Arzttermin zuhause: Corona-Krise beschleunigt Videosprechstunden

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Per Telemedizin kommt der Doktor ins Wohnzimmer: Videosprechstunden haben in Corona-Zeiten an Bedeutung gewonnen. Auch Hausärzte in Lünen nutzen die Möglichkeit der digitalen Behandlung.

Lünen

, 18.05.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dr. Stephan Wismann (35) hat im April 2018 als Internist die hausärztliche Praxis seines Vaters an der Böcklinstraße 6 übernommen. Seit etwa drei Wochen bietet er auch Videosprechstunden an. Sie sind in Corona-Zeiten eine zusätzliche Hilfe. So kann er mit seinen Patienten in Kontakt sein, ohne dass sie in die Praxis kommen müssen. „Es dauert etwas, bis sich das etabliert“, ist seine Erfahrung.

Die Behandlung via Bildschirm sieht er momentan eher noch als Test. „Die Resonanz ist noch nicht riesig“, schildert Wismann. Die Nutzer seien eher jüngere Leute.

Manchmal doch Besuch in Praxis erforderlich

Kleinere Beschwerden könnten in der Videosprechstunde abgeklärt werden, allerdings sei mitunter noch ein Besuch in der Praxis nötig. Immer dann, wenn eine körperliche Untersuchung erforderlich sei. Die Lunge abhorchen oder Blut abnehmen, das geht eben doch nur in der Praxis.

Zwar hätten Patienten bei Hautausschlag oder Halsschmerzen auch schon fotografiert, doch „das muss auch jeder entscheiden, ob er das möchte“, so Wismann. Einen Vorteil der Videosprechstunde sieht er zurzeit für Patienten in Pflegeheimen. Am Telefon zu entscheiden, sei oft schwierig. Das könne per Videosprechstunde besser gelöst werden, so Wismann.

Seit drei Wochen bietet auch Hausarzt Ernest Blümel in der Praxis Dr. Müge Karacicek an der Waltroper Straße 71 Telemedizin an. Der Mediziner, der eigentlich im Ruhestand ist, aber aus Leidenschaft noch Patienten versorgt, gehört selbst durch Vorerkrankungen zur Risikogruppe.

Die Videosprechstunde war für ihn eine Möglichkeit, in der Corona-Krise quasi Arzt im Homeoffice zu sein. Inzwischen geht er aber wieder in die Praxis. Die Behandlung per Bildschirm habe erstaunlich gut geklappt. Anfangs sei es komisch gewesen, hinterher aber ganz unproblematisch.

Patienten sind gesprächsbereiter

In den drei Wochen habe er an die 40 Patienten betreut. „Die Patienten haben es genossen. Sie waren in ihrer häuslichen Umgebung gesprächsbereiter als in der Praxis“, ist seine Erfahrung. Einzig die Terminvergabe sei noch nicht optimal. „Ich kann Termine vergeben, weiß aber nicht, ob sie dem Patienten passen.“ Das könne noch besser werden.

In der ganzen Zeit sei es bei ihm nicht vorgekommen, dass Patienten anschließend noch in die Praxis gemusst hätten. „Blutdruck oder Blutzucker messen könnten sie ja auch zu Hause“, sagt Blümel.

Der digitale Kontakt zum Hausarzt ist technisch nicht kompliziert. Für die Videosprechstunde brauchen Patienten einen Computer oder ein Handy mit Internetverbindung. Wer sich meldet, bekommt einen Zugangscode und einen Link per E-Mail und kann sich mit der Praxis verbinden.

Bei Ernest Bümel finden sich Patienten im virtuellen Wartezimmer wieder und werden aufgerufen. Bei Stephan Wismann rufen sie in der Praxis an und der Arzt verabredet sich mit ihnen.

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Anstieg an Genehmigungen

Auch andere Arztpraxen rüsten technisch auf. „In den vergangenen Wochen haben wir einen deutlichen Anstieg an Anträgen zur Genehmigung der Videosprechstunde in ganz Westfalen-Lippe verzeichnet“, erklärt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Konkrete Zahlen nannte sie nicht. Einerseits habe die Corona-Krise diese Entwicklung beschleunigt, andererseits aber auch die Förderung durch das NRW-Gesundheitsministerium. Das unterstützt die Anschaffung von Hard- und Software sowie Weiterbildung.

Allerdings gibt es bestimmte Anforderungen: Dazu gehört ein zertifizierter Anbieter. Er muss gewährleisten, das die Übertragung der Videosprechstunde verschlüsselt ist.

Ob Stephan Wismann dauerhaft Viodesprechstunden anbieten werde, wisse er noch nicht. Das hänge auch von der Resonanz ab. Momentan gibt es die Programme kostenfrei. Man müsse sehen, wie die Situation ist, wenn sie kostenpflichtig werden.

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