Eltern und Lehrer verärgert: Kein Geld für digitale Lernplattform in Lünen?

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Ein getestetes, kostenpflichtiges Programm, oder doch die kostenlose „Katze im Sack“? Stadt und Politik sind sich bei der Lernplattform für die Schulen einig - die Lehrer sind enttäuscht.

Lünen

, 02.07.2020, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Corona-Pandemie hat die Schulen vor eine besondere Herausforderung gestellt: Nachdem das Land NRW sämtliche Einrichtungen ab dem 16. März geschlossen hatte, mussten Lehrer und Schüler Wege finden, über das sogenannte Homeschooling den Unterricht digital fortzusetzen.

Dabei wurde offenbar, dass die meisten Schulen vor allem technisch nicht auf dem Stand sind, den es für ein effektives Lernen zuhause benötigt hätte. Die Lehrerinnen und Lehrer mussten sich also etwas einfallen lassen. „Der Distanzunterricht lief sehr unterschiedlich, die Schüler erhielten E-Mails, darin PDF- oder Word-Dateien, Anweisungen zu Arbeiten im Buch“, beschreibt Nathalie Hölmer, Vorsitzender der Elternpflegschaft in der Klasse 6c am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, die Situation. Zusammenfassend sei alles „recht unübersichtlich und leider häufig desorganisiert“ gelaufen.

Lernplattform des Landes NRW fällt durch

Eigentlich sollte die Online-Plattform „Logineo NRW“ diese Probleme lösen - ein kostenloses Angebot vom Land für alle Schulen, mit dem das Homeschooling einfacher werden sollte. Doch in Lünen kam eine Arbeitsgruppe - ähnlich wie in anderen Städten auch - zu einem anderen Schluss: „Bei Logineo NRW fehlen wichtige Komponenten“, berichtet Heinrich Kröger, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums und Mitglied der Arbeitsgruppe.

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Stattdessen habe sich die Arbeitsgruppe für das Programm „IServ“ entschieden und diese Entscheidung auch dem Ausschuss für Bildung und Sport am 3. Juni mitgeteilt. Allerdings ist IServ im Gegensatz zu Logineo NRW nicht kostenlos. Und da die Mittel aus dem Förderprogramm „Gute Schule 2020“ ausgeschöpft sind, müsste die Stadt Lünen die Kosten entweder selbst übernehmen - oder auf neue Fördermittel aus dem Digitalpakt Schule warten. „Es gibt zur Zeit nur den Entwurf einer Bund-Länder-Vereinbarung zum Zusatz zur Verwaltungsvereinbarung DigitalPakt Schule 2019 bis 2024 (,Sofortausstattungsprogramm‘)“, erklärt Stadtsprecher Benedikt Spangardt. „Daher ist noch nicht klar, wie die Mittel verteilt werden und für was die Mittel ausgegeben werden können.“

Im Ausschuss sei das Thema ohnehin nur am Rande behandelt worden, so der Sprecher weiter. Auch einen Antrag, dass die Stadt die Kosten für das Programm IServ in Höhe von 5 Euro pro Schüler und Schuljahr übernehmen soll, hat es laut Spangardt nicht gegeben. Was nicht heißen solle, dass die Stadt automatisch die kostengünstigste Variante suchen würde: „Die Möglichkeiten und Kosten mehrerer Systeme wurden von der IT-Abteilung der Stadtverwaltung geprüft.“

Schulleiter: „Hätte mir mehr Druck gewünscht“

Doch das Ganze hat sich aus Sicht der Verwaltung nun ohnehin erledigt, weil das Land NRW eine neue digitale Plattform für das neue Schuljahr angekündigt hat: Sie heißt „Logineo LMS“ und ist wie die Vorgängerversion kostenlos - das wäre dann aber auch die einzige Gemeinsamkeit, wie der Stadtsprecher betont: „Sie hat technisch nichts mit dem ursprünglichen Logineo zu tun.“

Dennoch würden die Schulleitungen lieber IServ nutzen - trotz der zusätzlichen Kosten. „Ich befürchte, dass zum Schuljahresbeginn Logineo LMS nicht vollständig sein wird“, sagt Heinrich Kröger. Die Lehrer wüssten beispielsweise nicht, ob Funktionen wie eine Videokonferenz oder ein Messenger-Tool vorhanden seien. „Im Test hat sich gezeigt, dass IServ hier am besten funktioniert.“

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Von daher ist der Schulleiter enttäuscht über die Stadt: „Ich hätte mir da mehr Druck gewünscht. Wir haben schließlich gesagt, dass wir jetzt handeln müssen.“ Stattdessen haben sich Politik und Verwaltung für eine Sondersitzung des Ausschusses entschieden - am 12. August, dem ersten Schultag des neuen Schuljahres und damit dem Tag, an dem die Schulen mit einem neuen Programm starten sollten. „Eine frühere Sitzung war aus terminlichen Gründen nicht möglich“, begründet Spangardt diese Entscheidung, die Kröger nicht nachvollziehen kann: „Werne hat IServ gekauft, Selm hat IServ gekauft - warum können wir das nicht?“ Stattdessen müsse man nun auf ein Programm hoffen, von dem man nicht weiß, was es wirklich kann - und ob es für die Arbeit überhaupt geeignet ist.

Geld fürs Freibad, aber nicht für die Schulen?

Den Elternvertretern stößt derweil ein anderer Punkt sauer auf. In der gleichen Sitzung sprach sich der Ausschuss nämlich für die Wiedereröffnung des Freibades Cappenberger See unter höchst abenteuerlichen Bedingungen aus - und ging damit ein Risiko von 150.000 Euro an zusätzlichen Kosten ein. „Jetzt frage ich mich als Elternteil eines schulpflichtigen Kindes: Ist es wirklich so viel wichtiger ein Freibad für den Sommer zu öffnen, in dem aufgrund der aktuellen Vorschriften zur Infektionseindämmung ohnehin kein ,Urlaubsfeeling’ aufkommt?“, ärgert sich Nathalie Hölmer. „Was hat in Lünen Vorrang - das Recht auf Bildung oder Freizeitvergnügen?“

Ganz so drastisch formuliert es Heinrich Kröger nicht. „Dass Politiker aufs Geld schauen, ist klar.“ Dennoch hätte er sich gewünscht, dass zum Start des Schuljahres eine verbindliche Lösung für alle Schulen in Lünen vorliegt. Und bei IServ wisse man nunmal, dass es läuft. Die Stadt setzt hingegen auf Logineo LMS: „Dieses System bildet die wesentlichen Funktionen von anderen Systemen, also auch von IServ ab“, sagt Benedikt Spangardt.

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