Bei seinem Einsatz beim letzten verkaufsoffenen Samstag des Jahres in Lünen ist Jürgen Ortlepps Drehorgel kaputtgegangen. © Sylvia vom Hofe
Spenden für Kinderhospiz

Drehorgel aus Lünen schweigt: Jürgen Ortlepp sammelt weiter trotz Trauer

Der Lockdown lässt es ruhig werden in der Lüner City. Auch Jürgen Ortlepps Drehorgel ist verstummt, aber nicht wegen Corona. Dabei musste er gerade erst erfahren, wie tödlich das Virus ist.

Jürgen Ortlepp trägt Schwarz. Schuhe, Hose, Mantel, Zylinder und sogar der Mund- und Nasenschutz: alles schwarz. So kennen ihn die Lünerinnen und Lüner. Denn mindestens einmal in der Woche ist der 74-Jährige in der Fußgängerzone unterwegs und macht Musik für den guten Zweck. Mit seiner Drehorgel spielt er Evergreens, Schlager, Weihnachtslieder: 200 verschiedene Stücke. Damit ist jetzt vorerst Schluss.

Musik hilft – und das doppelt. Ortlepp weiß das. Die Passanten wissen das auch. Eine beschwingte Melodie aus dem braunen Holzkasten bremst zwar nicht die Ansteckungsgefahr, aber die Ängste davor. Vor allem erinnert sie daran, dass es Menschen gibt, die gerade noch größere Sorgen haben. Die Leid erfahren müssen, das schwerer ist als der allgegenwärtige Corona-Blues. Die nicht einmal auf eine rettende Impfung hoffen dürfen.

Ortlepp unterstützt die Kinderhospizarbeit seit 20 Jahren

Seit 20 Jahren unterstützt Ortlepp die Kinderhospizarbeit. Er sammelt unermüdlich Geld für Familien mit totkranken Kindern. Sie nicht alleine zu lassen, sondern auf diesem schweren Weg zu begleiten und ihnen Hilfsangebote zu machen – in stationären Kinderhospizen oder mit ambulanten Diensten -, ist das Ziel. Das kostet: Geld, das immer fließen muss – auch in der Corona-Krise. Deshalb ist das, was am dritten Adventssamstag passiert ist, alles andere als willkommen.

Das war vor Corona: Jürgen Ortlepp - wie immer beim Spendensammeln für das Kinderhospiz in Olpe.
Das war vor Corona: Jürgen Ortlepp – wie immer beim Spendensammeln für das Kinderhospiz in Olpe. © Magdalene Quiring-Lategahn © Magdalene Quiring-Lategahn

Ortlepp hatte sich mit seinem Leierkasten früh in die City gestellt. Wie so oft. Dass es dieses Mal aber etwas anderes sein würde, ist schon abzusehen. Alle sprechen vom vermutlich letzten Samstag vorm Lockdown. Vom letzten Samstag, an dem in diesem Jahr 2020 die Geschäfte geöffnet sein würden. Ortlepp freut sich auf großzügige Spenden. Dann passiert es. Oder vielmehr: Nichts passiert. Ein technisches Problem. Die Kurbel lässt sich nicht mehr drehen. Die Walze bewegt sich nicht. Die Pfeifen bleiben stumm. Ausgerechnet.

Für die Reparatur der Orgel ist eine Reise notwendig

Dass da so schnell nichts zu machen sein würde, ist Ortlepp sofort klar. Das Problem hatte er schon einmal. Er weiß, was zu tun wäre: Nach Göttingen reisen, dort die 16.000 Euro teure Orgel zur Reparatur abgeben beim renommierten Drehorgel-Hersteller, der sich „Die Nummer 1 in Sachen Innovation, Melodienangebot und Modellauswahl“ nennt. Warten, bis die Reparatur erledigt ist, einpacken und zurückfahren. Mindestens eine Hotelübernachtung ist dafür nötig – unmöglich in diesen Tagen. Ortlepp hatte es auch schon mal bei einem Orgelbauer in Münster versucht. „Aber der wollte sich nicht daran wagen.“ Kirchenorgeln und Drehorgeln sind zwar verwandt miteinander, aber nur weitläufig.

An diesem Samstag würde es keine Musik mehr geben in der Lüner City. Soviel steht von vorne herein fest. Dabei wäre es an diesem letzten Einkaufstag besonders wichtig. Dafür hatte Ortlepp auch seine eigenen Befindlichkeiten zurückgestellt. Denn dass er ganz schwarz gekleidet ist, hat dieses Mal noch einen anderen Grund.

Covid: Mutter ist im Alter von 97 gestorben

„Ich habe gestern in Dortmund meine Mutter beerdigt“, sagt er. 97 Jahre alt sei sie gewesen „und bis zum Schluss völlig klar“. An Covid ist sie gestorben: ein Corona-Opfer. Ortlepp, der selbst als Trauerredner aktiv ist, hat am Grab Musik sprechen lassen. Ein letzter Walzer für seine Mutter, die das Tanzen immer liebte und sogar Dortmunder Meisterin im Seniorentanz war: „Tanz mit mir in den Himmel hinein.“ Da hat die Drehorgel noch funktioniert.

Jetzt nicht mehr. Kein Mucks kommt mehr aus dem Kasten. Die Leute bleiben am Samstag aber trotzdem stehen und packen Geld in die Spendendose. Oft sogar Scheine. Sie winken und rufen „Bleiben Sie gesund“. Was Jürgen Ortlepp für das Kinderhospiz tut, wissen sie auch ohne Musik. Die meisten kennen ihn als Leiter der Heinrich-Bußman-Schule: ein Lehrer aus Leidenschaft. Vor zwei Jahren ist seine Frau gestorben. Seitdem widmet der Pensionär der Kinderhospizarbeit noch mehr Zeit – wenn es denn geht.

Das war 2011: Schulministerin Barbara Sommer bedankte sich bei dem in den Ruhestand wechselnden Jürgen Ortlepp und sagte: „Meine aufrichtige Verehrung und Hochachtung vor Ihrem pädagogischen Impetus.“
Das war 2011: Schulministerin Barbara Sommer bedankte sich bei dem in den Ruhestand wechselnden Jürgen Ortlepp und sagte: „Meine aufrichtige Verehrung und Hochachtung vor Ihrem pädagogischen Impetus.“ © Günther Goldstein © Günther Goldstein
Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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