Das Bild zeigt den Eingangsbereich des St.-Marien-Hospitals in der Lüner City im März dieses Jahres. © Goldstein (A)
Kein Abschied

80-Jährige kritisiert Lüner Marien-Hospital: Freundin verstarb ganz allein

Eine 80-Jährige aus Lünen-Horstmar „versteht die Welt nicht mehr“, weil sie ihre schwerstkranke Freundin vor deren Tod nicht mehr im St.-Marien-Hospital besuchen durfte. Wir haben nachgefragt:

Zu den leidvollsten Erfahrungen, die Menschen während der Corona-Pandemie erleben mussten, unter Umständen auch noch weiterhin erleben müssen, zählt vermutlich, dass Abschiednehmen – von Angehörigen, Freunden, lieben Nachbarn, Arbeitskollegen etc. – oft nicht möglich ist – und Beerdigungen nur im kleinsten Kreise stattfinden.

Das soll passiert sein

Diese „bittere und nach wie vor schlimme Erfahrung“ hat auch eine 80-Jährige* aus Horstmar gemacht, wie sie unserer Redaktion unter anderem schriftlich mitteilte:

  • „Am Sonntag (30. Mai) machte ich mich auf den Weg ins Lüner Krankenhaus (Marienhospital). Ich wollte eine langjährige, schwerstkranke Freundin (kein Corona) besuchen. Siegesgewiss, denn ich bin 2 x geimpft.
  • Ich bin 80 Jahre alt und bin mit dem Bus von Horstmar nach Lünen gefahren. Wohlgemerkt, ich bin 2x geimpft, trage Mund- und Nasen-Schutz-Maske.
  • Bei Ankunft im Krankenhaus war die Antwort: Nein, sie dürfen nicht herein.
  • Ich selbst habe 30 Jahre als Krankenschwester im Lüner Krankenhaus gearbeitet, davon 10 Jahre als Nachtschicht auf der Intensivstation.
  • In meiner Ausbildung im Lüner Krankenhaus wurde uns vom Chef des Hauses beigebracht, Ausnahmen betätigen die Regeln.
  • Am 2. Juni ist dann diese Freundin im Alter von 67 ohne irgendwelche Unterstützung, Beistand, Händchenhalten, allein und einsam verstorben.
  • In welcher Welt leben wir?“

Bestätigung am Telefon

Soweit die E-Mail. Im Gespräch mit unserer Redaktion bekräftigte die 80-Jährige ihre Angaben und sagte, dass sie nach wie vor schwer darunter leide, ihre Freundin nicht noch einmal ein letztes Mal lebend gesehen zu haben, „mit ihr ein bisschen reden zu können. Die haben sich alle hinter ‚Corona versteckt‘ und mich nicht reingelassen“.

Das sagt das Marien-Hospital

Auf Nachfrage unserer Redaktion erklärte Axel Weinand, Geschäftsführer des St.-Marien-Hospitals, „in Abstimmung“ mit Dr. Berthold Lenfers, Leiter des Corona-Koordinationsteams, Mittwochabend (9. Juni) schriftlich:

„Es mag durchaus sein, dass sich der Fall so zugetragen hat, wie die Dame ihn beschreibt. Da die in der Eingangshalle diensthabenden Mitarbeitenden nicht mehr im Dienst sind, kann ich das aktuell nicht hinterfragen.“

„Nicht vergleichbar mit Gaststätten“

Es sei tatsächlich so, schreibt Weinand weiter, dass das Marien-Hospital und das gelte nach wie vor für andere Krankenhäuser in der Region auch, immer noch strenge Besuchsregelungen habe:

„Wir sind nicht vergleichbar mit Gaststätten, Baumärkten und Seniorenheimen, weil wir als Krankenhaus schwerstkranke und immungeschwächte Patienten behandeln und betreuen. Die Gesundheit dieser Patienten wiederherzustellen und zu erhalten ist für uns das oberste Ziel. Insofern ist die Vermeidung von Patientengefährdungen sehr wichtig.“

Selbst wenn die Dame zweimal geimpft sei, könne sie immer noch Trägerin des Virus sein, betont der Krankhaus-Geschäftsführer:

„Die Impfung bewirkt, dass man selbst nicht oder nicht schwer erkrankt, verhindert aber nicht, dass man das Virus auf andere Menschen überträgt, sie somit anstecken kann.“

Die Besuchsregelungen

Weil das so ist, gelten im St.-Marien-Hospital zurzeit noch folgende Besuchsregelungen:

  • Besuche ab Tag 6
  • Eine Person pro Patient – Registrierung über die Patientenstammdaten unter erster Angehöriger bei uns
  • Vorherige Anmeldung auf der Station, Absprache mit der Station
  • Anmeldung an der Information zwingend erforderlich
  • Einlass wie gewohnt mit Registrierung (Anfang – Ende)
  • Jeder benötigt einen PoC-Antigen Schnelltest: Gültigkeit: 24 Stunden
  • Der Test muss extern erfolgen
  • Nur in Ausnahmefällen, so bei dem akuten Versterben eines Patienten oder auch bei akut vital bedrohlichen Zuständen kann eine Testung mittels PoC-Test im Haus durchgeführt werden, diese wird dann auf der Station vorgenommen.
  • Pro Zimmer darf nur ein Besucher hinein
  • AHA-L Regeln sind einzuhalten
  • Die Besucher müssen immer eine FFP-2 Maske tragen, die Patienten sollten es auch

„Ausnahmen möglich“

„Die Dame hat Recht, Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch wir machen in besonderen Fällen Ausnahmen, die jeweils in Absprache mit der Stationsleitung und dem diensthabenden Arzt erfolgen müssen“, heißt es in der schriftlichen Antwort gegen Ende:

„Ein Anruf auf der Station vor Betreten des Busses hätte uns die Möglichkeit gegeben, den Sachverhalt abzustimmen und dann auch eine bessere Regelung zu treffen.“

*Name ist der Redaktion bekannt

Über den Autor
Redaktion Lünen
Jahrgang 1968, in Dortmund geboren, Diplom-Ökonom. Seit 1997 für Lensing Media unterwegs. Er mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen.
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Torsten Storks

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