Chef des Multikulturellen Forums in Lünen: Hass nimmt zu in Corona-Krise

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Die Corona-Krise trifft auch das regional tätige Multikulturelle Forum (MKF, Lünen) und seine Klientel mit voller Wucht. Da geht es längst nicht nur um finanzielle Einbußen.

Lünen

, 27.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Herr Küçük, wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Arbeit des von Ihnen 1985 gegründeten Multikulturellen Forums aus?
Die aktuelle Situation ist, wie für alle, auch für uns absolutes Neuland. Dachten wir zu Beginn noch, es sei ein vorübergehender Zustand, wissen wir heute, dass uns dieser noch für eine ganze Weile beschäftigen wird.

Mit welchen Folgen für das operative Geschäft?

Einige unserer Arbeitsbereiche pausieren aktuell: So finden in unseren Arbeitsmarktprojekten keine Gruppenangebote statt und alle Präsenzkurse des Bildungswerkes wurden abgesagt. Andere Bereiche können immerhin weitgehend weiterlaufen. So haben wir beispielsweise die Beratungsangebote sowie das Coaching komplett auf Telefon, E-Mail und Online-Beratung umgestellt, was auch sehr gut angenommen wird.

Was ist mit den Festangestellten und den freien Dozenten?
Für unsere Festangestellten haben wir sozialverträgliche Lösungen gefunden. Etwa ein Drittel - die Azubis und geringfügig Beschäftigten mitgezählt sind es 116 Mitarbeitende - ist seit Anfang April in unterschiedlichem Stundenumfang in Kurzarbeit. Sie sind alternierend in unseren - aktuell für den Publikumsverkehr geschlossenen - Geschäftsstellen oder im Home Office.

  • Das Multikulturelle Forum e.V. hat sich nach eigenen Angaben seit seiner Gründung 1985 von einem Gesprächskreis und einer Initiative von Ehrenamtlichen hin zu einer professionell, multikulturell ausgerichteten Migrantenorganisation entwickelt.
  • Schwerpunkte der Arbeit bilden die Bereiche Arbeit und Qualifizierung, Weiterbildung, Beratung sowie Gesellschaft und Prävention.
  • In seiner praktischen Arbeit fest verankert in Nordrhein-Westfalen, agiert das Multikulturelle Forum als Facheinrichtung und Interessensvertreter auf dem Gebiet der Migration, Integration und Teilhabe bundesweit und pflegt Kontakte zu verschiedensten Kooperationspartnern.
  • Mit insgesamt 8 Standorten leistet das MKF nach eigenen Angaben in Lünen, Düsseldorf, Dortmund, Hamm und Bergkamen einen wichtigen Beitrag für das gesellschaftliche Zusammenleben vor Ort.
  • Das Bildungswerk Multi-Kulti bietet dort, so steht es auf der Homepage des MKF, allen Bürgerinnen und Bürgern ein umfassendes Kursangebot - von kultureller Bildung über Deutsch- und Fremdsprachenkurse bis hin zu Gesundheitskursen und beruflichen Qualifizierungen.
  • Das MKF ist trotz Home-Office etc. unter den auf der Homepage angegebenen Kontaktmöglichkeiten zu erreichen.

Was machen die Dozenten?

Unsere rund 100 freiberuflichen Dozierenden sind leider sehr stark betroffen, da wir aktuell keinerlei Präsenzveranstaltungen durchführen können und somit sämtliche Kurse und Workshops ausfallen. Das bedauern wir sehr, denn unsere Lehrkräfte leisten seit Jahren eine hervorragende Arbeit; ohne sie ist unsere Einrichtung nicht denkbar. Wir versuchen uns derzeit zu informieren und hoffen, dass der finanzielle Schaden für unsere Lehrkräfte eventuell durch die Hilfspakete abgemildert werden kann.

Regulärer Unterricht geht nicht, was ist mit Online-Unterricht?
In Hamm erproben wir gerade ein Online-Tutorium für unsere Integrationskurs-Teilnehmenden. Dieses Angebot wollen wir dann perspektivisch auch für unsere anderen Standorte einführen. Die Kollegen und Kolleginnen beschäftigen sich derzeit täglich damit, wie wir mit neuen Konzepten und unter den aktuellen Gegebenheiten Angebote schaffen können.

Haben Sie Angst um Ihr Lebenswerk?

Angst würde ich jetzt nicht sagen, aber die Lage bereitet mir schon einiges Kopfzerbrechen. So etwas haben wir noch nie erlebt: Verschlossene Türen, Kurzarbeit, so viel Planungsunsicherheit – aber ich bin ja immer eher lösungsorientiert. Wir müssen gemeinsame Wege finden, mit der schwierigen Lage umzugehen und dabei solidarisch sein. Am meisten Sorge bereitet mir die Ungewissheit um die Dauer dieses Ausnahmezustands, denn der Schaden ist jetzt schon groß. Ich hoffe, dass sich die Lage entspannt und wir – natürlich unter besonderen Schutzvorkehrungen – Schritt für Schritt auch wieder die pausierten Angebote beleben können.

Wie groß ist der finanzielle Schaden?

Das Multikulturelle Forum hat keine Strukturförderung, sondern finanziert sich hauptsächlich über seine Angebote. Somit bricht uns Tag für Tag ein Großteil unserer Einnahmen weg, von einem monatlichen Verlust im hohen fünfstelligen Bereich ist auszugehen. Das ist für eine gemeinnützige Einrichtung, die keine Rücklagen bilden darf, schon sehr einschneidend.

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Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die vom MKF geleistete Integrationsarbeit aus?

Unsere Arbeit ist Beziehungsarbeit, wir nehmen den Menschen einige ihrer Sorgen ab, leisten Hilfestellung. In der aktuellen Situation zahlt sich aus, dass wir in der Beratung und im Coaching einen guten persönlichen Kontakt zu unseren Ratsuchenden pflegen. Da kann man dann auch mal so eine Phase ohne vis-á-vis-Kontakt gut überstehen. Aber anderswo fehlt der persönliche Kontakt natürlich.

Wo?

Mit unseren Veranstaltungen wie zum Beispiel den Kochevents oder Radtouren fallen beispielsweise eben auch Begegnungsmöglichkeiten weg, die so wichtig sind für den Abbau von Vorurteilen und für ein besseres Miteinander.

Was bereitet Ihnen sonst noch Sorgen?

Sorge bereitet mir vor allem der Umstand, dass unter so einer Krise ja ohnehin benachteiligte Gruppen immer etwas mehr leiden. Kinder aus bildungsfernen Familien werden durch das Home-Schooling noch mehr abgehängt, viele Menschen verlieren ihren Job. Auch verstärkt sich der ohnehin schon zunehmend rassistischer gewordene öffentliche Diskurs vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie mit weiteren Hass- und Hetzkampagnen. Dass Diskriminierungen sich in Krisenzeiten verstärken, ist kein Novum. Auch jetzt werden Menschen, denen eine chinesische Herkunft attestiert wird, rassistisch beleidigt, zu „bedrohlichen Fremden“ gemacht. Fake News werden über Geflüchtete als Ursache für die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland verbreitet, Menschen mit Migrationshintergrund mit Hasskommentaren oder rassistischen Flugblättern in ihren Briefkästen belästigt.

Was hilft dagegen?
Umso wichtiger ist die Solidarität: Wir müssen aufpassen, dass wir bei aller Aufmerksamkeit für die Pandemie wichtige Themen wie Rassismus oder Chancengleichheit nicht aus dem Blickfeld verlieren und müssen uns weiter entschieden für eine pluralistische Gesellschaft einsetzen.

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