Brötchen im Rechner, Fingernägel zu lang: Aus dem Leben eines Informatikers

mlzDigitaler Unterricht

Bildschirm schwarz, Bad Gateway im Netzwerk: Vier Informatiker betreuen die Lüner Schulen bei Computerproblemen. Dabei gibt es so manche Kuriosität - und viel Arbeit im Verborgenen.

Lünen

, 14.11.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Kreidezeit ist definitiv vorbei: Wer einen Blick in die Klassenräume der Lüner Schulen wirft, sieht dort immer häufiger Whiteboards. 44 dieser Whiteboards sind sogar noch weitaus mehr als eine Tafel: Klappt man sie auf, erscheint ein 75 Zoll großer Bildschirm, auf dem Lehrerinnen und Lehrer statt mit dem Stift einfach mit den Fingerspitzen schreiben können. Und nicht nur das: Tatsächlich können sie diese Bildschirme an ihren eigenen Computer anschließen und somit Programme, Apps oder Filme direkt vor der Klasse erläutern - in der im Zweifel selbst jeder auf einen eigene Bildschirm schauen kann. So (oder so ähnlich) sieht die Idealvorstellung des digitalen Unterrichts aus.

Davon ist man nicht nur in Lünen noch weit entfernt. In der Lippestadt gibt es 23 Schulen - was die Zahl von 44 Computertafeln gleich deutlich kleiner wirken lässt. Bei Kosten zwischen 4000 und 10.000 Euro pro Gerät dürfte auch klar sein, dass auch mit dem Digitalpakt nicht jede Klasse sofort mit der neuen Technik ausgestattet wird. Die Geräte sind das eine, die Wartung das andere. Drei Fachinformatiker und ein Azubi kümmern sich aktuell um die insgesamt rund 8700 Geräte, die an Lüner Schulen eingesetzt werden. Bis Ende des Jahres werden nochmal einige Endgeräte hinzukommen - wie berichtet sollen zunächst iPads für die Kinder angeschafft werden, die zuhause keine eigenen Geräte haben. 2021 dürften also mindestens 10.000 Geräte auf der Wartungsliste stehen.

Ein Brötchen im Computer

Dann sollen aber auch drei weitere Informatiker das Team verstärken, zu dem auch Sebastian Meistrell gehört. Der 38-Jährige teilt sich die Betreuung der Schulstandorte mit seinen derzeit noch drei Kollegen. Wenn der Rechner oder das Netzwerk nicht läuft, klingelt bei ihm das Telefon. „Hauptsächlich haben wir mit Vandalismusschäden zu tun“, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Gerne vertauschen Schüler zum Beispiel die Tasten auf der Tastatur. Aber wir haben auch schonmal ein ganzes Brötchen im Rechner gefunden.“

Jetzt lesen

Der Hauptteil seiner Arbeit ist jedoch nicht sichtbar. „Das war ja zum Beispiel auch ein Problem beim Programm ,Gute Schule 2020‘. Dort wurde sehr viel in die Schulen investiert, aber das sieht man eben nicht.“ Meistrell weist zur Decke, wo einer von insgesamt 600 neu entstandenen Access-Points blinkt. „Wir haben es geschafft, innerhalb der Schulgebäude Datengeschwindigkeiten von einem Gigabit pro Sekunde zu ermöglichen.“ Diese Punkte sowie sämtliche Netzwerke in den Schulen müssen auf dem Stand gehalten werden. „Wir sind zwar keine Informatik-Ninjas, die man nie zu Gesicht bekommen“, so der IT-Experte. „Aber es ist manchmal schon schwierig zu vermitteln, was wir hier eigentlich für eine Arbeit leisten.“

Jetzt lesen

Wenn die Fingernägel zu lang sind

Grundsätzlich sind die Informatiker dort vor Ort, wo Hilfe benötigt wird. Dazu hat man im Rathaus ein Ticket-System erarbeitet, das laut Meistrell sehr gut funktioniert. „Früher ist man morgens reingekommen und hat nachgesehen, welche Tickets erstellt worden sind.“ Mittlerweile kommen diese Tickets auch aufs Handy, so dass Meistrell und seine Kollegen nicht erst zurück zur „Basis“ ins Rathaus fahren müssen, sondern flexibel von einem Einsatzort zum nächsten fahren können.

Jetzt lesen

Die Tickets, also Probleme, die von Lehrerinnen und Lehrern an die Abteilung gemeldet werden, können höchst unterschiedlicher Natur sein. „Manchmal ist wirklich das Netzwerk platt. Und manchmal ist die Lösung recht einfach.“ Meistrell erinnert sich an seinen kuriosesten Fall: „Eine Lehrerin hatte sich gemeldet und mitgeteilt, dass rein gar nichts mehr funktionieren würde.“ Vor Ort sei der Rechner jedoch in Ordnung gewesen - bis sich dann herausstellte, dass die Pädagogin gemachte Fingernägel hatte. „Und damit konnte sie den Knopf nicht tief genug reindrücken, um den Computer zu starten“, schmunzelt Meistrell.

Solche Fälle seien aber die Ausnahme. „Es kommt ohnehin selten vor, dass sich etwas wiederholt.“ Der Informatiker hat auch Verständnis dafür, dass vielen Lehrkräften das technische Know-how fehlt. „Wo soll es denn auch herkommen? Ich kann mich ja auch nicht einfach vor eine Klasse stellen und eine Biologie-Stunde halten.“

Jetzt lesen

In fünf Jahren zur Eins-zu-eins-Ausstattung?

Somit pflegen die Informatiker vornehmlich die Schul-Netzwerke. Und die haben noch ein ganz anderes Problem: Aufgrund der Leitungen kommen von außen maximal 250 Megabit bei der Schule an. Hier soll sich in den nächsten fünf Jahren jedoch etwas tun - unter anderem sollen Glasfaserkabel dafür sorgen, dass auch von außen mehr Daten an der Schule ankommen. Außerdem soll in fünf Jahren fast eine Eins-zu-eins-Ausstattung der Schüler mit Endgeräten erfolgen. Derzeit läuft digitaler Unterricht hauptsächlich aus dem Koffer: „Da sind 16 Geräte drin, die der Lehrer mit in die Klasse bringt. Das reicht in der Regel, dass man zu zweit reingucken kann“, so Sebastian Meistrell. Schon jetzt kommt das IT-Team bei der Wartung an seine Grenzen - sollte es wirklich eine Eins-zu-eins-Ausstattung geben, wäre der Service in dieser Form kaum zu leisten: „Da kommen ja noch ganz andere Fragen auf einen zu. Nehmen wir an, jeder Schüler bringt sein eigenes Gerät von zuhause mit - wie können wir da die Sicherheit garantieren?“, nennt Meistrell nur eines von vielen Problemen, das bis dahin gelöst sein muss.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt