Briten in Lünen: „Wer den Klub verlässt, kann keine Vorteile erwarten“

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Wegen des Austritts von Großbritannien aus der EU entschieden sich auch in Lünen lebende Briten für eine deutsche Staatsbürgerschaft. Manche von ihnen halten den „Brexit“ für einen Fehler.

Lünen

, 21.06.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am 31. Januar 2020 ist Großbritannien offiziell aus der EU ausgetreten. Noch bis Ende des Jahres gilt eine Übergangsfrist. Wenn es bis dahin keine Einigung gibt, könnte es zu starken Einschränkungen für die in Lünen lebenden Briten kommen. Die halten von einem „Brexit“ nicht viel.

Einbürgerung wegen unbekannter Zukunft

David Akehurst lebt bereits seit 2014 in Lünen. Seitdem arbeitet er auch bei der Lüner Software-Firma Itemis. Vor zwei Jahren nahm der 48-Jährige dann die deutsche Staatsbürgerschaft an.

„Ich war nicht sicher, was nach dem Brexit passiert – und das wissen wir ja immer noch nicht“, so Akehurst. Eine Einbürgerung schien ihm sicherer, um künftig weiter bei seinem Arbeitgeber beschäftigt sein zu dürfen.

Seinen britischen Pass durfte Akehurst behalten, da er sich vor dem EU-Austritt Großbritanniens für eine Einbürgerung entschied. Seine Frau Christine ist Deutsche, die zwei Kinder der beiden besitzen wie Vater David die doppelte Staatsbürgerschaft.

Welche Einschränkungen seine Frau bei künftigen Heimat-Besuchen in England zu erwarten hat, lässt sich momentan nicht sagen. „Sie lebte 16 Jahre in Großbritannien“, merkt Akehurst an und ärgert sich, dass sie keinen britischen Pass für sie beantragt haben. „Das war Teil der EU, also war es nicht nötig.“

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EU-Austritt eine „Schande“

Von einem EU-Austritt seiner Heimat hält Akehurst persönlich wenig: „Es ist eine Schande. Ich glaube ziemlich stark an die Einheit. Menschen sind besser, wenn sie zusammen sind.“ Die gleichen Gedanken habe Akehurst gehabt, als sich Schottland von Großbritannien trennen wollte. „Es ist besser, vereint zu sein.“ Der Brexit verursache dagegen eine Teilung.

Eine ähnliche Meinung vertritt auch Joanna Masih. Die Deutsch-Pakistanerin wuchs in der schottischen Stadt Glasgow auf und ging dort zur Schule.

„Ich finde es nicht gut, dass Großbritannien aus der EU austritt“, sagt die 21-Jährige. Masih kam 2017 für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Deutschland und entschied sich, danach hier zu bleiben. Im August beginnt sie eine Ausbildung als Kinderpflegerin in Lünen. Sie lernte die Familie Akehurst in der Kirchengemeinde kennen und betreut seitdem die beiden Kinder.

Da ihre Mutter Deutsche ist, besitzt Joanna Masih bereits die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Brexit habe für sie selbst erst einmal keine Konsequenzen: „Ich habe eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Schottland“, berichtet Joanna. „Meine Mutter muss allerdings alle fünf Jahre eine Aufenthaltserlaubnis beantragen.“ Ihre Eltern leben weiterhin in Glasgow.

Die jungen Briten sind gegen einen Brexit

Masih stellte beim Thema Brexit eine klare Tendenz in ihrem schottischen Freundeskreis fest: „Viele meiner Freunde sind dafür, dass Schottland in der EU bleibt.“ Dazu müsste das Land allerdings seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklären.

„Viele junge Schotten fühlen sich nicht als Briten. Es ist eigentlich typisch für Schotten, stolz auf das eigene Land zu sein“, erklärt Joanna Masih. Dennoch gab es in der Vergangenheit im Volk keine Mehrheit für eine Unabhängigkeit Schottlands. Die jungen Schotten seien dafür gewesen, die älteren nicht. „Die jungen Menschen fühlen sich nicht von der Politik gehört“, findet Masih.

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Uneinigkeit innerhalb der Familie

Doch selbst innerhalb der eigenen Familie in England herrscht Uneinigkeit über den Brexit, stellt David Akehurst fest. Eben so wie im ganzen Königreich.

„Ich finde nicht, dass man die britische Öffentlichkeit hätte fragen sollen. Das hätte von Leuten entschieden werden müssen, die entsprechendes Wissen und Erfahrung haben“, findet der 48-Jährige.

Was aber dennoch schwierig sei: „Die Ökonomen und Politiker sind sich ja auch nicht einig. Das sind die, die es eigentlich wissen sollten, ob es richtig oder falsch ist.“ Akehurst ist sich bewusst: „Niemand kann in die Zukunft sehen.“

Zwar hoffe der Brite in ihm, dass es eine Lösung zwischen Großbritannien und der EU gibt, von der beide Seiten profitieren. Andererseits denke er: „Wer den Klub verlässt, der kann auch keine Vorteile mehr von ihm erwarten.“

Die negative Darstellung der EU in der britischen Presse habe allerdings auch Einfluss auf das öffentliche Meinungsbild genommen, ist Akehurst überzeugt. „Es gab nicht viele positive Berichte. Es wurde immer über das berichtet, was falsch lief.“

Klar gebe es Probleme innerhalb der EU. Die gebe es aber überall, wo Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenkämen – auch in der Ehe oder im Unternehmen.

„Alle Deutschen sagen, dass das total verrückt ist“

In Deutschland dagegen hat David Akehurst das Gefühl, dass man sich einig ist: „Alle Deutschen sagen, dass der Brexit total verrückt ist. Auch in den Medien ist alles, was ich gesehen habe, pro EU. Das mag ich.“

Der britische Premierminister Boris Johnson komme in der deutschen Öffentlichkeit dagegen nicht so gut weg: „Man sieht ja nur, was in den Medien berichtet wird. Oft scheint er als Dummkopf dargestellt zu werden. Vielleicht ist er aber auch einfach nur sehr clever.“

Wer auch immer an der Regierung sei, habe es aktuell sehr schwer, weil das Land so gespalten sei. „Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin“, gesteht Akehurst.

Trotz der Spaltung des Landes fehle ihm seine Heimat dennoch: „Neben Familie und Freunde vermisse ich am meisten den britischen Tee“, sagt er schmunzelnd. Den importiert er regelmäßig aus Großbritannien nach Lünen. Künftig dann vielleicht mit Zollgebühren.

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