So sieht inzwischen der Hinterhof des Hauses an der Waltroper Straße aus. © Sylvia vom Hofe
Wohnen in Brambauer

Beschwerden wegen Abfall im Hinterhof: Jetzt redet die Hausbesitzerin

Ihr Grundstück sei vermüllt. Das hatten Nachbarn und Behörden einer 47-Jährigen Frau aus Brambauer zum Vorwurf gemacht. Inzwischen gibt es dort nichts mehr auszusetzen - aber klarzustellen.

Irgendwann hat sie es durch das Fenster gehört: „Rattenhaus.“ Ein Wort, das Passanten im Vorübergehen benutzten. Ein Wort, das sich für Andrea Weiß (47) so scharf anfühlt wie eine Klinge – und so schmerzhaft. „Selbst wenn das noch so oft behauptet wird“, sagt die Brambauerin: „Auf meinem Grundstück gibt es keine Ratten.“ Und inzwischen auch keine baulichen Mängel mehr. Und kaum noch Bauschutt. Eines bleibt aber: das Gefühl, allein dazustehen. Das schmerzt die Hausbesitzerin mindestens genauso wie das Gerede auf der Straße.

Behörden sind über Entwicklung zufrieden

„Müllkippe im Hinterhof. Stadt schickt Nachbarn Rattenbekämpfer zur Hilfe“, titelte diese Zeitung Ende April. Da wurde öffentlich, was seit Monaten Behörden beschäftigte. Nachbarn hatten sich damals beschwert über den Hinterhof von Andrea Weiß‘ Haus: Waltroper Straße 130. Ein Vierteljahr später sind sowohl das Ordnungsamt der Stadt Lünen als auch die Umweltbehörde des Kreises Unna mit der Entwicklung zufrieden. Die Probleme sind beseitigt, die Akten geschlossen – für die Beamten. Nicht für Andrea Weiß.

Jede Geschichte hat mehrere Seiten. Auch diese. Andrea Weiß ist es wichtig, dass die Menschen auch ihre Seite kennenlernen. Darin geht es weniger um Bauholz und Schutt, sondern um Einsamkeit und Trauer.

Anonyme Schreiben mitten in der Krise

Ein anonymes Schreiben war Ende 2019 bei der Stadt eingegangen: der Hinweis auf die vom Briefeschreiber als unhaltbar empfundenen Zustände auf dem Grundstück hinter dem 115 Jahre alten Haus. Was folgt, sind Ortstermine, Anhörungsbögen, die Androhung von Zwangsmitteln. Andrea Weiß nimmt das wie eine Druckwelle war: eine Erfahrung, die sie kennt. Zwei Jahre zuvor sei es ebenfalls so gewesen, sagt sie: anonyme Schreiben, Beschwerden. „Immer kurz vor Weihnachten.“ Eine Zeit, in der es die an Depressionen leidende Frau ohnehin schwer hat.

Das Haus an der Waltroper Straße stammt aus dem Jahr 1905. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Die Kauffrau für Bürokommunikation hat Schicksalsschläge erlebt, die sie nur schwer verarbeitet hat: Adoption, der frühe Tod der neuen Mutter, die Angst, erneut die Familie zu verlieren, bis die Oma an Mutters statt einspringt. Deren Tod reißt sie in die Depression: eine Krankheit, die nach dem plötzlichen Tod des Vaters, Helmut Weiß, erneut aufflammt. Und dann Ende 2017 die Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten. „Ich bin völlig alleine.“

Als Vater und Lebensgefährte da waren, gab es keine Beschwerden

Ihr Vater sei es gewesen, der 1999 den Plan fasste, im Hinterhof zu bauen: neue Räume für sein Versicherungsbüro. In Eigenregie. Ein Projekt, das er nie beendete. Aus dieser Zeit stamme die Ansammlung von Ziegeln, Steinen, Holz und Schrott, sagt sie. „Als mein Vater noch lebte, hat sich aber nie jemand beschwert.“ Als ihr Lebensgefährte noch bei ihr wohnte, ebenso wenig. Das habe erst begonnen, als sie alleine war.

Altes Holz lagert immer noch auf dem Grundstück. Eigentlich hätte es schon auf einem großen Osterfeuer verbrannt sein sollen. Das war wegen Corona aber ausgefallen. Die Eigentümerin will es verschenken. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Dass Eigentum verpflichtet, weiß Andrea Weiß, die Erbin des Vier-Parteien-Hauses, in dem nur eine Wohnung bewohnt ist: ihre eigene. Jemanden zu beauftragen, die Mängel zu beheben, sei aber nicht in Frage gekommen, sagt sie. „Dafür fehlt mir das Geld.“ Andrea Weiß hat stattdessen selbst die Ärmel hochgekrempelt: Vormittags zur Arbeit in eine Spedition, nachmittags zuhause Erde schippen und Holz schleppen. Bis auf eine Ausnahme habe niemand geholfen. Oder auch nur Hilfe angeboten, sagt sie.

Vermietung der Wohnungen soll wieder erfolgen

Der Hinterhof hat sich gemacht. Beete sind entstanden, eine Sitzecke neben dem Altholzstapel. Ursprünglich war das Holz für ein Osterfeuer vorgesehen, das wegen Corona ausfiel, sagt Weiß. „Jetzt will ich es verschenken.“

Sie hat neuen Elan. Der lässt sie jetzt auch nach Mietern für die Wohnungen suchen. Denn eines steht für sie fest: „Das hier ist mein Zuhause.“ Etwas, das ihr trotz Verluste geblieben ist. Ihr Heim. Keinesfalls ein Rattenhaus.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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