Petra Wetzel (l.), ihr Mann Martin und Sandra Horn präsentieren den Nachbarinnen und Nachbarn bei sicherem Abstand Nikolaus-Lieder. © Günther Goldstein
Aktion gegen Corona-Blues

Trompeten gegen Einsamkeit: Wie ein Lied Gemeinschaft stiftet in Lünen

Weißt Du wie viel Sternlein stehen? Jeden Abend ertönt das Lied. Die Zahl der Sterne kennen die Nachbarn zwar immer noch nicht, aber etwas anderes: Dass sie nicht alleine sind, trotz Corona.

Ist es schon 19 Uhr? Diese Frage stellt sich seit einigen Wochen nicht mehr für die Menschen im Wohngebiet rund um die Dr.-Hans-Greef-Straße in Altlünen. Sie brauchen dafür nicht auf die Uhr zu schauen, sondern es genügt, zu lauschen. Um Punkt 19 Uhr ertönt jeden Abend „Weißt Du wie viel Sternlein stehen“, das bekannte Schlaflied, das allen Geborgenheit vermittelt. Petra Wetzel bläst es Abend für Abend auf ihrer Trompete als einen täglichen Gruß in der Dunkelheit – und eine musikalische Umarmung in der Pandemie. Am Sontag (6.12.) war es nicht bei einem Lied geblieben.

Die Kinder der Nachbarschaft hatten sich vorbereitet. Sie standen dieses Mal nicht wie sonst auf dem Balkon oder am geöffneten Fenster, um dem Sternlein-Lied zu lauschen, sondern dick eingepackt auf der Straße. Viele hatten eine Laterne dabei wie am Martinsabend, als alles begann.

100 Mal im Frühjahr „Der Mond ist aufgegangen“

Weil alle Martinszüge ausfallen mussten, hatte Petra Wetzel damals begonnen, ihre abendlichen Corona-Konzerte wieder aufzunehmen. Im Frühjahr, als die Pandemie das erste Mal das öffentliche Leben lahm legte, hatte sie angefangen, Abend für Abend „Der Mond ist aufgegangen“ zu spielen – 100 Mal hintereinander. Als die Zahl der Infizierten im Herbst dramatisch stieg, griff sie erneut zur Trompete.

Unterstützung bekam sie dabei von Anfang an von ihrem Ehemann Martin Wetzel, der als Pfarrer im Ruhestand eine geschulte Singstimme hat, und von der Musiklehrerin Sandra Horn. Am 6. Dezember gab es überdies Hilfe, die durch den Magen ging.

Stutenkerle als Überraschung für die lauschenden Kinder

Die Mädchen und Jungen aus der Nachbarschaft erhielten nicht nur ihr tägliches Gute-Nacht-Lied. „Lasst und froh und munter sein“ und „Nikolaus, komm in unser Haus“, spielten die beiden Trompeterinnen ebenfalls. Trotz der musikalischen Einladung blieb Nikolaus der Veranstaltung fern. Schließlich kennt er auch die Corona-Regeln. Er hatte aber vorher etwas für die Kinder abgegeben: frische Stutenkerle, die die Bäckerei Kanne gestiftet hatte.

Mit ihnen in der Hand – oder auch im Mund – lauschten die Mädchen und Jungen und die Erwachsenen in ihren Wohnungen auch noch dem Lied „Alle Jahre wieder“, das Wilhelm Hey vor rund 200 Jahren geschrieben hat: derselbe Dichter, von dem auch „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ stammt, das Lied, das noch bis Heiligabend jeden Abend zu hören sein wird in dem dicht bebauten Wohngebiet in Altünen.

Heiligabend ab 21 Uhr erklingen vier Lieder

Am 24. Dezember beginnt das Trompetenkonzert unter freiem Himmel nicht schon um 19 Uhr, sondern erst um 21 Uhr. Die Kinder dürfen dann schließlich auch länger aufbleiben. Und egal, ob Klein oder Groß, mit Besuch oder ganz alleine: Jeder, der dann sein Fenster öffnet, wird neben vier Weihnachtsliedern wieder etwas vernehmen, das Petra Wetzel noch wichtiger ist als die Musik: das Versprechen an alle Nachbarinnen und Nachbarn, nicht allein gelassen zu werden in der Corona-Krise und in einer Weihnachtszeit, die eben nicht so ist wie „alle Jahre wieder“.

„Musik verbindet“, sagt Petra Wetzel – und das über eine sichere Distanz hinweg. Die weithin hallenden Trompeten ermöglichen es Menschen jeden Alters, die altbekannten Lieder zu hören und mitzusingen, ohne eng beieinander hocken zu müssen und sich dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen. Sie stiften unmittelbar Gemeinschaft auch in der Isolation. „Und Musik schenkt Freude“, ergänzt die Lünerin – vor allem dann, wenn es sonst wenig zum Freuen gibt: genau das Richtige zu dieser Corona-Weihnacht.

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