Kita-Kinder sollen wenn möglich wieder zu Hause betreut werden, so der Appell an die Eltern. Montag war der erste Tag im neuen, aber schon bekannte Modell. © BBC Creative / Unsplash.com
Betreuung

Familien aus Lünen im Lockdown: „Sind dankbar, dass wir die Kita nutzen können“

Um das Infektionsrisiko gering zu halten, sollen Eltern ihre Kinder möglichst nicht in die Kita bringen. Im Gespräch schildern vier Mütter aus Lünen, warum das nicht ganz so einfach ist.

Der Lockdown wurde zum 15. Februar verlängert – und mit ihm der Appell des Landes: „Betreuen Sie Ihre Kinder wenn möglich zuhause!“ Viele Familien stellt diese Bitte jedoch vor ein moralisches Dilemma: Sollen sie ihre Kinder trotzdem in die Kita schicken – und damit womöglich den Unmut der Erzieherinnen auf sich ziehen, die sich derzeit „völlig ausgeliefert“ fühlen?

Oder sollen sie dem Appell folgen und die Kinder zuhause isolieren – was neben der zusätzlichen Belastung für die Eltern auch durchaus negative Folgen für die Entwicklung des Nachwuchses haben kann?

Für Manuela Streich (33) ist die Sache klar: „Ich möchte meine Kinder weiter in die Kita bringen, solange das möglich ist.“ Die Lünerin ist zum dritten Mal Mutter geworden, die beiden anderen Kinder sind fast drei Jahre alt. Ihr Mann ist selbstständig und arbeitet nicht im Homeoffice. „Ich bin am Maximum meiner Belastbarkeit. Und das nicht nur wegen der Kinder, denn auch meine restliche Arbeit bleibt liegen. Man muss sich quasi zerteilen, um allen und allem gerecht zu werden.“

Vier Stunden Schlaf in drei Etappen

Ein Gefühl, dass auch Sabine Dinges (35) gut kennt: „Ich bin mit einem Säugling zuhause und bekomme jede Nacht nur 3 bis 4 Stunden Schlaf in 3 Etappen.“ Wenn sie dann noch ganztags eine Dreijährige beschäftigen und fördern müsse, während es keinerlei Abwechslung in Form von Zoo, Tierpark oder Schwimmbad gibt, komme sie an den Rand ihrer Kräfte. „Wir sind dankbar, dass wir in diesen Zeiten die Kita nutzen können“, betont Manuela Streich, wie wichtig gerade jetzt die Arbeit der Erzieherinnen ist: „Was dort geleistet wird, können die Familien gar nicht auffangen. Es ist unersetzbar und unglaublich wertvoll für die Kinder.“

Dabei geht es der Lünerin nicht nur um die eigene Situation, sondern auch um das Wohl ihrer Kinder: „Sie können dort Freunde treffen, ein Stück von ihrer Struktur und ihrem Alltag bewahren und erhalten durch die Erzieherinnen ganz anderen Input. Die Kinder in die Kita zu bringen, ist für viele Eltern absolut im Sinne ihrer Entwicklung.“ Zumal der Lockdown im Frühjahr 2020 noch gut in Erinnerung ist – zum Beispiel bei Alicia Rückert (33): „Da habe ich oft in traurige Kinderaugen geguckt.“ Damals war die Regelung strenger, nur wer in systemrelevanten Berufen gearbeitet hat, durfte sein Kind in die Notbetreuung geben. „So einer Situation möchte ich mein Kind nicht noch einmal aussetzen.“

„Es gibt mehr Gründe als Berufstätigkeit“

Deshalb ist die zweifache Mutter froh, dass die Entscheidung über die Betreuung den Eltern überlassen wurde. „Auch die Landesregierung hat wohl erkannt, dass es viel mehr mögliche Gründe gibt, sein Kind betreuen zu lassen, als die bloße Berufstätigkeit.“ Dabei ist auch Alicia Rückert wichtig zu betonen, dass den Eltern in den meisten Fällen sehr wohl bewusst ist, dass die Erzieherinnen und Erzieher einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt würden. „Sie ignorieren nicht die Gefährlichkeit des Virus. Aber sie versuchen eben auch, die richtige Entscheidung zum Wohle ihrer Kinder und ihrer Familie zu treffen.“

Und diese Entscheidung wird nicht mal eben so gefällt. Das weiß auch Judith von Bargen (33). Die Mutter eines dreijährigen Sohnes stellt sich zur Zeit ebenfalls dem Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung. Da die Kinderkrankentage nicht in jeder beruflichen Situation eine Lösung darstellen, hat sie sich für einen Kompromiss entschieden: Betreuung zu Hause und in der Kita. „Ich bin sehr dankbar, dass ich meinen Sohn zeitweise in der Kita gut versorgt weiß.“ Denn nicht nur die eigene Belastung sei hoch, sondern auch die der Kinder: „Im ersten Lockdown war mein Sohn drei Monate zuhause. Diese soziale Isolation und Belastung hat man ihm deutlich angemerkt, das soll er nicht noch einmal so erleben müssen.“

Brief der Stadt bringt zusätzlichen Druck

Dank der „offenen und professionellen Haltung der Erzieherinnen“ bringt auch sie ihr Kind mit einem überwiegend guten Gewissen in die Kita – trotz des emotionalen Drucks, der durch einen Elternbrief der Stadt aufgebaut wurde. Der Appell, die Kinder möglichst zuhause zu betreuen, wurde in dem Schreiben vorangestellt und auf den „eingeschränkten Pandemiebetrieb“ verwiesen. „Für eine transparente und vollständige Information der Eltern wäre es wichtig gewesen zu erwähnen, dass die Kitas in NRW gerade nicht geschlossen sind“, kritisiert auch Alicia Rückert den Brief. Dass die Stadt zudem Bezug auf den Tod einer Erzieherin in Kamen nimmt, verstärke den Eindruck, dass hier Druck auf die Eltern ausgeübt werden soll.

Die Eltern sind sich einig: In der Frage, ob man die Betreuung in der Kita in Anspruch nimmt, gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Alicia Rückert formuliert es so: „Das Infektionsgeschehen und das damit verbundene Risiko steht vielen – ganz unterschiedlichen – Erwägungen der Familien gegenüber.“ Erwägungen, die mitunter intime Details betreffen können und deshalb auch niemand in Frage stellen sollte: „Auch das ist die Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft: Entscheidungen, die sich innerhalb unserer Rechtsordnung bewegen, zu akzeptieren.“

Der Wunsch der Mütter für die verbleibende Zeit im Lockdown: Keine Pauschalurteile, sondern Gespräche. Denn: „Jede Entscheidung einer Familie, ihr Kind trotz Appell und Risiko in die Kita zu bringen, wird dann schnell nachvollziehbar sein.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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