Der Fall Christian P.: Er ist deutlich mehr als die Geschichte eines von krimineller Energie getriebenen Trainers. © picture alliance/dpa
Betrug

Die Masche Christian P.: Wie sich ein Lügner mit persönlichen Problemen in Vereine schleicht

Trotz massiver Betrugsvorwürfe fand Christian P. in Deutschland stets Vereine, die ihn beschäftigten – aber warum? Massive private Probleme können eine Rolle spielen. Teil 3 von 4.

Der Jugendleiter seines letzten Vereins in Norddeutschland – dort und in Nordrhein-Westfalen hat Christian P. viele Klubs belogen und um Geld gebracht – wirkt noch heute verblüfft von P. Dieser habe sich sehr von anderen Jugendtrainern unterschieden.

In seinen vielen Jahren als Verantwortlicher habe er festgestellt, dass Trainer zumeist sehr emotional wären und dafür Schwächen im organisatorischen Bereich hätten. Bei P. sei dies allerdings genau andersherum gewesen. „Er wirkte gut strukturiert und organisiert. Das fand ich beeindruckend“, so der Jugendleiter.

Damit gibt er eine erste Antwort auf die immer präsente Frage: Warum haben die Vereine P. überhaupt ein Amt übertragen? Die Antworten der Verantwortlichen sind wenig spektakulär, dafür aber schlüssig und einander sehr gleichend.

„Er ist kompetent und kann mit Kindern umgehen. Ein Menschenfänger.“

Christian P. hat bei fast allen Gesprächen über eine mögliche Zusammenarbeit einen guten, oft sogar einen herausragenden Eindruck hinterlassen. „Wir waren angetan“, sagt ein Abteilungsleiter. Sogar der Brennpunkt-Verein legt sich fest: „Er ist kompetent und kann mit Kindern umgehen. Ein Menschenfänger.“ Ähnliche Worte findet ein weiterer Ex-Verein: „Super engagiert, super motiviert. Zum Teil sogar zu motiviert, so dass es den Jungs zu viel wurde.“

Christian P. kommt zunächst beinahe überall gut an

Weitere Klubs bestätigen diese Wahrnehmung. Der Eindruck aus den guten Gesprächen habe sich in der Trainingsarbeit „durchaus bestätigt“, sagt ein Vereinsvorsitzender. In seinem Verein habe P. sogar eine Leichtathletiktrainerin verpflichtet, was sehr gut angekommen sei. Auch bei den Eltern sei er auf breite Zustimmung gestoßen, habe sich auf eine Ebene mit den Kindern gestellt, berichtet ein Vertreter einer weiteren Station. „Das war alles richtig gut“, sagt er.

Auch im Westen Deutschlands erweckte P. diesen Eindruck. Der Handballverein, der beinahe mit ihm zusammenarbeitete, erlebte ein fachlich und menschlich vielversprechendes Gespräch. „Extrem gut“ nennt ein Verantwortlicher der konkurrierenden Handballer das Gefühl, dass P. bei ihm erweckt habe.

Eines haben alle Menschen, mit denen wir während der Recherche gesprochen haben, gemeinsam: Das Bild, was sie von P. zeichnen können, entwickelte mit der Zeit mehr und mehr Details. Selbst über sehr private Angelegenheiten sind sie in der Lage, zu berichten. Einige Aspekte dienen als Erklärungsansätze für das Handeln P.s.

Zwei Vereine berichten, dass P. ihnen gegenüber eine Privatinsolvenz erwähnt hat. Konkreter werden sie nicht. Weitere Anhaltspunkte, um diese Behauptung zu überprüfen, fehlen – auch in den öffentlichen Insolvenzbekanntmachungen.

Christian P. selbst spricht von privaten Problemen

Deutlich konkreter sind Hinweise auf weitere persönliche Probleme Christian P.s. Einige Vereine berichten in unterschiedlichem Detailreichtum von massiven Problemen. P. habe meistens selbst davon erzählt, so die Klubs. Bei seinem ersten Verein in Nordrhein-Westfalen soll sich P. mit Verweis auf ebendiese Schwierigkeiten versucht haben, den Verein von einer Strafanzeige abzubringen. Die private Problematik, der sich P. ausgesetzt sah, soll dort so gravierend gewesen sein, dass er stationär medizinisch behandelt worden sei. Ähnlich drastische Informationen haben auch Vereine in Norddeutschland erreicht.

Christian P. zieht es vor, zu schweigen

Ist das Handeln von Christian P. durch kriminelle Energie oder durch massive persönliche Probleme motiviert? Für die Bewertung seiner Taten ist das eine zentrale Fragestellung. Die Einordnungen der Menschen, die mit ihm in den vergangenen Jahren Kontakt gehabt haben, gehen weit auseinander.

P. selbst leistet zu einer Aufklärung dieser so wichtigen Frage keinen Beitrag. Während der Recherchen haben wir uns mit rund 25 Menschen, die mehr als 20 Vereine, Verbände, Medien oder andere Institutionen repräsentieren, über Christian P. ausgetauscht. Ihnen allen sicherte diese Redaktion Anonymität zu. Meistens sprachen sie sehr offen über Erfahrungen mit P. Der allerdings schweigt. Auf eine schriftliche Anfrage dieser Zeitung reagierte P. nicht.

Hier kommen Sie zu allen weiteren Teilen:

Teil 1: Die Schamlosigkeit kennt keine Grenzen – wie Christian P. Jugendliche betrogen haben soll

Ein offenbar erfundenes Trainingslager kostet einen Amateurfußballverein wegen Christian P. viel Geld. Das Lügenkonstrukt umfasst sein gesamtes Leben. Ein Verein deckte es auf.

Teil 2: Nur ein Bruchteil der Vorfälle geschahen in NRW: Ex-Vereine beschuldigen Christian P.

Der zweite Teil behandelt P.s Betrugsfälle bei gleich mehreren Sportvereinen in Norddeutschland. Dort nahm sein Lügengebilde ein riesiges Ausmaß an. Um tausende Euro brachte er Vereine.

Teil 4: Verbände erklären, wie sich Vereine vor Betrügern schützen können

Der Fall Christian P. zeigt, wie leicht sich das Ehrenamt für böswillige Zwecke missbrauchen lässt. Wie Vereine sich schützen können, erklären die betroffenen Landesverbände.

Über den Autor
freier Mitarbeiter
Amateursportler bewegen vielleicht weniger Menschen als die Profis, dafür aber umso intensiver. Sie schreiben die besseren Geschichten - vor allem im Ruhrgebiet. Diese zu erkennen und aufzuschreiben, darum arbeite ich seit 2017 für Lensing Media. Darüber hinaus Handballtrainer im Jugendbereich. Gebürtig aus Lünen.
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Timo Janisch

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