Reporter Daniel Claeßen hat als "Fretful Father" mit einem Quarantäne-Fall in der Familie zu kämpfen. © Kristina Schröder / Montage Klose
The Fretful Father

Es gibt keine „Helikoptereltern“ – sondern höchstens das Gegenteil

Unser Fretful Father fährt seine Kinder nicht mit dem Auto bis vor die Schulbank. Aber er versucht, ihnen zu helfen, wo es nur geht. Das ist nicht übertrieben, sondern selbstverständlich.

Wenn man aus unserem Schlafzimmerfenster schaut, hat man einen guten Blick auf den Spielplatz, der auf der anderen Straßenseite liegt. Manchmal, wenn unsere Kinder dort spielen und ich länger kein Kindergeschrei gehört habe, gehe ich nach oben und schaue aus dem Fenster, ob alles in Ordnung ist. Bis jetzt war das Gott sei Dank der Fall. Manchmal mache ich mir auch einen Kaffee und spaziere direkt rüber, setze mich auf eine Bank und schaue den Kids zu.

Das beruhigt ungemein. Zum einen, weil es einfach gut tut, den eigenen Kindern beim Kind sein zuzusehen. Zum anderen, weil man weiß, dass alles in Ordnung ist. Letzteres ist ein Grundbedürfnis aller Eltern: Den Kindern soll es gutgehen, egal, wo sie gerade sind und was sie gerade tun. Es ist unsere Pflicht, Unheil und Gefahren von ihnen fern zuhalten. Praktisch, dass diese Pflicht den meisten Eltern zufällig auch als Instinkt angeboren ist.

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Und deshalb braucht sich auch niemand dafür zu rechtfertigen oder gar zu schämen, wenn er (oder sie) sich um seine (oder ihre) Kinder sorgt. Es ist doch vielmehr selbstverständlich, dass man ihnen die bestmöglichen Bedingungen schafft. Und genau deshalb kann es so etwas wie „Helikoptereltern“ gar nicht geben. Fürsorge für ein Kind kann niemals übertrieben sein.

Der Begriff „Helikoptereltern“ ist deshalb in meinen Augen kompletter Blödsinn. Er meint auch etwas ganz anderes. Das klassische Beispiel ist der Schulweg und das immer wieder bemühte Klischee von Familien, die ihre Kinder mit Auto bis vor die Schulbank fahren.

Solche Eltern gibt es zweifelsohne. Man kann ihnen aber nicht vorwerfen, dass sie ihre Kinder beschützen wollen. Denn darum geht es ihnen nicht, wenn sie vor der Klasse die Autotür öffnen. Sondern darum, dass sie glauben, ihr Kind packt den Schulweg nicht alleine. Und das hat nichts mit übertriebener Fürsorge, sondern mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun. Bei Eltern und Kindern.

Eltern müssen tun, was ihnen angeboren ist

Der Vorwurf an diese Eltern müsste also eher lauten, dass sie ihren Kindern zu wenig – vielleicht auch gar nichts – zutrauen. Das gehört aber nun einmal auch zur Fürsorge: Die Entwicklung der Kinder zulassen. Das ist zugegeben schwierig: Man ist in Gedanken stets bei ihnen und hofft, dass es ihnen gut geht.

Gleichzeitig muss man akzeptieren, dass die Kleinen in der großen Welt unterwegs sind, und da passieren leider nicht immer nur gute Sachen. Aber auch das ist eine Erfahrung, die Kinder machen müssen. Und wenn das passiert, müssen die Eltern da sein und das tun, was ihnen angeboren ist: Sich um die Kinder kümmern.

Wer hingegen von „Helikoptereltern“ spricht, der impliziert, dass die Fürsorge per se etwas Schlechtes sei. Und das ist mit „Blödsinn“ meiner Meinung nach noch freundlich umschrieben.

Wenn mein Kind weint, dann warte ich nicht erst ab, ob sich die Sache von selbst regelt, sondern schaue nach dem Rechten. Mit der gebotenen Eile. Wenn mein Kind an eine vierspurige Straße tritt, werde ich es an die Hand nehmen. Wenn mein Kind auf dem Fußballplatz umgetreten wird, dann laufe ich auf den Platz und tröste es, Platzregeln hin oder her.

Der Unterschied zu denen, die von der Allgemeinheit gern als „Helikoptereltern“ bezeichnet werden, ist vielmehr der: Ich traue meinen Kindern zu, dass sie bestimmte Dinge alleine bewältigen. Wobei man beide Aspekte – Fürsorge und Zutrauen – nicht scharf begrenzen kann.

Meine Frau meint beispielsweise, dass ich in manchen Situationen immer noch zu langsam reagiere. Dafür würde ich unseren Sohn mittlerweile deutlich längere Strecken mit dem Fahrrad alleine fahren lassen. Es braucht da einen Kompass, und bekanntlich zittern Kompassnadeln immer ein wenig. So ähnlich wie die Rotorblätter bei einem Helikopter.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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