Corona-Krise: Erinnerung an Opfer der Pogrom-Nacht 1938 virtuell

mlzGedenken an jüdische Opfer

Drei Menschen starben in der Pogromnacht 1938 in Lünen, ein viertes Opfer im April 1939 an den Folgen des Nazi-Terrors am 9. November. Die Erinnerung an sie bleibt - auch in Corona-Zeiten.

Lünen

, 07.11.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 spielte Lünen eine unrühmliche Rolle. Drei jüdische Bürger wurden in der Nacht von Nazis ermordet, ein vierter starb ein halbes Jahr später an den Folgen der Repressalien gegen ihn.

Seit Jahrzehnten wird an die vier Männer in einer Gedenkfeier am 9. November erinnert. 82 Jahre nachdem Albert Bruch und Siegmund Kniebel von den Nazis erschossen wurden und Waldemar Elsoffer von den braunen Horden in die Lippe getrieben wurde und ertrank sowie Bernhard Samson so misshandelt wurde, dass er im April 1939 an den Folgen starb, kann das Gedenken nicht so stattfinden wie in den Jahren zuvor.

Alternativen geplant

Aufgrund der Corona-Pandemie kann die städtische Gedenkfeier am Denkmal am Lippeufer nicht stattfinden. Seit mehr als 20 Jahren gestalten Schüler Lüner Schulen die Feier mit. In diesem Jahr wäre das Lippe Berufskolleg (LBK) an der Reihe gewesen. „Sowohl wir als auch das LBK planen Alternativen, auch Videos sind eine Option. Wir stehen dazu miteinander in Kontakt“, so Stadtsprecher Benedikt Spangardt auf Anfrage.

Michael Kupczyk (l.) zeigte Yael Rosenfeld und ihrem Mann Ygal Volkmann 2018 verschiedene Orte in Lünen, die mit der Familie Terhoch zu tun haben.

Michael Kupczyk (l.) zeigte Yael Rosenfeld und ihrem Mann Ygal Volkmann 2018 verschiedene Orte in Lünen, die mit der Familie Terhoch zu tun haben. © Beate Rottgardt (A)

In Zivil gekleidete SA- bzw. SS-Angehörige waren für die Ausschreitungen im November 1938 in Lünen verantwortlich. Erstes Ziel ihrer Gewalt war die Synagoge unweit der Stadtkirche St. Georg. Auf der Homepage der jüdischen Gemeinden wird das Geschehen geschildert: Die braunen Horden zerstörten die Inneneinrichtung und versuchten Feuer zu legen; das Eingreifen des dortigen Hausmeisters verhinderte Schlimmeres. Das Mobiliar des Synagogenraumes schleppte man dann auf den Alten Markt, um es dort - zusammen mit anderem - zu verbrennen; das Feuer lockte viele Schaulustige an.

Inzwischen hatte man andere Wohnungen durchsucht und demoliert, Schaufenster jüdischer Geschäfte zerschlagen und die Auslagen auf die Straße geworfen. Die jüdischen Bewohner wurden misshandelt und zum Marktplatz geschleppt, wo sie gezwungen wurden, sich auf Stühle zu stellen und SA-Hetzlieder zu singen.

An der Synagoge befand sich auch die jüdische Schule. Ein Foto aus dem Turnunterricht, das Kinder mit ihrem Lehrer zeigt, war Ausgangspunkt für einen Film, der dem jüdischen Leben in Lünen ein besonderes Denkmal setzt. Im Auftrag der Bürgermeister-Harzer-Stiftung hatte sich der Lüner Regisseur Michael Kupczyk auf Spurensuche begeben - nach den „Kindern der Turnstunde“, wie der Film heißt.

Lore Gottlieb, geb. Terhoch, lebte seit Jahrzehnten in Israel. In Haifa interviewte Michael Kupczyk die gebürtige Lünerin 2016.

Lore Gottlieb, geb. Terhoch, lebte seit Jahrzehnten in Israel. In Haifa interviewte Michael Kupczyk die gebürtige Lünerin 2016. © Michael Kupczyk

Interviews mit Zeitzeugen

Für die Dokumentation reiste Kupczyk auch nach England, um Herbert Haberberg zu interviewen, der mit seiner Familie seit 1935 in Brambauer wohnte und dort zur Schule ging. 1938 wurde er mit seinen Eltern nach Polen deportiert. Von Polen aus kam er zusammen mit dem kleinen Bruder mit einem der „Kindertransporte“ nach England, wo er nach dem Krieg blieb. Seine Eltern starben im Konzentrationslager in Polen.

In Haifa traf Kupczyk im Mai 2016 Lore Gottlieb, geb. Terhoch, Jahrgang 1922. Fast ihre ganze Familie war von den Nazis ermordet worden. Sie selbst überlebte einen Transport vom KZ Bergen-Belsen und wanderte nach Israel aus.

Jetzt lesen

Kurz vor ihrem 97. Geburtstag ist Lore Gottlieb im Oktober 2019 gestorben. Das erfuhr Kupczyk von einer ihrer Töchter. Magi Vigdor kam nach Lünen zur Premiere der „Kinder der Turnstunde“. Zwei Jahre später war Yael Rosenfeld mit ihrem Mann in Lünen, auf den Spuren ihrer Mutter und Großeltern. „Ich bin froh, dass ich noch so viele Zeitzeugen interviewen konnte“, sagt der Regisseur.

Jetzt lesen

Im Februar soll der Film „Kinder der Turnstunde“ in der jüdischen Gemeinde in Dortmund gezeigt werden. 2021 wird deutschlandweit ein besonderes Jubiläum begangen - 750 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Auch in Lünen ist dazu etwas geplant. In Zusammenarbeit von Bürgermeister-Harzer-Stiftung, dem Lüner Museum und dem Arbeitskreis Stolpersteine, dessen Mitglied auch Kupczyk ist.

Stolpersteine erinnern in Lünen an die Opfer der Pogromnacht und auch an die Protagonisten in „Kinder der Turnstunde“. Vor einem Jahr wurde die Homepage „Verwischte Spuren“ vorgestellt, die an jüdisches Leben in Lünen, Selm und Werne erinnert und vor allem für junge Menschen gedacht ist.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt