Beruf am Limit: Mitarbeiter von Arztpraxen fordern mehr Wertschätzung

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Papierkrieg, Beschimpfungen und Überstunden. In der Corona-Pandemie stehen die Mitarbeiter in Hausarztpraxen auch in Lünen „immer direkt an der Front“. Einblicke in einen Berufsalltag am Limit.

Lünen

, 06.11.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dass Corona sich auf das Gemüt mancher Menschen auswirke sei bekannt. „Das Personal in den Arztpraxen bekommt den Unmut täglich ab, darüber spricht niemand“, sagt Kathrin Czynski im Gespräch mit der Redaktion. Die 33-Jährige ist Medizinische Fachangestellten (MFA), arbeitet seit 17 Jahren in einer allgemeinmedizinischen Praxis in Lünen.

Sie hat das Gefühl, „dass man uns einfach vergisst“, schreibt Czynski außerdem in einem ausführlichen öffentlichen Beitrag, den sie zunächst auf ihrer eigenen Facebook-Seite geteilt hat und der anschließend Verbreitung in den sozialen Medien fand.

Rückendeckung gab es in einer Pressemitteilung der KVWL vom 30. Oktober. Nach der Verschnaufpause im Sommer steigen die Fallzahlen in der kühlen Jahreszeit wieder an, das sei „keine Überraschung“. Es führe jedoch unweigerlich zu zunehmender Anspannung und Sorgen in der Bevölkerung. Die Praxen der niedergelassenen Ärzte seien für viele die ersten Ansprechpartner.

„Die Medizinischen Fachangestellten stehen hier an vorderster Front. Sie organisieren, koordinieren, erklären. Sie halten den Praxisbetrieb am Laufen in einer Zeit, in der sich die gesetzlichen Vorgaben nahezu wöchentlich ändern“, erklärt Dr. Dirk Spelmeyer, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Leider seien es vor allem diese engagierten Praxisteams, die den Frust vieler Bürgerinnen und Bürger über die aktuelle Situation ungefiltert zu spüren bekämen.

Grippeimpfungen während der Pandemie stark gefragt

Hinzu kämen weitere Probleme, mit denen die Arztpraxen zu kämpfen haben und hatten, schreibt Kathrin Czynski. Der Bestand an Grippe-Impfungen sei fast aufgebraucht. Neue Lieferungen sind für November angekündigt. Allerdings könne zurzeit niemand sagen, wann und ob diese auch geliefert werden. Der Impfstoff gegen Pneumokokken ist seit Monaten nicht lieferbar. Auch hier bekommen die Angestellten der Arztpraxen den Unmut von Patienten darüber zu spüren.

Etwaige Lieferengpässe lägen aber nicht in der Verantwortung der medizinischen Fachangestellten vor Ort, so Hannelore König, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe in der Mitteilung der KVWL. „Dass Patientinnen und Patienten ihren Frust an meinen Kolleginnen und Kollegen auslassen, ist deshalb nicht nur ungerechtfertigt, es sorgt dafür, dass die ohnehin hohe psychische Belastung noch zusätzlich verstärkt wird. Viele Medizinische Fachangestellte sind mittlerweile am Limit.“

1400 Impfdosen hatte die Praxis am Lippepark in Lünen bestellt. „Die sind alle verimpft“, sagt Dr. Michael Funke, selbst dort Hausarzt und Vorsitzender des Ärztevereins Lünen. 500 weitere seien bestellt, sie sollen noch im November kommen. Ob und wann sei noch nicht klar. Im Verhältnis zu den 1000 verbrauchten Dosen im Vorjahr ist hier jedoch ein deutliche Steigerung zu sehen.

„Damit in der diesjährigen Influenza-Saison ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, hat das Bundesgesundheitsministerium zusätzlich zur Regelversorgung sechs Millionen Dosen Influenzaimpfstoff für die Versorgung in Deutschland beschafft, so dass insgesamt 26 Millionen Dosen Impfstoff für die Saison 2020/21 verfügbar sind“, teilt das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Anfrage mit. In der vergangenen Grippe-Saison seien nur 14 Millionen Dosen verimpft worden.

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Die Impfstoffe würden Schritt für Schritt ausgeliefert, auch in den nächsten Wochen sei mit weiteren Auslieferungen an den Großhandel und die Apotheken zu rechnen. Das sei ein üblicher Ablauf. „Wir gehen davon aus, dass die vorgesehenen Mengen die Nachfrage nach einer Grippeimpfung auch in den nächsten Wochen abdecken können“, heißt es weiter.

