischer Sport im Free-TV zu sehen sein.

Beginnend mit den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang sicherte sich erstmals der Discovery-Konzern die Rechte an der Übertragung der Olympischen Wettkämpfe. Discovery wird die Spiele in Deutschland über seine Sender Eurosport und Dmax zeigen. Dabei wird es Inhalte geben, für die der Zuschauer extra bezahlen muss.

Während die gebührenfinanzierten ARD und ZDF von den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro noch rund 1000 Stunden live gesendet haben, muss der neue Rechteinhaber nur maximal 200 Stunden frei empfänglichen Sport liefern.

Klicken Sie sich durch unsere Fotostrecke und erfahren Sie, was man in Wernes und Herberns Sportszene über die Auswirkungen des Wechsels der Übertragungsrechte auf die sogenannten Randsportarten denkt.

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Sportler aus Werne und Herbern zum "Olympia-Aus" bei ARD und ZDF

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von ARD und ZDF haben bis mindestens 2024 keine Rechte mehr an den Übertragungen der Olympischen Spiele. Der neue Rechteinhaber Discovery muss nur maximal 200 Stunden frei empfänglichen Sport liefern. Wir haben in Werne und Herberns Sportszene nachgefragt, ob insbesondere den Sportarten die Bedeutungslosigkeit droht, die oft nur während Olympia im medialen Rampenlicht stehen.
02.12.2016
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Marie Ligges, Reiterin beim RV von Nagel Herbern: „Olympia war immer eine Super-Möglichkeit, um für Reiten zu werben. Normalerweise werden von Turnieren nur kurze Zusammenfassungen im Fernsehen gezeigt. Ich habe schon die Befürchtung, dass der Sport aus der Öffentlichkeit und damit auch das Interesse verschwindet, wenn Wettkämpfe im Pay TV laufen. Bislang war es durchaus so, dass man während Olympia in der Schule auf Reiten angesprochen wurde, auch mal erklären konnte, wie der Sport funktioniert. Aber wer nicht wirklich involviert ist, der schaut künftig lieber Formel 1 als für Olympia zu bezahlen. Persönlich würde ich auch Geld für die Reit-Übertragungen ausgeben. Das ist wie Theorie lernen, wenn ich mir was abschauen kann. Außerdem ist es immer schön, wenn ich mir bekannte Reiter oder Reiterinnen im Fernsehen sehe.“© Archivbild: Dominik Möller
Frank Volmerg, Vorstand beim RSC Werne: „Ich glaube, die Entscheidung hat auf den Radsport kaum Einfluss, da wir insbesondere über Eurosport mit den klassischen Radsportveranstaltungen präsent sind. Für die Randsportarten aber ist das natürlich ein Schlag ins Gesicht. Es wird umso schwieriger Sponsoren zu generieren, je weniger man präsent in den Medien ist. Das wissen wir im Radsport nur zu gut, als die Öffentlich-Rechtlichen wegen der Dopingskandale ihre Berichterstattung zurückfuhren, aber munter ebenso gefährdete Sportarten wie Biathlon weiter gezeigt wurden. Eurosport hat gezeigt, das gilt zumindest für den Radsport, dass sie fachkundig berichten können. Ob das dann auch bei Randsportarten wie Bogenschießen klappt, muss sich erst noch zeigen.“© Archivbild: Helga Felgenträger
Bronek Bakiewicz, Volleyball-Trainer beim TV Werne und Werner SC: „Wenn man den Sport nicht im Fernsehen haben will, dann gibt es eben nur noch Fußball. Das ist schade, denn uns ist es wichtig, die Kinder auch menschlich zu entwickeln. Und dafür braucht es Vorbilder. Aber was man heutzutage beim Fußball sieht, hat keine Vorbildfunktion. Das läuft in anderen Sportarten anders. Wenn die „kleineren“ Sportarten in den Medien weniger präsent sind, wird es natürlich schwerer, Gelder und Nachwuchs zu generieren. Wenn du keine Helden hast, bekommst du keinen Nachwuchs. Also versuchen wir unsere eigenen Helden auf lokaler Ebene zu schaffen, zum Beispiel bei den Damen des TV Werne.“© Archivbild: Helga Felgenträger
