Momos Stiefbruder Moritz und seine Schwester Emma auf dem Friedhof. Der Ort, an dem Momo begraben ist, soll ein fröhlicher Ort sein, findet die Familie. Das gilt auch für Weihnachten. © Wiebke Vahlbruch
Trauer und Weihnachten

Ein Ninja an Heiligabend oder: Das erste Weihnachten ohne Moritz

Moritz aus Lünen stirbt mit vier Jahren an Krebs. Für seine Mutter, Wiebke Vahlbruch ist es das erste Weihnachten ohne Moritz. Über die Trauer und den Blick nach vorne.

Nein, Weihnachten wird nicht einfach, sagt Wiebke Vahlbruch. „Im Moment haben wir viele dunkle Tage“, erzählt die 34-Jährige. Immer wieder muss sie daran denken, wie Weihnachten 2019 war. Als ihr Sohn Moritz, genannt Momo, noch da war.

Momo ist am 1. März 2020 im Alter von vier Jahren gestorben. Zwei Jahre davon hatte er bereits gegen den Krebs gekämpft. Momo hatte ein Neuroblastom, eine bösartige Krebserkrankung des Nervensystems.

„So langsam kehrt ein bisschen Ruhe ein“

„Es gibt solche und solche Tage“, erzählt Wiebke Vahlbruch über den Trauerprozess. „So langsam kehrt aber ein bisschen Ruhe ein.“ Die Familie ist gerade umgezogen. Zu belastend waren die Erinnerungen an die Vergangenheit. Momo wollte zu Hause sterben – machte seine letzten Atemzüge im Wohnzimmer. „Es ging irgendwann soweit, dass niemand mehr ins Wohnzimmer wollte“, sagt Wiebke Vahlbruch. Über den Kampf gegen den Krebs, das traurige Ende und darüber, dass auf dem Weg aber auch nicht alles traurig war, hat Wiebke Vahlbruch ein Buch geschrieben. „Im Himmel ess’ ich Zuckerwatte“ heißt es. Als es gerade veröffentlicht war haben wir sie das erste Mal getroffen. Jetzt, am Telefon, klingt sie fröhlicher als noch im Juni.

„Es gibt normale Trauerphasen“, sagt Christian Lüdke, Psychologe aus Lünen, diese dauern in der Regel ein Jahr. Der erste Geburtstag, das erste Weihnachten ohne diese Person, all das sind intensive Erlebnisse. Trauer sei aber nichts Schlimmes, sagt Lüdke. Im Gegenteil: „Trauer ist das Gefühl der Selbstreinigung.“ Wer versuche, die Trauer von sich zu weisen, der komme stattdessen in einen komplizierten Trauerprozess, der sich lange hinziehen könnte. Christian Lüdke weiß auch, „nichts ist schlimmer, als das eigene Kind zu verlieren.“ Eltern, die so etwas erlebt haben, haben „mindestens die Hälfte ihrer Welt verloren.“ Ein Patentrezept, wie man damit umgeht, gebe es nicht. Aber viele Eltern – vor allen Dingen Mütter, würden sich eine neue Orientierung suchen, sich zum Beispiel sozial engagieren.

Wiebke Vahlbruch hat ihre Bücher bei Thalia auf Bitte des Inhabers signiert.
Wiebke Vahlbruch hat ihre Bücher bei Thalia auf Bitte des Inhabers signiert. © Vahlbruch © Vahlbruch

Es ist viel passiert seit dem letzten Treffen im Juni, berichtet Wiebke Vahlbruch. Gerade schreibt sie an ihrem zweiten Buch. „Es wird ein Kinderbuch werden“, erzählt sie. Auch dieses Mal wird es um den Umgang mit dem Tod gehen. Neben der kreativen Arbeit hat Wiebke Vahlbruch auch ihren Job gewechselt. Sie hatte zuvor bei einer Versicherung gearbeitet. Nun arbeitet sie bei einem Kinderarzt. Sie hat viel nachgedacht über ihr Leben sagt sie und hatte einfach das Gefühl, dass sie nicht irgendeine Arbeit machen möchte, sondern eine, die sie erfüllt.

