Das still gelegte Tankstellengelände dient seit Ende 2018 als wilder Parkplatz für Autos. © Blandowski
Goldin-Tankstelle

Brambauer Tankstelle erinnert an Deutschlands größten Steuerbetrüger

Erhard Goldbach (†) war in den 1970er Jahren Eigentümer der Tankstellenkette Goldin - und ist bis heute Deutschlands größter Steuerbetrüger. Von seinen Zapfsäulen steht noch eine in Brambauer.

Erhard Goldbach (1928 – 2004) war einst ein gefeierter Mann. Er wurde wie ein Popstar verehrt und als „Ölkönig von Wanne-Eickel“ bezeichnet – in Anlehnung an die US-Fernsehserie Dallas mit Ölbaron J.R. Ewing in einer der Hauptrollen.

Goldbach stieg vom Kohlenhändler zum Multi-Millionär auf, mit seiner Tankstellenkette „Goldin“, die ihren Ursprung in Herne-Crange hatte, scheffelte er am deutschen Fiskus vorbei Millionen Deutsche Mark (D-Mark).

In den 1980er Jahren wanderte der „Robin Hood der Zapfsäulen“ für Jahre ins Gefängnis. Von diesen Zapfsäulen steht heute immer noch eine in Lünen-Brambauer und gammelt vor sich hin. Zum Ärger zahlreicher Anwohner.

„Größter deutscher Steuerskandal“

„Es ist bis heute der größte deutsche Steuerskandal. Niemand hat den Staat um mehr Geld betrogen, niemand saß für ein Wirtschaftsverbrechen länger im Knast (…).“ Das sagt der Herner Historiker Ralf Piorr über einen Kriminalfall, der weit über das Ruhrgebiet hinaus für Schlagzeilen sorgte – und natürlich auch in Brambauer mit Interesse verfolgt wurde. Ein Überblick:

  • Als Kohlenhändler gestartet, steigt Goldbach 1956 in den Benzinhandel ein und gründet Jahre später die freie Tankstellenkette „Goldin“.
  • Durch eine undurchsichtige Preispolitik bot Goldbach den Liter Benzin oder Diesel stets zwei Pfennig unter Marktpreis an.
  • Dieser Schachzug entpuppte sich jedoch als Betrug, und folglich kam es zu erheblichen Steuerrückstellungen und ausbleibenden Steuerzahlungen an den Staat.
  • Der Schwindel wurde teilweise sogar noch gedeckt durch die früheren Landes- und Bundesregierungen.
  • Ende der 1970er Jahre belief sich die Steuerschuld Goldbachs auf gut 300 Millionen Deutsche Mark.

Fahndung mit „Aktenzeichen XY… ungelöst“

  • Den Fiskus im Nacken, tauchte Erhard Goldbach im Frühjahr 1979 ab.
  • Nach einer Fahndung, mit tatkräftiger Unterstützung durch die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“, wurde der Chef von 260 Goldin-Tankstellen Anfang 1980 in Boppard (Rhein-Hunsrück-Kreis) gefasst.
  • Im selben Jahr wurde er wegen Betrugs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
  • Am 3. April 1985 wurde er wegen Steuerhinterziehung zu zwölf weiteren Jahren Haft verurteilt, von denen er nach 9 Jahren entlassen wurde.
  • 2004 stirbt Erhard Goldbach, das von ihm unterschlagene Geld ist nicht wieder aufgetaucht.
  • Auch 2010 nicht, als im früheren Wohnhaus Goldbachs in einem Geheimversteck ein Tresor entdeckt wird. Vor laufenden Kameras des WDR wurde der Geldschrank aufgefräst – er war jedoch leer.

Die Goldin-Tankstelle in Brambauer

Von Goldbachs bundesweitem Tankstellennetz ist heute so gut wie nichts mehr übrig geblieben, mit Ausnahme der Mitte der 1970er Jahre eröffneten Goldin-Tankstelle an der Ecke Waltroper/Heinrichstraße in Brambauer:

Drei Zapfsäulen, Benzin, Super und Diesel. Erst noch ohne Dach über den Säulen, wenig später mit Y-förmigen Dachkonstruktion vollendet. Dazu ein Kassenhaus für die Barzahlung.

Nach der Zerschlagung des „Goldin-Konzerns“ wechselten nicht nur die Benzinsorten, weg vom verbleiten hin zum unverbleiten Sprit. Auch die Tankstellennachpächter in Brambauer gaben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte die Klinke in die Hand.

Leerstand seit Dezember 2018

Seit Dezember 2018 gammelt die einstige Tankstelle nur noch vor sich hin. Die Preistafel ist von Vandalismus beschädigt. Das Gelände dient als wilder Parkplatz.

Die Preistafel der still gelegten Tankstelle an der Ecke Waltroper-/Heinrichstraße in Brambauer hat auch schon bessere Zeiten gesehen.
Die Preistafel der still gelegten Tankstelle an der Ecke Waltroper-/Heinrichstraße in Brambauer hat auch schon bessere Zeiten gesehen. © Blandowski © Blandowski

„Viele Menschen hier sind über diesen Zustand empört und stinksauer. Solche Zustände dürfte es in Deutschland und auch in Brambauer nicht mehr geben“, sagte Michael Ristovitch, Vorsitzender der Brami-Gemeinschaft, im Gespräch mit unserer Redaktion. Er vermute, dass da noch die alten Tanks im Untergrund sind: „Das ist doch eine tickende Zeitbombe für Mensch und Umwelt“, sagte Ristovitch weiter: „Hier ist die Stadt gefordert, etwas zu tun.“

Stadt: Kein Gespräch mit Eigentümer

Bei der Stadt Lünen hieß es auf Anfrage unserer Redaktion, dass die Tankstelle zu keinem Zeitpunkt in der Vergangenheit Gegenstand irgendwelcher Beschwerden gewesen sei. Außerdem habe es auch keine Gespräche der Stadt mit dem privaten Grundstückseigentümer über die Tankstelle beziehungsweise über das Gelände gegeben.

Alexander Dziedeck, stellvertretender Pressesprecher der Stadt Lünen, wies vielmehr darauf hin, dass es den politischen Auftrag für die Verwaltung gebe, sich mit der Stadtteilentwicklung Brambauer näher zu beschäftigen und vom Herbst an in die Erarbeitung eines Integrierten Handlungskonzeptes für die Zukunft des Stadtteils einzusteigen.

Stadt: Tankstelle könnte Thema werden

Dieses Konzept, sagte Dziedeck weiter, solle konkrete, langfristig wirksame und vor allem lokal abgestimmte Lösungen für eine Vielzahl von Herausforderungen und Aufgabengebiete im Stadtteil (…) finden.

Mittelfristiges Ziel sei es, Grundlage des Handlungskonzeptes als Fördergebiet in die Städtebauförderung aufgenommen zu werden, sagte Alexander Dziedeck:

„Dieses Konzept wird gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern und Akteuren aus dem Stadtteil erarbeitet. In diesem Kontext könnte die Zukunft des ehemaligen Tankstellengrundstücks thematisiert werden.“

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Jahrgang 1968, in Dortmund geboren, Diplom-Ökonom. Seit 1997 für Lensing Media unterwegs. Er mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen.
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Torsten Storks

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