Eltern in der Corona-Krise: Wo sind die Bilder der Überforderung?

mlzMeinung am Mittwoch

Die Kita ist geschlossen und die Großeltern fallen zur Kinderbetreuung aus. Die Corona-Krise stellt vor allem berufstätige Eltern vor Probleme. Dort muss man hinschauen, meint unser Gastautor.

von Kira Engel

Lünen

, 20.05.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als ich vor fast einem Jahr an dieser Stelle über fehlende Kindergartenplätze und besorgte Eltern schrieb, habe ich nicht im Geringsten geahnt, was heute für die meisten Eltern Realität ist.

Durch die Ausbreitung des Corona-Virus stehen jetzt nicht nur wenige, sondern sehr viele Eltern vor einer unlösbaren Aufgabe: Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen.

Die Bilder dazu in den Medien sehen hübsch aus. Zwei lockenköpfige Kinder sitzen brav am Tisch, malen oder lesen, neben ihnen ihre Mutter, am Laptop in ihre Arbeit vertieft. Ein Vater sitzt in einer Video-Konferenz, während ein Baby auf seinem Arm schläft.

Kira Engel.

Kira Engel. © Quiring-Lategahn

Gastautorin Kira Engel ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen

Aber wo sind die Bilder von Eltern, die mit Mühe und Not ihr Kleinkind während der Videokonferenz davon abhalten, den gesamten Regalinhalt auszuräumen? Bilder von Kindern, die nicht still daneben sitzen, sondern Fragen haben, erzählen oder einfach nicht alleine spielen wollen? Wo sind die Bilder von Kindern, die aus dem Nichts anfangen zu weinen, weil sie ihre Freunde im Kindergarten so vermissen?

Diskussion über Kita-Öffnungen?

Diese Bilder fehlen in der Öffentlichkeit. Hinter verschlossenen Haustüren kann man sie finden. Aber wer schaut da schon so genau hin? Wie bei vielem, was im „häuslichen Bereich“ stattfindet, fehlt hier die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein.

Statt über die Öffnung von Kindergärten und Grundschulen zu diskutieren, ist die Lockerung beispielsweise der Gastronomie in aller Munde. Es ist ja auch viel leichter nachzuvollziehen, was die Zwangspause für Wirte und Restaurant-Besitzer bedeutet. Es ist offensichtlich, dass ihnen ein hoher finanzieller Schaden entsteht, der durchaus die Existenz bedrohen kann.

Bei Kindern ist das anders. Die meisten werden auch in diesen Tagen noch satt, ordentlich gekleidet und mit einer Gute-Nacht-Geschichte ins Bett geschickt.

Aber Kinder brauchen mehr als das. Sie brauchen Menschen, die sich um sie kümmern und Zeit für sie haben. Sie brauchen keine Eltern, die sich auf ihre Arbeit konzentrieren müssen und mal alle zwei Stunden kurz das neu gemalte Bild bestaunen.

Das ist kein Kindergarten-Ersatz. Dort werden Kinder ja nicht betreut, indem allein ihr Spiel beaufsichtigt wird. Dort spielen, singen, experimentieren, toben, werkeln und matschen gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher gemeinsam mit den Kindern. Die Zeit, in der Kindergärten nur als Verwahranstalten galten, haben wir doch lange hinter uns gelassen. Ich denke nicht, dass eine schnelle Öffnung der Kindertagesstätten eine sinnvolle Maßnahme wäre. Aber wichtig ist mir, dass Politik und Gesellschaft wahrnehmen, welche Aufgabe zur Zeit auf Familien lastet, in denen beide Elternteile arbeiten.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch im Wechsel unsere Gastautoren. Es sind:
  • Kira Engel, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen
  • Maren Feldmann, Geschäftsführerin Küchen Schmidt
  • Marie Hirschberg, Studentin, ausgezeichnet mit dem Förderpreis Kultur der Stadt Lünen
  • Heinz Werner Kleine, Chemielaborant und Kunstsammler
  • Björn Schreiter, Architekt
  • Kevin Tigges, Studienreferendar und Akteur bei „Abgedreht! Filmcrew“
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