Dieter Kosslick: Vom roten Teppich in Cannes auf den roten Teppich in Lünen

mlz30. Kinofest Lünen

In Lünen spielte er Gitarre, in Berlin war Dieter Kosslick (fast) nie ohne seinen roten Schal unterwegs. Als Berlinale-Chef ist er in Rente, als Filmfan mag er das familiäre Kinofest.

Lünen

, 02.10.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Von Pforzheim über Düsseldorf und Lünen nach Berlin - Dieter Kosslick ist der Mann mit dem roten Schal, mit Hut und dem Händchen für gute Filme. Im badischen Pforzheim geboren, studierte er in München, blieb erst an der Hochschule, um dann als persönlicher Referent von Bürgermeister Hans-Ulrich Klose nach Hamburg zu gehen. 1982 wechselte er als Redakteur zum politisch links stehenden Magazin „Konkret“.

18 Jahre lang Berlinale-Chef

Ein Jahr später begann seine Karriere in der Filmförderung, die ihn dann auch nach Lünen, zum Kinofest führen sollte. Großen Bekanntheitsgrad erlangte er aber als Berlinale-Chef. 18 Jahre lang war der 70-Jährige Chef der Berlinale, des größten Filmfestivals der Welt. Nun hat er sich im Februar von dort verabschiedet, war aber bis Mai noch in seinem Büro. Bevor er nach Berlin ging, war er neun Jahre lang Geschäftsführer der Filmstiftung NRW und in dieser Rolle immer wieder gern gesehener Gast beim Kinofest.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn sie den Namen der Stadt Lünen hören?

Ich muss da immer sehr lachen. Als ich das erste Mal in Lünen war, konnte ich nämlich nicht glauben, dass dort wirklich ein kleines Filmfestival entsteht. Ich erinnere mich daran, dass alles von Anfang an sehr persönlich war, man frühstückte zusammen im Hotel, es war eine Filmfamilie und dadurch ein Familien-Filmfestival im wahrsten Sinne des Wortes. Manche, wie Schauspieler Peter Lohmeyer, brachten auch ihre Kinder mit. Und heute ist sein Sohn Louis Moderator bei der Berlinale. Man hat in Lünen die Initiative ergriffen, damals gehörte das Kino ja noch Gerd Politt und die beiden ersten Festival-Leiterinnen Elfriede Schmitt und Ute Teigler haben das richtig gut gemacht. Schön war und ist auch, dass die Filmstiftung NRW das Kinofest unterstützt.

Dieter Kosslick: Vom roten Teppich in Cannes auf den roten Teppich in Lünen

Dieter Kosslick (l.), heute Berlinale-Leiter, und Regisseur Hark Bohm in der Lichtburg. © Archiv Kinofest

Sie waren ja nach längerer Pause vor einigen Jahren wieder einmal beim Kinofest Lünen zu Gast, in dem anderen Kino, mit einem anderen Team. Wie groß waren die Unterschiede zur Lichtburg und den ersten Jahren?

Als so groß hab ich die Unterschiede nicht empfunden, auch wenn ich anfangs ein bisschen gefremdelt habe, weil ich die Eindrücke aus der Lichtburg noch so im Kopf habe. Ich denke, das Kinofest hat sich professionalisiert, man hat den Matrosenanzug ausgezogen, ist erwachsen geworden, wird nun sogar 30. Es ist ein richtiges Filmfestival geworden.

Dieter Kosslick: Vom roten Teppich in Cannes auf den roten Teppich in Lünen

Zum 10. Kinofest ließ es sich Dieter Kosslick, der bis zu diesem Jahr die Berlinale leitete, nicht nehmen, ein Ständchen mit der Gitarre zu spielen. © Archiv Kinofest

Die Lüner Filmfans erinnern sich gerne an ihren musikalischen Auftritt mit der Gitarre zu Ehren von Schauspieler Joachim Król in der früheren Lichtburg. Haben Sie so einen ähnlichen Auftritt auch mal bei der Berlinale gehabt?

Ja, hatte ich. Aber da wusste ich noch nicht, dass ich mal Berlinale-Direktor werde. Es war bei der Premiere von Detlef Bucks Film „Wir können auch anders“. Der Produzent fragte bei den Leuten nach, die irgendwie am Film beteiligt waren, ob sie was Künstlerisches beitragen könnten. Ich bin dann mit meiner Band im Berliner Tränenpalast aufgetreten und wir haben den Rock gespielt, den wir schon 1964 als Schülerband in Pforzheim drauf hatten. Drei Musiker von damals hab ich noch zusammen bekommen. Dazu ein Musiker aus der Band von Rio Reiser und ein junger, ehrgeiziger Bassgitarrist. Für ihn war „Marmor, Stein und Eisen bricht“, das wir unbedingt spielen wollten, eher zu einfach. Übrigens - in dem Haus gegenüber von dem ich, in dem ich in Berlin lebe, hat mal Drafi Deutscher gewohnt.

Bleibt jetzt, nach dem Abschied vom Chefsessel der Berlinale, mehr Zeit für Sie, selbst mal wieder ins Kino zu gehen? Und falls ja - sieht man als Privatmann Filme anders als wenn man sie als Berlinale-Direktor erlebt?

Auf jeden Fall. Man geht als Festival-Direktor ins Kino und hat immer zwei Sachen im Kopf: Warum haben wir den Film nicht bekommen oder wäre der was für die Berlinale gewesen? Heute ist es viel entspannter. Wenn der Film schlecht ist, ärgere ich mich einfach, wenn er gut ist, freue ich mich.

