Auf dem ehemaligen Steag-Gelände gab es eine letzte Sprengung. © Günther Goldstein
Industrie in Lünen

Brandbrief verschickt: Gewerkschaft will mitreden bei Steag-Fläche

Die ehemalige Steag-Fläche in Lippholthausen zu entwickeln, ist eine Riesenherausforderung für die Stadt Lünen. Eine Gruppe, die sich vor Ort bestens auskennt, fühlt sich außen vor gelassen.

Ludger Kerkhoff hat sein ganzes Leben lang auf dem Steag-Kraftwerk in Lünen gearbeitet. Er war dabei, als der Industrieriese an der Lippe 2018 geschlossen wurde. Als der Schornstein und der Kühlturm im März 2021 gesprengt wurden.

Und als im Juli das Kesselhaus und ein weiterer Schornstein folgten. „Die Steag war ein guter Arbeitgeber“, sagt er. Welche Arbeitsplätze dort künftig entstehen werden, ist noch offen.

Ludger Kerkhoff (l.) von der IGBCE und Hans-Georg Fohrmeister, Vorsitzender des DGB Lünen erklären, warum sie sich Sorgen machen um die Steag-Fläche.
Ludger Kerkhoff (l.) von der IGBCE und Hans-Georg Fohrmeister, Vorsitzender des DGB Lünen erklären, warum sie sich Sorgen machen um die Steag-Fläche. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Kerkhoff macht sich Sorgen: „Wir brauchen da niemanden, der 50 Cent über dem Mindestlohn zahlt“, sagt der Vorsitzende des Regionalforums Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie Lünen (IGBCE).

Er will zusammen mit anderen Gewerkschaftlern helfen, dass wieder qualifizierte Jobs entstehen: ein Angebot, das bislang bei Politik und Verwaltung aber abprallt.

Während Bundesregierung und Landesregierung NRW die Gewerkschaften in die Diskussions- und Entscheidungsprozesse zum Strukturwandel einbeziehen, bleiben sie in Lünen aber außen vor.

„Mehr als 7000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden durch die DGB-Gewerkschaften direkt vertreten“, heißt es in einem Brief an die Stadtverwaltung und Fraktionen, den Kerkhoff und die Vorsitzenden der DGB Lünen, Hans-Georg Fohrmeister und Paul Naumann verfasst haben.

Allein schon diese Zahl sollte dem Schreiben Gewicht verleihen, meinen die Absender. Außerdem die Tatsache, dass der DGB in Lünen bereits seit 2016 darauf drängt, Lippholthausen als Standort für Zukunftsbranchen des Energie- und Umweltsektors zu nutzen.

Gewerkschaften fördern „gute Arbeit“ auf dem Wasserstoffstandort

Fohrmeister und seine Mitstreiter sprechen konkret von einem „Wasserstoffstandort mit Erzeugung, Anlagen- und Apparatebau sowie Umrüstung bestehender Energieverbraucher“: die Voraussetzung dafür, das es auch künftig in Lippholthausen das geben wird, das die Gewerkschaft „gute Arbeit“ nennt.

Also unbefristete Arbeitsverhältnisse in Vollzeit und zum Tariflohn, gerechte Löhne und Gehälter, gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, Tarifbindung und Mitbestimmung in den Betrieben sowie Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und systematische Qualifizierung.

Der gewerkschaftliche Brandbrief hat bislang aber kaum ein Echo gezeigt. Lediglich die FDP hatte darauf reagiert. Und was die Absender besonders schmerzt: auch Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderung nicht.

Bei der Anhörung für das Entwicklungskonzept Lippholthausen 2030 – der Stadtrat hatte es in seiner jüngsten Sitzung am Donnerstag (16. 9.) vertagt – seien sie nicht um eine Stellungnahme gebeten worden. „Das befremdet uns sehr“, sagt Fohrmeister.

Es gehe nicht um verletzte Eitelkeit, sondern um eine vertane Chance. Schließlich seien er und seine Kollegen gut vernetzt. „Und das Motto des DGB in Nordrhein-Westfalen lautet nicht umsonst: Stark im Wandel.“

Warnung vor Nutzung als Logistikstandort

Lünen würde gut daran tun, alle Kräfte zu bündeln, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern, sagt auch Ludger Kerkhoff.

Denn im Kreis Unna bilde Lünen als die größte Stadt das Schlusslicht: „Erhöhte Arbeitslosigkeit mit hoher Langzeitarbeitslosigkeit, deutlich schlechteres Angebot an Ausbildungsplätzen, ein niedrigeres durchschnittliches Primäreinkommen und eine niedrige Bruttowertschöpfung“, zählt er auf.

Eine Nutzung „des industriellen Filet-Stücks Steag-Fläche“ etwa als Logistik-Standort „bringt uns gar nichts“. Arbeitsplätze im Lagerbereich seien wegen zunehmender Automation nicht zukunftssicher.

Grundsätzlich liegen Gewerkschaften, Politik und Verwaltung nicht weit auseinander. Im Juni 2020 hatten die Fraktionen eine gemeinsame Erklärung zur Entwicklung der 40 Hektar großen Steag-Fläche verabschiedet. „Ziel der Stadt Lünen ist die Entwicklung eines zukunftsfähigen Gewerbe- und Industriestandortes (…) mit qualifizierten Arbeitsplätzen. Angestrebt wird dabei eine Größe von mindestens 40 Dauerarbeitsplätzen je Hektar.“

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Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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