Eisenhütte Westfalia bis Caterpillar: Ehemalige Mitarbeiter betroffen über Schließungs-Pläne

mlzViele Erinnerungen

Viele Jahrzehnte war die frühere Westfalia ihre berufliche Heimat. Drei ehemalige Westfalianer aus Lünen sind nun sehr betroffen von der drohenden Schließung des Caterpillar-Werks.

Lünen

, 12.03.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Nachricht von Donnerstag (5.3.) über die drohende Schließung von Caterpillar in Lünen und den Verlust von 500 Arbeitsplätzen hat Bernd Lüke getroffen. Der 71-Jährige hat 1964 seine Lehre zum Industriekaufmann bei der damaligen Gewerkschaft Eisenhütte Westfalia begonnen.

Viele Jahrzehnte war er nach Ausbildungsende dort tätig. „So eine Nachricht lässt einen nicht kalt“, sagt Lüke. Das sehen auch Dieter Busch (80) und Dieter Maurus (79) so. Auch sie haben lange Jahre bei der Westfalia gearbeitet.

Beim Bänker über die Firma erkundigt

Busch, der aus dem Rheinland stammt, entdeckte Mitte der 60er-Jahre eine Stellenanzeige in der Zeitung, darin suchte die Gewerkschaft Eisenhütte Westfalia unter anderem einen Werkstoff-Ingenieur. Busch bewarb sich - nachdem er sich beim Cousin seiner Frau Waltraud, einem Bänker, erkundigt hatte, ob die Wethmarer Firma auch ein solides Unternehmen ist. „Als er das bestätigte, hab ich die Bewerbung abgeschickt.“ Eigentlich wollten die Buschs nur eine kurze Zeit in Lünen bleiben. Daraus sind 55 Jahre geworden. Lünen ist mittlerweile ihre Heimat.

Auf diese Anzeige hat sich Dieter Busch Mitte der 60er-Jahre bei der Westfalia beworben. 30 Jahre lang war er dort im Labor tätig.

Auf diese Anzeige hat sich Dieter Busch Mitte der 60er-Jahre bei der Westfalia beworben. 30 Jahre lang war er dort im Labor tätig. © Beate Rottgardt

Maurus begann am 1. April 1955 seine Ausbildung zum Schweißer. Später war er im technischen Büro tätig. „Ich bin in Oberaden aufgewachsen. Als ich aus der Schule kam, gab es nur zwei Alternativen - entweder man ging auf den Pütt oder zur Westfalia“, erinnert sich der 79-Jährige.

Er entschied sich für den Bergbauzulieferer, auch „weil man damals dort schon 40 Mark Monatslohn im ersten Lehrjahr bekam.“ Immer schon, das sehen alle drei ehemaligen Westfalianer so, sei die Firma sehr sozial zu ihren Mitarbeitern gewesen.

„Die Westfalia zahlte schon Kindergeld, als es das vom Staat noch gar nicht gab“, so Lüke. Das Weihnachtsgeld war nicht nach Einkommen bemessen, sondern nach Familiengröße. Im Herbst gab es „Kartoffelgeld“, mit dem die Mitarbeiter wohl nicht nur Kartoffeln einkellern konnten. In Winterberg im Sauerland hatte die Firma Ferienheime für die in Hochzeiten fast 4000 Mitarbeiter. „Da durften die Jubilare kostenlos eine Woche Urlaub machen“, sagt Maurus. Sogar eine Werksbücherei war in der Wethmarer Firma vorhanden.

Bekam die Familie eines Mitarbeiters Nachwuchs, stellte die Firma eine Haushaltshilfe für die junge Mutter. Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz. So erinnert sich Waltraud Busch gerne an die Veranstaltung „Feierabend im Werk“: „Da gaben Chöre aus den Werken Konzerte.“

Werksansicht der alten Eisenhütte Westfalia um 1840.

Der Stand der Westalia auf der ersten Bergbau-Ausstellung in Essen 1950. © Westfalia (A)

Die Westfalia habe Wethmar lange Zeit geprägt. Sogar der Sportverein aus dem Stadtteil ist nach der Westfalia benannt. Maurus: „Ich glaube, es gibt im Stadtteil kaum ein Haus, in dem jemand wohnt, der entweder nicht selbst bei der Westfalia gearbeitet hat oder jemanden in der Familie hat, der dort war oder ist.“

Die Firma habe „nach dem Zweiten Weltkrieg viel Geld verdient, brauchte keine Geldgeber“, so Maurus. Das rächte sich dann später, als die wirtschaftliche Lage nicht mehr so rosig war. „Da wollten die Banken dann auch kein Geld mehr geben.“

Krise kam in Wellenbewegungen

Die Krise des Bergbaus wirkte sich natürlich auch auf die Westfalia und ihre Nachfolgerfirmen aus. Lüke: „Das Ganze kam immer in Wellenbewegungen. In den 70er-Jahren schlossen die holländischen Zechen, in den 80er-Jahren folgten die Belgier.“

