Fledermausexperte aus Lünen: „Heimische Arten übertragen kein Corona“

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Fledermäuse spielten eine Rolle bei der Übertragung des Coronavirus auf den Menschen. In China. Können auch heimische Arten die Krankheit übertragen? Unfug, sagt ein Experte aus Lünen.

Brambauer

, 23.04.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Seit mehreren Wochen gibt es vermehrt Anfragen, ob Fledermäuse gefährlich und Überträger der Sars-CoV-2-Viren sind.“ Mit dieser ungewöhnlichen Aussage wendete sich Willi Dickhöfer vom Arbeitskreis für Umwelt und Heimat in Lünen an unsere Redaktion.

Ungewöhnlich auch für Dickhöfer selbst, der sich seit vielen Jahren mit Fledermäusen beschäftigt, Fledermauskurse in der Waldschule in Cappenberg gibt, einige Tiere von Hand aufgepäppelt hat.

In der Wissenschaft sei man sich noch nicht sicher, wie die Fledermäuse zur Corona-Pandemie beigetragen haben. Sicher sei aber: Von den weltweit mehr als 1400 Fledertierarten dienten nur einige Arten als Wirt für Coronaviren.

Heimische Fledermäuse keine Überträger von Corona

„Heimische Fledermäuse keine Träger des neuartigen Coronavirus“ titelt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) auf seiner Homepage. Dennoch würden aktuell immer wieder Fledermäuse mit dem neuartigen Coronavirus, das die Erkrankung Covid-19 auslösen kann, in Verbindung gebracht.

Eine direkte Übertragung der Cornaviren durch Fledermäuse ist laut Experten theoretisch denkbar. Aber die Geschichte der Virenausbrüche hat gezeigt, dass bisher immer Zwischenwirte notwendig waren. Bei Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV) etwa waren das im April 2012 laut Robert-Koch-Institut Dromedare.

Bei Ebola waren es Gorillas und Schimpansen, und bei Sars wurde der Larvenroller, eine asiatische Schleichkatzenart, als Zwischenwirt identifiziert. Die Suche nach dem Zwischenwirt und die Übertragung der Sars-CoV-2-Viren auf den Menschen sind noch nicht geklärt.

Als Ausgangspunkt für das Coronavirus werden bislang lokale Tiermärkte in China vermutet. Dort werden Nutz-und Wildtiere, auch Flughunde und Fledermäuse, in häufig sehr engen und auch unhygienischen Verhältnissen gehandelt.

Diese verletzte Breitflügelfeldermaus hatte sich vor Jahren in das Schlafzimmer einer Lünerin verirrt. Willi Dickhöfer versuchte damals, dass Tier zu retten. Leider ohne Erfolg.

Diese verletzte Breitflügelfeldermaus hatte sich vor Jahren in das Schlafzimmer einer Lünerin verirrt. Willi Dickhöfer versuchte damals, dass Tier zu retten. Leider ohne Erfolg. © Willi Dickhöfer

Exkurs: Corona durch Laborunfall freigesetzt?

Hinzu kommt, dass eine weitere Theorie immer mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ein Exkurs zur Berichterstattung der Ruhr Nachrichten vom 21. April: Dafür, dass die bislang nicht verbreitete Virenart Sars-Cov-2 erstmals aus einem Biotechnologie-Labor für Virologie in Wuhan in die Öffentlichkeit gelangt ist, gibt es keinen Beweis.

Unumstritten sind aber fünf Punkte, die den Gedanken an einen Laborunfall zumindest nicht allzu weit hergeholt erscheinen lassen. In dem Wuhan-Labor, der modernsten Einrichtung ihrer Art in China, wird seit vielen Jahren mit diversen neuen Varianten des Coronavirus hantiert.

Zu den Forschungsschwerpunkten gehörte die Übertragung von Erregern aus Fledermäusen auf andere Arten. Eine an dieser Stelle führende Wissenschaftlerin, die Virologin Zheng-Li Shi, war im Westen als „Bat Woman“ bekannt.

Im Wissenschaftsmagazin „Nature“ publizierte Zhen-Li Shi mit Kollegen am 4. April 2018 einen Bericht zur Übertragung von Coronaviren von Fledermäusen auf Schweine.

Forschung „bedeutsam, aber auch gefährlich“

Ebenfalls im Jahr 2018 warnten US-Experten vor Sicherheitsproblemen im Wuhan-Labor. Der Zeitung „Washington Post“ liegt ein sogenannter Kabelbericht ans US-Außenministerium vor. Danach wird die Forschung an Fledermausviren, zu deren

Finanzierung auch die USA beitrugen, als „bedeutsam, aber auch gefährlich“ eingestuft.

Am 2. März 2019 warnte Zhen-Li Shi vor dem Übergang neuer Coronaviren auf den Menschen – es gebe inzwischen „eine gewachsene Wahrscheinlichkeit, dass dies in China geschehen wird“.

Vor diesem Hintergrund kann man einen Laborunfall für möglich halten – ohne gleich ein anti-chinesischer Verschwörungstheoretiker zu sein. Zugleich bleibt aber auch die Deutung zulässig, die Epidemie habe nur zufällig ausgerechnet in Wuhan begonnen.

Angst vor heimischen Fledermäuse unbegründet

Zurück zu heimischen Fledermäusen in Lünen: Es gibt keine Belege dafür, dass die in Deutschland heimischen Fledermäuse Träger jenes Corona-Stammes sind, dem auch das Coronavirus SARS-CoV-2 entstammt.

Beim Umgang mit Wildtieren sollte man laut Willi Dickhöfer dennoch immer Vorsicht walten lassen. Menschen werden von erkrankten Fledermäusen, beispielsweise mit der Fledermaustollwut allerdings nicht aktiv angegriffen.

Insbesondere Tiere, die tagsüber im Freien gefunden werden, flugunfähig sind oder auffälliges Verhalten zeigen, sollten nur mit dicken Lederhandschuhen angefasst werden.

Laut RKI trat der letzte durch einen Fledermausbiss verursachte tötliche Tollwutfall beim Menschen in Europa 2002 in Schottland auf.

Handschuhe und Respekt vor Wildtieren als Schutz

„In meiner über 30-jährigen Tätigkeit mit Fledermäusen habe ich häufiger direkten Kontakt mit gefundenen und kranken Tieren gehabt“, sagt Dickhöfer dazu. „Handschuhe und der Respekt vor den Fledermäusen haben mich vor Bissen oder Krankheitsübertragungen geschützt.“

Bei gefunden Fledermäusen in Lünen – ob tot oder lebendig – sollte man schnellstmöglich den Arbeitskreis für Umwelt und Heimat oder die Waldschule in Cappenberg um Rat fragen.

Häufig können Tiere, die nur geschwächt oder leicht verletzt sind, nach fachkundiger Hilfe wieder in die Freiheit entlassen werden. Tote Tiere werden an das Friederich-Löffler-Institut weitergeleitet, wo sie auf Tollwut untersucht werden.

Weitere Informationen und Hinweise über Fledermausbeobachtungen können an den Arbeitskreis via E-Mail an info@umweltundheimat.de oder telefonisch unter (0231) 872777 weitergegeben werden.

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