Unbekannte haben den Geldautomaten der Sparkasse in Lünen-Süd am frühen Freitagmorgen (10.9.) gesprengt. Am Gebäude entstand ein hoher Schaden. © Goldstein
Kriminalität

„Plofkraak“: Warum niederländische Banden deutsche Automaten sprengen

In den Niederlanden gibt es für Automatensprengungen ein eigenes Wort: „Plofkraak.“ Die Gangster verfolgen mit Aktionen wie in Dortmund und Lünen nicht immer nur das Ziel der reichen Beute.

Ein lauter Knall lässt Anwohner aufschrecken. Danach gibt es eine weitere heftige Detonation. Am nächsten Morgen ist klar: Ein Geldautomat wurde mitten in der Nacht gesprengt. „Das ist einen Kilometer von unserem Haus entfernt, und ich stand senkrecht im Bett!“ Zeugen haben die Täter bei der Flucht beobachtet, schnell sickert durch, dass das Fluchtfahrzeug ein niederländisches Kennzeichen hatte. „Und die holländische Polizei macht nichts dagegen, weil die Taten in Deutschland stattfinden“, kommentiert ein Mann verbittert das Geschehen auf Social Media.

Das alles ist am Mittwoch (8. September) passiert, gegen 5 Uhr morgens, in der niederrheinischen Stadt Kevelaer. Zwei Tage beziehungsweise Nächte später erleben die Anwohner der Jägerstraße in Lünen-Süd exakt das Gleiche: zwei Detonationen, wackelnde Hauswände und ein schnelles Fluchtfahrzeug. Der Unterschied zum Fall in Kevelaer: Knapp zwei Stunden nach der Tat wird ein Verdächtiger festgenommen – in der niederländischen Grenzstadt Venlo. Die Spur der Automatensprengung in Lünen führte also ebenfalls in die Niederlande.

„Das Problem wird auf Deutschland abgewälzt“

Und das ist kein Zufall: Bereits vor einem Jahr stellte die Polizei in Nordrhein-Westfalen eine drastische Zunahme von „Plofkraaks“ fest – Automatensprengungen. Das Wort aus dem Niederländischen lässt sich in etwa mit „Knall-Einbruch“ übersetzen, „een kraak zetten“ heißt beispielsweise auch „ein Ding drehen“. Die „Neue Ruhr Zeitung“ (NRZ) interviewte damals den niederländischen Kriminologen Cyrille Fijnaut, der die eigene Polizei stark kritisierte: „Hier wird oft gesagt, die Polizei habe erfolgreich gearbeitet, weil die Zahl der Automatensprengungen bei uns abgenommen hat“, berichtete Fijnaut der NRZ. Tatsache sei jedoch, dass das Problem auf Deutschland abgewälzt werde.

Neben Kevelaer und Lünen schlugen „Plofkrakers“ innerhalb von fünf Tagen auch in Dortmund und in Oldenburg zu. Cyrille Fijnaut sieht die Keimzelle dieser kriminellen Machenschaften in Amsterdam und Utrecht. Beide Städte bezeichnete er im NRZ-Interview als „Quasi-Lehrschule“ für den Einstieg in die organisierte Kriminalität. Ziel der Täter sei es nicht unbedingt, fette Beute zu machen. Es gehe ihnen laut Fijnaut vielmehr ums Prestige: „Wer das hinbekommt und sich nicht erwischen lässt, der stellt etwas dar.“ Und hat anschließend Chancen auf den Aufstieg ins Drogengeschäft, wo dann das große Geld gemacht werden kann.

Der Fall in Lünen sieht zumindest danach aus, als wollten die Täter richtig Eindruck schinden: Ein dritter Sprengsatz war platziert worden, detonierte aber nicht. Und sollte der Festgenommene etwas mit der Tat zu tun haben, wird es wohl auch nichts mit der weiteren Karriere als Profi-Gangster.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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