Für Dieter Busch sollte die Fusion mit Klöckner-Becorit aus Castrop-Rauxel 1991 schwerwiegende Folgen haben. „Dadurch kamen 1000 Leute dazu, die integriert werden mussten. Eigentlich waren es nun aber zu viele Mitarbeiter und man schaute, wer in den Sozialplan passte und mit einer Abfindung gehen würde.“ Busch hatte Glück im Unglück. Er hatte die Entwicklung schon länger beobachtet und war mit einer Firma aus Remscheid in Kontakt, mit der er schon zusammen gearbeitet hatte. „Der Chef hat mir versprochen, dass ich dort anfangen kann, wenn es bei uns schwierig wird.“ Der Chef hielt Wort. So arbeitete Busch noch drei Jahre lang in Remscheid, bevor er dann in Rente ging.

Zahlreiche Zeitungsartikel sind im Laufe der Jahre über Westfalia und ihre Nachfolgerfirmen erschienen.

Zahlreiche Zeitungsartikel sind im Laufe der Jahre über Westfalia und ihre Nachfolgerfirmen erschienen. © Beate Rottgardt

Bernd Lüke war noch bis 2008 im Werk, erlebte die Übernahme durch Bucyrus mit. „Das Ganze war ein schleichender Prozess“, sagt er. Auch Busch weiß, dass es seit vielen Jahren bereits Befürchtungen im Stadtteil gab: „Viele haben es sich schon gedacht, dass es eines Tages zu Ende sein wird.“

Der Niedergang von Kohle und Stahl habe eine Rolle gespielt, aber auch, dass man vielleicht einfach den Absprung aus diesem Bereich verpasst habe, meint Dieter Maurus. „Man hat immer wieder versucht, andere Geschäftsfelder zu erschließen, aber man blieb nicht dabei.“ So wurde in den Hallen bereits eine Einschienen-Hängebahn gebaut, auch eine Straßenfräse und Schiffswinden.

Ehemaligen-Gruppen treffen sich noch

Es gibt einige Gruppen von ehemaligen Westfalianern, die sich immer wieder mal treffen. „Wir kommen mit den Mitarbeitern der Abteilung T36 einmal im Jahr im Westfalenkrug zusammen“, so Maurus. Bei den nächsten Treffen werden die Ehemaligen sicher auch über die drohende Schließung sprechen.

Wie sehr die langjährige Arbeit prägte, zeigt sich, wenn Maurus frühere Westfalia-Mitarbeiter auf der Straße sieht: „Man kennt die Leute vom Gesicht her. Meistens weiß ich noch die Vornamen, aber auf jeden Fall, wo sie gearbeitet haben. Das ist immer noch ein Wir-Gefühl.“

Werksansicht der alten Eisenhütte Westfalia um 1840.

Werksansicht der alten Eisenhütte Westfalia um 1840. © Westfalia (A)

Beginn als Eisenhütte

Von Westfalia zu Caterpillar

  • Im Jahr 1826 gründete Caspar Diedrich Wehrenbold die „Raseneisenstein Zeche Westphalia“, der drei Jahre später eine Eisenhütte angegliedert wurde. Wehrenbold entstammte einer alteingesessenen Lüner Familie, die in der Landwirtschaft, einer Brauerei, Brennerei und Bäckerei tätig war.
  • Das wirtschaftliche Schicksal der „Eisenhütte Westphalia“ war eng mit dem Lüner Bergbau verknüpft. Man profitierte von der zunehmenden Mechanisierung der Steinkohleförderung. Schon um 1850 wurden Ventile und Pumpen für den Bergbau hergestellt.
  • Seit 1908 baute man die Förderwagen-Reinigungsmaschinen, in den 1920er-Jahren kamen der Pressluftmotor und der bekannte Löbbe-Hobel hinzu.
  • 1931 setzte man trotz Wirtschaftskrise in Deutschland immer stärker auf den Bergbau, besonders den Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet.
  • Von 1950 bis 1960 wuchs die vollmechanisch gewonnene Kohlemenge von 2 Prozent auf 25 Prozent, bis 1975 bereits auf über 90 Prozent. Das bedeutete den Einsatz von Förderern und Hobeln der Westfalia.
  • 1991 fusionierte die Gewerkschaft Eisenhütte Westfalia mit Klöckner-Becorit aus Castrop-Rauxel zur Gesellschaft Westfalia Becorit Industrietechnik.
  • 1995 schlossen sich die Bergbauzulieferer Halbach & Braun Maschinenfabrik, Hermann Hemscheidt Maschinenfabrik und Westfalia Becorit zur Deutschen Bergbau Technik (DBT) zusammen, eine Tochter der Ruhrkohle AG.
  • Im Mai 2007 übernahm das Unternehmen Bucyrus aus den USA die DBT.
  • 2011 wurde Bucyrus von Caterpillar, dem größten Baumaschinenhersteller der Welt, gekauft.

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