Sie sind ja gebürtiger Pforzheimer. Bleiben Sie jetzt nach den 18 Jahren Berlinale in Berlin oder geht es zurück nach Baden-Württemberg?

Irgendwie ist ein Teil von Pforzheim offenbar auch in Berlin. Ein Beispiel: Ich wollte zu einem Kultkino, übrigens auch einem früheren Berlinale-Kino, an der Bleibtreustraße und kam an einem Laden mit afrikanischer Kunst vorbei. Die Besitzerin sah mich und es stellte sich heraus, dass sie auch aus Pforzheim stammt. Und als ich die letzte Kiste meiner Sachen aus meinem Büro eingeladen hab, begegnete ich einer jungen Frau, die Schauspielerin werden will und auch aus Pforzheim kommt. Ich bin Mitglied im kommunalen Kino in meiner Heimatstadt und auch einmal im Jahr dort. Aber ich bleibe erstmal in Berlin. Ich bin ja auch Vater eines 15-jährigen Sohnes und der muss hier erstmal die Schule fertig machen.

Dieter Kosslick: Vom roten Teppich in Cannes auf den roten Teppich in Lünen

Küsschen für Elfriede Schmitt, die die ersten 15 Kinofeste geleitet hatte, von Berlinale-Leiter Dieter Kosslick. © Knut Thamm

Die Filmlandschaft hat sich ja in den vergangenen Jahren sehr gewandelt. Nun werden bei Filmfestivals auch Produktionen von Streamingdiensten wie Netflix gezeigt. Begrüßen Sie diese Änderungen?

Das ist eine zweischneidige Sache. WIr haben dieses Jahr auch eine Netflix-Produktion gezeigt. Die spanische Regisseurin ist zehn Jahre lang mit ihrem Drehbuch unterwegs gewesen, bis endlich Netflix die Produktion zugesagt hat. Ich denke, man muss die Filme bei Festivals und im Kino zeigen, wenn sie künstlerisch anspruchsvoll sind. Aus Respekt vor der künstlerlischen Leistung. Die andere Seite ist, was so ein Streamingdienst anrichtet. Und die Frage ist - ob man das aufhalten kann. Einfach diese Filme nicht zu zeigen, finde ich nicht richtig. Cannes hat es dieses Jahr nicht gemacht, mit der Konsequenz, dass nun wahrscheinlich alle nach Venedig gehen werden.

Haben Sie vielleicht jetzt auch mehr Gelegenheit, ganz privat Film-Festivals zu besuchen ohne den Druck, sich schon mal für die „eigene“ Berlinale informieren zu müssen?

Ich war in diesem Mai tatsächlich in Cannes. Zum Abschluss meiner Berlinale-Karriere bin ich dort über den roten Teppich gelaufen, bei der Premiere von Terrence Malicks neuem Film „A Hidden Life“. Die Geschichte spielt in der Nazizeit und Bruno Ganz und ich haben darin Nazi-Richter gespielt. Leider ist Bruno Ganz mittlerweile gestorben, aber ich denke gerne daran, wie wir bei den Dreharbeiten noch viel miteinander gelacht haben. Eigentlich war es ja ein Unding, solche Rollen zu spielen, aber für den wunderbaren Terrence Malick macht man das eben.

Besteht vielleicht auch die Chance, dass Sie zum 30. Kinofest vom 13. bis 17. November mal wieder nach Lünen kommen?

Ja klar, wenn ich Zeit habe, komme ich gerne im November nach Lünen. Wenn ich in Cannes über den roten Teppich gelaufen bin, dann doch wohl in Lünen erst recht.

Was wünschen Sie dem Kinofest Lünen zum 30. „Geburtstag“?

Dass alle weitermachen und die gute Stimmung erhalten können. Ich drücke die Daumen, dass Lünen ein Treffpunkt der deutschen Filmszene bleibt. Gerade in dieser kalten Zeit der sogenannten „sozialen“ Netzwerke braucht man Wärme und diese Wärme strahlt das Lüner Kinofest aus.

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Interviews:

Biographie

Filmförderer und berlinale-Chef

  • Kosslick studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Kommunikationswissenschaften, Politik und Pädagogik. Nach dem Magisterexamen blieb er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule.
  • 1979 zog er nach Hamburg, um dort als Persönlicher Referent, Redenschreiber und Büroleiter des Ersten Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose und später als Pressesprecher der Leitstelle für die „Gleichstellung der Frau“ zu arbeiten.
  • Von dort wechselte Kosslick 1982 als Kultur-Redakteur zur weit links stehenden Zeitschrift „konkret“.
  • 1983 begann er seine Tätigkeit in der Filmförderung, zunächst als Geschäftsführer der kulturellen Filmförderung Hamburg (Hamburger Filmbüro). 1986 gründete er dort das Europäische Low Budget Forum mit dem „Kino auf der Alster“.
  • 1988 wurde er Geschäftsführer der wirtschaftlichen Filmförderung der Hansestadt (Film Fonds Hamburg).
  • 1992 holten das Land Nordrhein-Westfalen und der WDR Dieter Kosslick an den Rhein als Geschäftsführer der gerade ein Jahr alten Filmstiftung NRW in Düsseldorf.
  • Im Jahr 2000 wurde Dieter Kosslick vom Land Berlin und der Bundesregierung berufen, die Leitung der Internationalen Filmfestspiele Berlin („Berlinale“) zu übernehmen. Am 1. Mai 2001 nahm er seine Arbeit als Berlinale-Direktor auf, die er 18 Jahre lang ausübte.
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