Kneipen dürfen öffnen: Anna zapft im Horstmarer Treff hinter Folie

mlzCorona-Krise und Gastronomie

Ein Prosit der Gemütlichkeit. Fast zwei Monate lang war das im Horstmarer Treff nicht möglich. Jetzt stoßen Gäste wieder an - nicht nur hinter Butzenscheiben, sondern auch hinter Folie.

Horstmar

, 16.05.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auch wenn sie die Maske über Mund und Nase gezogen hat, ist es zu erkennen: Anna Iwaniec lächelt. Die strahlenden Augen verraten es. Und die fröhliche Stimme: „Ich bin so glücklich, dass ich wieder öffnen darf“, sagt die 43-jährige Wirtin des Horstmarer Treffs am Freitagmittag (15. 5.). Hinter ihr liegt eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Politik sorgte für Achterbahnfahrt der Gefühle

Dürfen Kneipen nach der Corona-Zwangspause wieder öffnen oder dürfen sie nicht? Mit dieser Entscheidung hatte es sich die Politik nicht leicht gemacht. Auch in NRW sollten zunächst nur Speisewirtschaften wieder Gäste beherbergen dürfen - vorausgesetzt, sie erfüllen die strengen Hygiene-Regeln.

Draußen vor der Kneipe nimmt Anna Iwaniec für das Foto den Mundschutz ab.

Draußen vor der Kneipe nimmt Anna Iwaniec für das Foto den Mundschutz ab. © Sylvia vom Hofe

Dann bekamen schließlich auch Gaststätten, die nur flüssige Nahrung servieren, grünes Licht in NRW - anders als im Nachbarland Niedersachsen. Die Regierung Laschet lässt nur Discotheken, Clubs und Bars weiter geschlossen: also gastronomische Betriebe, in denen weder das Essen noch das Trinken im Mittelpunkt steht.

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Fünf Gäste sind in Annas Kneipe: einer Pinte aus den 1960er-Jahren, in der sich einst Bergleute nach der Schicht trafen. Die gebürtige Polin führt den Laden seit elf Jahren. Die meisten, die am Tag zwei nach der Wieder-Öffnung gekommen sind, sind treue Stammgäste. „Es ist schön, wieder hier zu sein“, sagt Simone Witt. Sie hat sich mit ihrem Mann Hermann Kesten an einen kleinen Zweier-Tisch bequem gemacht - weit weg von den drei anderen. Zuhause falle ihr langsam die Decke auf den Kopf. Denn auch Witt hat die Pandemie zum Nichtstun verdonnert.

Spuckschutz aus Plastik hängt von der Decke herab

Die Lünerin ist Pianistin. Alle Auftritte sind abgesagt. Vielleicht, sagt sie, zeichne sich auch in der Kultur bald eine Rückkehr zu etwas mehr Normalität ab - so wie in der Gastronomie. Obwohl: Normal fühle sich das noch nicht an, meint Anna Iwaniec.

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Die Wirtin steht hinter dem Tresen, dem Herzen der kleinen Gaststätte an der Preußenstraße, und zapft Bier. Eine durchsichtige dicke Plastikfolie hängt als Spuckschutz von der Decke herab und trennt sie von den Gästen. Ab und zu reicht sie durch die Spalten ein Glas hindurch. In der Regel serviert sie aber an den drei kleinen Tischen.

Angst vor einer zweiten Krankheitswelle

„Die Gäste verhalten sich alle vorbildlich“, sagt sie. Wenn wieder ein alter Bekannter durch die täglich ab 11 Uhr offen stehende Tür eintritt, „dann zuckt es einen ja doch noch, ihm die Hand zu schütteln oder ihn gar zu umarmen“, sagt Simone Witt. Aber so weit komme es nicht - nicht nur aus Angst, das Gegenüber oder sich selbst zu infizieren, sondern auch aus Sorge, dass alle gerade zaghaft zurückkehrenden Freiheiten im Nu wieder verloren gehen: „Eine zweite Krankheitswelle darf es nicht geben.

Anna Iwaniec stimmt mit entschiedenem Kopfnicken zu. Die Lachfalten neben den dunklen Augen sind verschwunden. Eine erneute wochenlange Schließung könne sie nicht verkraften, sagt sie. Ihr Vermieter an der Preußenstraße sei ihr zwar entgegengekommen mit der Pacht. für die Kneipe „Aber die anderen Rechnungen laufen ja weiter.“ Dabei hat die 43-jährige auch für ihren Sohn zu sorgen, der noch studiert.

Schwer genug, über die Runden zu kommen

Über die Runden zu kommen, sei auch jetzt schwer genug. Sie schmeiße den Laden zwar weitgehend alleine, „aber ich habe durch das deutlich verringerte Platzangebot im Laden ja auch entsprechend weniger Einnahmen“. Keine zehn Leute passen unter den neuen Bedingungen in den Horstmarer Treff: etwa ein Drittel der üblichen Zahl. Um Gewinn zu machen, müssten die schon viel konsumieren: ein zaghaftes Lächeln unter der Maske.

Die fünf Gäste, die an diesem Freitagmittag nach sieben Wochen Zwangspause wieder in ihrer Stammkneipe sind, helfen da gerne: „Noch ein Pilsken, Anna!“

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