Papierkrieg mit Abrechnungen von Corona-Tests

Auch die Abrechnung von Abstrichen für Corona-Tests war lange Zeit mit komplexer Bürokratie verbunden. Abstriche für Patienten mit Erkältungssymptomen aber ohne persönlichen Kontakt zu nachgewiesenen Covid-19-Erkrankten erforderten ein anderes Abrechnungsverfahren als Abstriche für Patienten mit Kontakt zu Covid-19-Erkrankten - inklusive Unterscheidung zwischen asymptomatisch und symptomatischen Verläufen - oder Reiserückkehrern aus Risikogebieten.

Jeder Fall brauchte, wie Czynski schreibt, einen eigenen Laborschein, andere Abrechnungsziffern, andere Diagnosen-Kodierung und weiteres. Diese Vorgaben änderten sich regelmäßig. Sie werden in der Test-Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums festgelegt und über die KVWL an die Praxen weitergegeben.

Mitarbeiter in den Arztpraxen hätten zwar Anspruch auf eine wöchentliche präventive Testung mittels Antigen-Test, aber nicht auf einen PCR-Test, wenn sie keine Symptome haben. Czynski fragt sich: „Sind wir weniger wert als Pflegekräfte und Krankenschwestern, oder Reiserückkehrende?“

Sammelformulare für Entlastung

„Es stimmt, dass dieses Vorgaben sich sehr häufig geändert haben und sehr komplex sind“, sagt Vanessa Pudlo, Sprecherin des KVWL auf Anfrage unserer Redaktion. Sie könne Frau Czynski gut verstehen, denn was an Vorgaben in die Praxen weitergegeben werde, laufe zuvor bei der kassenärztlichen Vereinigung ab und sei auch dort eine große Herausforderung.

Weniger Bürokratie bei Covid-19-Testverfahren und vereinfachte Abrechnung der damit verbundenen Leistungen. Unter anderem das hatte auch der KVWL-Vorstand bei einem Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Ende August gefordert, heißt es in einem Bericht der KVWL-Kompakt, dem hauseigenen Magazin der kassenärztlichen Vereinigung.

Laut Test-Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums vom 15. Oktober, sind hier jetzt sogenannte Sammelformulare möglich. „Die Umstellung war schwierig, aber jetzt läuft das besser“, sagt Funke.

Nachfragen von Patienten gebe es viele, überfüllt sei die Praxis am Lippepark aber nicht, so schildert Funke seinen eigenen Eindruck als Hausarzt. Mit vier Ärzten und einem großen Team sei man aber auch personell und organisatorisch gut aufgestellt. „Ich habe bislang auch noch von keinem gehört, dass es nicht mehr geht“, so Funke zur Lage der Hausärzte in Lünen. Eine Momentaufnahme, die sich je nach den Entwicklungen in den kommenden Wochen auch ändern kann, aber nicht muss.

Apell an die Bevölkerung: Wertschätzung ist gefragt

Die eigentliche Problematik in der aktuellen Lage ist laut Funke aber noch eine andere: Die Nachverfolgung der Kontakte sei kaum noch möglich. Damit verlieren die Tests zunehmend ihre Wirkung. Auch der Kreis meldete in den vergangenen Tagen und Wochen mehrfach, dass das Infekionsgeschehen in Lünen auf keinen Hotspot zurückzuführen sei. Zusätzlich sei die Unterscheidung zwischen einer Erkältung / Grippe und dem Coronavirus sehr schwierig. Die Symptome ähneln sich stark.

Gut bleibt die Situation bei der Versorgung der Hausärzte mit Schutzausrüstung. Anders als bei den Versorgungsengpässen mit Masken im Frühjahr, sieht es hier jetzt besser aus. Funke berichtet, dass die Vorräte der Praxis am Lippepark bis Februar reichen werden. Auch Kathrin Czynski sagt, in ihrer Praxis seien zusätzlich zu den georderten Kitteln auch Masken mitgeliefert worden.

Spelmeyer und König appellieren daher an die Bevölkerung: „Für uns alle ist diese Pandemie eine schwierige Zeit, die uns viel Kraft kostet.“ Nicht immer könne alles reibungslos laufen, das sei klar. „Wir werden diesen ersten Herbst und Winter mit dem Coronavirus bewältigen, aber das geht nur, wenn wir wertschätzend miteinander umgehen“.

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