Lüner Erzieherinnen kritisieren das unsolidarische Verhalten vieler Eltern. © picture alliance/dpa
Kinderbetreuung

Erzieherinnen über die Lage in Kitas: „Wir sind total ausgeliefert“

Nach Beschluss des Landes NRW herrscht in den Kitas Pandemiebetrieb. Der Appell an die Eltern: Die Kinder selbst betreuen. Die Realität sieht kritischer aus, sagen Lüner Erzieherinnen.

Kitas stellen nach Beschluss des Landes in den Pandemiebetrieb um – mit reduzierten Stundenzahlen und strenger Einteilung in Gruppen. Die Eltern sind dazu angehalten, ihre Kinder wenn möglich zuhause zu betreuen, um das Infektionsrisiko zu senken.

Mehrere Lüner Erzieherinnen haben sich an unsere Redaktion gewandt, um uns von ihren Erfahrungen in der aktuellen Situation zu berichten. Sie wollen dabei gern anonym bleiben, denn was sie zu sagen haben, zeichnet eine andere Realität.

Eltern geben Kinder ab, obwohl sie zuhause sind

„Jeden Tag betreuen wir Kinder, die zuhause in guten Händen wären – weil mindestens ein Elternteil zuhause ist“, sagen die Erzieherinnen im Gespräch mit der Redaktion. Es gebe viele Eltern, die Kinder in die Einrichtungen bringen, obwohl Geschwisterkinder zuhause sind.

„Dann ist zum Beispiel die Mama zuhause und wir wissen, dem Kind würde es gut gehen – aber wir dürfen nicht hinterfragen, warum die Kinder trotzdem abgegeben werden.“ Dabei beziehen sich die Erzieherinnen explizit auf Familien, bei denen nicht das Wohl des Kindes gefährdet sei – und auch nicht auf jene, die einfach mit der Situation daheim überfordert sein.

„Wir haben für jeden Verständnis und machen das auch gerne – aber das unsolidarische Verhalten vieler Eltern ist frustrierend.“ Es sei ein allgemeines Bild, das sich in vielen Kitas abzeichne.

Bei den Erzieherinnen sorgt das für Verdruss – aber nicht nur das. „Auf dem Papier ist es immer schön aufgeschrieben, dass wir die Gruppen getrennt halten können, aber die Realität sieht auch hier anders aus: Personal wird auch in anderen Gruppen eingesetzt und das geschlossene Konzept funktioniert nicht überall.“

Dieser Aspekt, zusammen mit der trotz Pandemiebetrieb hohen Auslastung in den Einrichtungen sorge dafür, dass sich viele der Erzieherinnen und Erzieher „wie Versuchskaninchen“ fühlen: „Wir sind in unserem Beruf total ausgeliefert. Wir selbst tragen Masken, um die Kinder zu schützen, aber wer schützt uns? Man kann einem kleinen Kind nicht weismachen, dass es Abstand halten muss.“

Todesfall in einer Kamener Kita erschüttert alle

Erschütternd sei der Fall in einer Kita in Kamen-Methler gewesen, bei dem eine Erzieherin im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben war. „Das zeigt doch: Um den sozialen Umgang der Kinder zu gewährleisten, wird das über die Gesundheit von uns Erzieherinnen und Erziehern gestellt.“

Laut einer Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK seien Erzieherinnen und Erzieher in der Tat besonders stark betroffen. „Im Vergleich zu unserer ersten Auswertung für die Frühphase der Pandemie sind die erzieherischen Berufe nun in der Gesamtschau für März bis Oktober deutlich stärker betroffen“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO, in einer Mitteilung zu der Studie. „Offenbar wirkt sich hier die Entscheidung der Politik aus, Schulen und Kitas – anders als in der ersten Lockdown-Phase – offen zu halten.“

Für die Erzieherinnen und Erzieher ist das eine enorme psychische Belastung. „Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen aus der Risikogruppe, die trotzdem jeden Tag arbeiten und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen“, sagen die Erzieherinnen.

„Und wir glauben, die Eltern verstehen einfach die Dramatik an dieser Lage nicht.“ Für die kommende Zeit wünschen sich die Erzieherinnen offene Gespräche mit den Eltern, um für alle eine gute Lösung zu finden.

Betriebsmodell aus dem ersten Lockdown war besser

Doch besser fänden sie das Betriebsmodell aus dem ersten Lockdown. „Wir wären für Notgruppen mit Rundumbetreuung für Berufstätige – das muss nicht zwingend nur für systemrelevante Berufe sein. Im ersten Lockdown hat der Notbetrieb gut funktioniert, da haben wir alles auffangen können und alle Kinder berufstätiger Eltern betreut.“

Doch es könne nicht sein, dass ein Appell von oben bezüglich der Kindesbetreuung sich auswirke wie der „Appell, nicht nach Winterberg zu fahren.“

Über die Autorin
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Obwohl nicht in Dortmund geboren, bin ich doch eng mit dieser Perle des Ruhrpotts verbunden. Eine Stadt durch die Augen eines Journalisten kennenzulernen, das fasziniert mich. Seit Oktober 2017 arbeite ich für die Ruhrnachrichten und bin seit April 2020 Volontärin.
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Denise Felsch

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