Michael Gilbert, Abteilungsleiter Judo TV Werne: „Judo wurde auch bei den Öffentlich-Rechtlichen meist im Internet gezeigt und nicht im TV. Es war schon immer eine Randsportart, die stiefmütterlich behandelt wurde. Sie wird im Pay-TV verschwinden. Ausgehend von der ohnehin schlechten Berichterstattung von ARD und ZDF in Bezug auf Judo ist demnach in der Skala nach unten alles offen. Ob ich künftig dafür bezahle, meinen Sport nachts um 2.43 Uhr im Fernsehen zu sehen, sei mal dahingestellt. Ich kann zwei Tage warten, bis es auf Youtube hochgeladen wurde oder der Verband eine Berichterstattung bietet. Aus den medialen Strohfeuern nach Erfolgen in Randsportarten ziehen wir sowieso keinen Nachwuchs. Uns machen da schon eher die langen Schulzeiten Probleme, weil es schwer ist, Kinder spätnachmittags zum Sport zu bewegen.“© Archivbild: TV Werne
Jörg Wellmann, Tischtennisspieler beim TTC Werne: „Tischtennis ist jetzt schon nur sporadisch in den Öffentlich-Rechtlichen vertreten, vielleicht mal bei Topspielen in den dritten Kanälen. Und selbst bei Olympischen Spielen war es oft so, dass gefühlt sieben Stunden Rhythmische Sportgymnastik gezeigt wird und dann Tischtennis in 30 Sekunden abgearbeitet wurde. Die Gewichtung zwischen den Sportarten hat da nie gepasst. Das wird jetzt wahrscheinlich noch schlimmer, dabei entstehen Heldenfiguren wie Timo Boll oder Dimitrij Ovtcharov ja erst über die Medien und bringen auch Nachwuchs in die Vereine. Mediale Präsenz bei großen Veranstaltungen schafft Bewusstsein. Es ist, unabhängig vom Tischtennis, eine kleine Katastrophe, dass Olympia nicht mehr ausführlich gezeigt wird. Bleibt zu hoffen, dass die Bezahlangebote zumindest sinnvoll sind. Wenn ich beispielsweise Leichtathletik sehen will, dann auch nur dafür ein Paket bekomme und nicht auch noch Turmspringen mitzahlen muss.“© Archivbild: Jürgen Weitzel
Carolin Dihr, Leichtathletin beim TV Werne: „Die Leichtathletik umfasst viele Randsportarten. Es wäre natürlich schade bei nur noch 200 Stunden Sendezeit, wenn nur Teile der Wettkämpfe gezeigt würden. Ich schaue selbst sehr gerne und wenn interessante Sportarten wie Stabhochsprung nicht mehr gezeigt würden, ist die Gefahr da, dass man niemanden mehr für den Sport begeistern kann. Ich würde für die Sportarten, die ich gerne sehen möchte, auch bezahlen – obwohl man das eigentlich nicht tun dürfte. Es ist schade, dass ARD und ZDF nicht bereit waren, für die Senderechte zu zahlen. Ich bin absolut kein Fußballgegner, aber da geht es ja auch.“© Archivbild: Ralf Görlitz
Bernd Heimann, Hockeytrainer beim TV Werne: „Olympia war immer ein Forum, in dem Hockey durch seine Erfolge deutlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Wir haben auch den Zulauf nach Medaillen im Nachwuchsbereich gemerkt. Künftig wird der Fokus noch mehr auf Erfolgen liegen, um Sendezeit zu bekommen. Als wäre der Druck durch Medaillenvorgaben alleine nicht hoch genug. Man muss zudem sagen, dass Olympia auch für Spieler eine Chance ist, um sich zu präsentieren. In Deutschland lässt sich mit dem Sport nichts verdienen, aber in den Niederlanden ist das durchaus möglich – auch wenn man davon alleine natürlich nicht leben kann. Aus finanzieller Sicht kann ich verstehen, wenn ARD und ZDF nicht auf jeden Preis eingehen. Nicht jeder teilt die Meinung der Sportler, dass Olympia im gewohnten Umfang frei empfänglich sein müsse. Wenn bestimmte Sportarten künftig Geld kosten, trifft man sich eben zum privaten „Rudelgucken“ beim Bier und teilt die Kosten.“© Archivbild: Helga Felgentr?äger
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