„Auf keinen Fall still sitzen und an die Decke starren“

„Es macht richtig richtig Spaß, weil man jeden Tag Kinder um sich hat“, sagt Wiebke Vahlbruch und man hört ihr Strahlen geradezu durch den Telefonhörer. Als Momo krank wurde hatte sie lange das Gefühl mit ihren Sorgen nicht ernst genommen zu werden, lange dauerte es, bis sie endlich die Diagnose erhielt. „Jetzt bin ich auf der anderen Seite und kann etwas bewirken“, sagt sie. Zum Beispiel die Mutter beruhigen, die ebenfalls glaubt, das etwas wirklich nicht in Ordnung ist bei ihrem Kind. Sie kann sagen, dass sie sicherstellt, dass die Sorgen der Mutter ernst genommen werden, sie beruhigen.

Moritz aus Lünen beim Blick in die Wolken. Sein letzter Besuch am Meer.
Moritz aus Lünen beim Blick in die Wolken. Sein letzter Besuch am Meer. © Wiebke Vahlbruch © Wiebke Vahlbruch

Und wenn einen die Trauer doch mal übermannt? „Dann sollte man auf keinen Fall still sitzen und an die Decke starren“, sagt Christian Lüdke. Lieber sollte man die Orte besuchen, die man mit dem verstorbenen Menschen in Verbindung bringt und Kontakt aufnehmen, zu Menschen, die man mag und gut kennt. „Auch wenn ich nur über Video spreche“, sagt Christian Lüdke, „tröstende Worte helfen einfach und das Gefühl ‚ich bin nicht alleine mit meiner Trauer‘.“ Gleichzeitig sollten auch Freunde keine Angst haben, auf den Trauernden zuzugehen. Selbst wenn man nur die eigene Sprachlosigkeit ausdrücke und sage, „,Ich bin für dich da’, das hilft”, sagt Christian Lüdke.

Ein Ninja zu Weihnachten

„Ich glaube, dass es hilft, wenn man offen damit umgeht“, sagt auch Wiebke Vahlbruch. Und wenn man mal nicht reden will, dann sollte man das einfach offen kommunizieren. Sie und ihre Familie haben sich viele Rituale überlegt, die im Alltag dabei helfen, sich Momo ganz nah zu fühlen. Abends, beim Abendessen, macht die Familie eine Kerze vor Momos Bild an. Außerdem gibt es eine Kiste, in die Dinge hineingelegt werden, die für Momo sind. Baut ihr Partner Martin zum Beispiel etwas mit Lego fühlt er sich Momo nah und legt sein Bauwerk in die Kiste. Auch der Friedhof hilft Wiebke Vahlbruch. Momos Grab soll ein fröhlicher Ort sein, sagt die Lünerin. Dort steht ein Briefkasten, in den Momos Geschwister oder auch die Erwachsenen Briefe für Momo hineinwerfen können. Auch ein kleiner Tannenbaum von 1,30 Meter, der mit einer Lichterkette geschmückt ist. „Es ist ein Ort, der tröstet“, sagt Wiebke Vahlbruch.

Der Ort, an dem Momo begraben ist. Auch ein kleiner Tannenbaum steht hier.
Der Ort, an dem Momo begraben ist. Auch ein kleiner Tannenbaum steht hier. © Wiebke Vahlbruch © Wiebke Vahlbruch

So wird es auch der Ort sein, den Wiebke Vahlbruch und ihre Familie an Heiligabend aufsuchen. Dann werden sie Momo auch etwas mitbringen, das sie ihm auf das Grab stellen. Ein Haus für seinen Ninjago. Eine grüne Ninja-Figur von Lego. Ein tapferer Krieger, der sich gemeinsam mit seinen Freunden gegen einen finsteren Herrscher und seine Armee des Todes stellt.

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
Zur Autorenseite
Sabine Geschwinder

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.